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Aus: Ausgabe vom 26.10.2021, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Die Silhouette des Teufels

Ein Roadmovie durch die Todeszonen der mexikanischen Drogenkartelle
Von Kai Köhler
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Trägt den Film und vermittelt Gefühle mit minimalen Regungen: Mercedes Hernández als Magdalena

Am Anfang steht ein lakonischer Abschied: Irgendwo in Mexiko sagt ein Jugendlicher, ausgerechnet mit dem Namen Jésus, dass er zusammen mit einem Freund in die USA gehen werde. Wochenlang hört man nichts weiter von den beiden. Die beunruhigten Mütter erkundigen sich. Tatsächlich wird die Leiche des Freundes zusammen mit anderen Toten gefunden, doch von Jésus taucht nur seine Tasche auf.

Mit wenig Hoffnung macht sich seine Mutter Magdalena auf den Weg, den Sohn doch noch zu finden. Die Regisseurin Fernanda Valadez nutzt die Form des Roadmovies. Diese Reise an ein ungewisses Ziel erlaubt zugleich die Analyse eines Gesellschaftszustands, in dem offene Gewalt herrscht. Magdalena kommt in Regionen, in denen die Staatsmacht kaum mehr leisten kann, als die Überreste von Ermordeten einzusammeln und sie vielleicht noch zu identifizieren. Die eigentliche Kontrolle haben bewaffnete Banden.

Auf ihrer Wanderung trifft Magdalena Miguel, der einige Jahre lang in den USA gearbeitet hatte, ausgewiesen wurde und nun mittellos in sein Heimatdorf zurückkehrt. Mit nur wenigen Worten entwickeln sich Vertrauen und Kooperation zwischen den beiden. Diese Handlung ist denkbar einfach. Der Film entwickelt dafür aber einen so eigentümlichen wie wirksamen elliptischen Erzählrhythmus. Es geht schnell voran – oft muss man sich erschließen, was wohl im nicht gezeigten Dazwischen geschehen sein muss.

Anderes vollzieht sich hingegen sehr langsam: Miguel muss die USA verlassen. In einer langen Sequenz folgt die Kamera seinen Blicken durch stählerne Gänge, Grenzkontrollen und abermalige Stahlgänge auf die mexikanische Seite, bis er sich jenseits des staatlich überwachten Bezirks ratlos im Verkehrsgetümmel wiederfindet. Man spürt, was eine als »freiwillige Ausreise« benannte Abschiebung bedeutet.

An anderer Stelle umkreist die Kamera die Ladefläche eines Lastwagens, der als Taxi dient, und verfolgt die Bewegung eines Bandenmitglieds, das in der Übergangszone zwischen dem halbwegs staatlich kontrollierten Gebiet und den Todeszonen der Drogenkartelle entscheidet, ob die Passagiere durchkommen dürfen, nur ausgeplündert oder noch erschossen werden. Die Kamera suggeriert einen Raum, in dem die vier unbewaffneten Passagiere gleichsam von dem einen Mann mit Maschinenpistole gefangengehalten werden, bis der gnädig das Weiterfahren erlaubt, und der Raum sich wieder öffnet.

Gelegentlich ist der Film auffällig statisch. Man ist ja – Schuss und Gegenschuss – daran gewöhnt, immer die Person im Bildausschnitt zu sehen, die gerade redet. Darum kümmert sich Valadez wenig. Wenn Magdalena mit Polizisten, Ärzten, Angestellten der Busfirma spricht, sehen wir häufig nur sie, also auch ihre Reaktionen auf das Gehörte. Als Hauptdarstellerin trägt Mercedes Hernández den Film. Gefühle vermittelt sie mit minimalen Regungen und damit viel eindrucksvoller als durch Geschrei und Geheul. Ein klein wenig fremd bleibt diese Gestalt in ihrer entschlossenen Dringlichkeit. Auch das: Sich mit ihrem Ziel zu identifizieren, ihr einen glücklichen Ausgang zu wünschen, aber sie doch nicht ganz zu verstehen, sorgt für die Spannung des Films.

Er ist, um ein beliebtes Wort zu bemühen, »bildgewaltig«. Das Positive daran ist, dass Valadez nie die Illusion herzustellen versucht, sie bilde unmittelbar Realität ab. Das gibt es im Film nicht. Sie erschafft bildlich Räume, die soziale Verhältnisse verdeutlichen. Sie erzeugt Landschaften, die Bedrohung und die körperliche Mühe des Fortbewegens spürbar machen. Insofern handelt es sich um einen realistischen Film. Zuweilen ist Valadez allzu verliebt in ihre Bildideen, und an einer wichtigen Stelle gleitet sie ins Symbolische ab: Als Magdalena den Bericht über das Ende der Buspassagiere hört, der ihr Gewissheit verschaffen soll, bildet sich in der Rückblende aus den mutmaßlichen Mördern von Jésus die Silhouette des Teufels. Auch das ist formal eingebettet und bereitet das ambivalente letzte Bild vor. Auch ist es ein kluger Gedanke, sich dem Überbietungswettbewerb des gegenwärtigen Kinos um die abschreckendste Darstellung von Gewalt zu entziehen. Doch ist der christliche Mythos, ob geglaubt oder nicht, ungeeignet, Morde im Bandenkrieg zu erklären. Vielmehr geht es ums Geschäft (das ist nicht Thema das Films). Dem Geschäft dient die Kontrolle von Räumen, und in diesen Räumen bewegen sich Opfer und Überlebende mit ihren Gefühlen. Wie, das zeigt dieser Film eindrucksvoll.

»Was geschah mit Bus 670?«, Regie: Fernanda Valadez, Mexiko/Spanien 2020, 29.10.2021–31.10.2021 im Rahmen der Veranstaltung »Frauenwelten«, Kino in der Kulturbrauerei, Berlin

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