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Aus: Ausgabe vom 27.10.2021, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

Eine Klasse feiert sich

Die Pariser Ausstellung der Morosow-Sammlung ist ein ästhetisches Ereignis – mit politischem Geschmäckle
Von Reinhard Lauterbach
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»Der Russe, der nicht feilscht«: Iwan Abramowitsch Morosow, Lieblingskunde aller Pariser Kunsthändler (Porträt, gemalt von Walentin Serow, 1909)

Eines sei vorweg gleich gesagt: Wer diese Pariser Ausstellung verpasst, dem ist etwas entgangen, wozu man vielleicht einmal im Leben Gelegenheit hat: die mit Recht weltberühmte Sammlung der russischen Industriellen Michail und Iwan Morosow in – beinahe – der Form zu sehen, in der sie von ihren Gründern zusammengetragen wurde. Über 200 Werke der klassischen Moderne vor allem französischer und russischer Künstler. Auch wenn man den Ausstellungstitel »Ikonen der Moderne« als abgedroschenen Werbejargon empfinden mag – hier trifft er ausnahmsweise zu. Wer an französische Avantgardekunst der Zeit zwischen 1870 und 1914 denkt, kommt an der Morosow-Sammlung nicht vorbei.

Man läuft von Hauptwerk zu Hauptwerk, ob es Renoirs flirrende Straßenszene vom Boulevard des Capucines ist, ein Mohnfeld von Monet oder Cézannes Montagne Sainte-Victoire bei Aix, ein Seestück von Vincent van Gogh und sein kurz vor seinem Tod entstandener beklemmender »Rundgang im Gefängnishof«, der so gar nicht in das verpoppte Bild des Sonnenblumen- und Windmühlenmalers passt. Man steht vor einem runden Dutzend Tahiti-Bildern von Paul Gauguin, sieht Picassos aus mehreren Schaffensphasen – ein Bild toppt das andere, es ist in dieser Breite und Qualität geradezu atemberaubend.

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Nicht der van Gogh von der Postkarte: »Runde der Gefangenen« (1890)

Bilder einer Landschaft

Was hier gezeigt wird, zusammengetragen aus der St. Petersburger Eremitage sowie der Tretjakow-Galerie und dem Puschkin-Museum aus Moskau, wird in dieser Vollständigkeit in diesem Winter in Paris nicht nur erstmals überhaupt außerhalb Russlands ausgestellt – ursprünglich hingen die Bilder im Moskauer Stadtpalais von Iwan Morosow, also in einem privaten Kontext –, sondern ist normalerweise auch auf mehrere Häuser verteilt: Ergebnis einer über lange Jahre wenig wertschätzenden sowjetischen Kulturpolitik, die die 1918 nationalisierte Sammlung 1938 wegen »Formalismus« schloss, einige Werke ins Ausland verkaufte und die Rückkehr der 1941 nach Nowosibirsk evakuierten Gemälde 1948 zum Anlass nahm, die Kollektion auf mehrere Häuser im ganzen Land zu verteilen. Ohne erkennbare inhaltliche Gründe kam zum Beispiel das von Walentin Serow hinreißend hingetupfte Porträt der Sammlersgattin Margarita Kirillowna Morosowa, das den Rundgang eröffnet, nach Dnjepropetrowsk (heute Dnipro) und wurde für diese Ausstellung von dort ausgeliehen. Ironischerweise wird als Provenienz in Paris immer noch der sowjetische Name der Stadt zitiert, obwohl die aktuellen ukrainischen Machthaber den 90 Jahre lang namensgebenden Grigori Petrowski 2016 aus dem Stadtnamen getilgt haben. Die Ausstellungsmacher haben, gewollt oder ungewollt, mit der Sammlung Morosow auch die gemeinsame sowjetische Museumslandschaft rekonstruiert, auf die die Bilder einst verteilt wurden.

Wer waren diese Morosows überhaupt? Zwei Brüder aus der dritten Generation einer Unternehmerdynastie, die in den 100 Jahren zwischen 1820 und der Oktoberrevolution zu märchenhaftem Reichtum kam. 1914 galt Iwan Morosow (1871–1921) als fünftreichster Russe. Er übernahm nach dem frühen Tod seines älteren Bruders Michail (1870–1903) das Textilimperium der »Manufakturgesellschaft Twer«, ihm verdankt die Nachwelt den Hauptteil der Sammlung. Morosow ließ zwischen 1904 und 1914 jährlich 200.000 bis 300.000 Francs bei den damals angesagten Pariser Kunsthändlern. Einer von ihnen, Paul Vollard – man sieht auch ein kubistisch verfremdetes Porträt von ihm von der Hand Picassos  –, nannte ihn »den Russen, der nicht feilscht«. Nach eigenen Notizen gab Morosow allein für den französischen Teil seiner Sammlung in diesen zehn Jahren 1,4 Millionen Francs aus, der zweite Schwerpunkt war zeitgenössische russische Malerei. Zur selben Zeit verdiente ein französischer Bergmann täglich um die fünf Francs, ein Metallfacharbeiter maximal das Doppelte.

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Paul Gaugin: Te tiare farani (Großer Blumenstrauß mit tahitischen Kindern, 1891)

Muff von Eigenlob

Die Löhne in den Morosowschen Fabriken dürften weit niedriger gelegen haben, die Textilbranche war immer eine der Niedriglöhne und eignete sich auch deshalb besonders als Leitindustrie der ursprünglichen Akkumulation. Iwan Morosow soll den Wert des Unternehmens allein zwischen 1905 und 1916 verdreifacht haben, zuletzt auch als Kriegslieferant für Uniformstoffe und Zeltplanen. Den vereinnahmten Mehrwert gab er mit vollen Händen wieder aus. Nicht nur für Kunst, auch für eine neuartige Kühlanlage von Linde, die er dem Physikalischen Institut der Moskauer Universität stiftete, und für den Grundstock der Moskauer Krebsklinik. Der Katalog spricht davon, dass die aus einer »altgläubigen« – das ist, grob gesagt, in wirtschaftsethischer Hinsicht die orthodoxe Variante des Protestantismus – Familie stammenden Morosows »der Gemeinschaft« etwas von ihrem Reichtum hätten zurückgeben wollen. Eine millionenschwere Privatsammlung, die vor der Revolution allenfalls persönliche Gäste Morosows zu sehen bekamen, ist nicht der beste Beleg dieser These, auch wenn Morosow das persönliche Erbe seiner Mutter verwendete, um in Twer Arbeiterwohnungen zu bauen. Sicher war er ein vorausschauender Unternehmer, der wohl ahnte, dass die Grundlagen seines Reichtums nicht tragfähig waren. Iwan Morosow schaffte es noch, einen Großteil des flüssigen Kapitals seiner Fabriken auf englische Banken zu transferieren, so dass er auch nach seiner Emigration 1919 keine materielle Not litt. Und von Margarita Kirillowna, der Witwe seines Bruders Michail, ist überliefert, dass sie schon 1916 geschrieben haben soll, die Revolution werde wohl nicht zu vermeiden sein, und besser, sie komme unter Führung der Sozialrevolutionäre, als unter der der Bolschewiki.

Mit dieser Ausstellung feiert sich eine Bourgeoisie selbst, die schon alles hat und sich deshalb das Mäzenatentum leisten kann. Veranstalter ist die Stiftung des Luxuskonzerns LVHM, die einer bekannten Handtaschenmarke Steuern sparen hilft. Sie hat sich die Ehre, diese Ausstellung zeigen zu dürfen, durch millionenschweres Sponsoring einer Restaurierung des Musiksalons in Morosows Moskauer Palais verdient. Auch für den Wiederaufbau von Notre-Dame hat Konzernchef Bernard Arnault mal eben 200 Millionen Euro lockergemacht. Bei seinem geschätzten Gesamtvermögen von 175 Milliarden Euro freilich ein Betrag für die Portokasse. Dem Glanz der Ausstellung tut dieser Muff kapitalistischen Eigenlobs freilich keinen Abbruch. Und nach Paris kommt man von Deutschland aus ja immer noch einfacher als nach Moskau oder Petersburg.

»Icônes de l’art moderne. La Collection Morozov«. Paris, Fondation Louis Vuitton, bis zum 22. Februar 2022. Englisch oder französisch. Eintritt: 16 Euro

Katalog auf französisch, englisch oder russisch: 49,90 Euro

kurzelinks.de/morosow

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