75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Dienstag, 30. November 2021, Nr. 279
Die junge Welt wird von 2593 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 25.10.2021, Seite 16 / Sport
Fußball

Der Unregierbare

Seinem Freund zum 80. Geburtstag: Jürgen Roths Porträt des legendären Sportreporters Günther Koch
Von Pierre Deason-Tomory
imago0000754265h.jpg
Wispert und zetert, schimpft, lobt, bettelt und beschwört: Sportreporter Günther Koch

»Und jetzt passt amal auf! Jetz klingelt’s! Aber mir ham noch fünfazwanz’g Meter! Schweinsteiger! No zwanz’g Meter! Noch sechzehn Meter! Muss den Ball abspielen oder schiaß’n! Ich hab’s Ihnen ja gesagt, so macht ma’ des. Trallala. 3:0. Er hätt’ auch noch abgeben können. Aber er hat sich g’sogt: Die war’n ja alle scho’ dran. Der Ballack war scho’ dran, der Makaay war scho’ dran. Ich bin der Schweinsteiger! Und ich mach des 3:0! Und Sie ham’s gehört, im Radio …«

… Schweinsteigers erstes Bundesligator zum 3:0 der Bayern gegen die Hertha (2003). Fürs Radio bebildert von Günther Koch, dem Reporter, der im Feuilleton gefeiert und auf die Bühne gestellt wurde wie keiner vor ihm. Dokumentiert von Jürgen Roth in einem Buchporträt, das er seinem Freund zum Achtzigsten präsentiert hat, »Wir melden uns vom Abgrund. Günther Koch – ein Leben als Fußballreporter« heißt es.

Der »Teilzeitfranke«, Schriftsteller und gewesene (?) Bayernfan Roth hat das Buch auf Livereportagen aufgebaut. Man hört den wahnhaften Wortschöpfer im gesamtbayerischen Originalton bei seinen Auftritten, die der Stern 2001 so beschrieben hat: »Koch verändert Rhythmus, Klangfarbe, Tempo. Kostet die Vokale aus wie andere einen Humpen Bier (…). Er wispert und zetert. Schimpft, lobt, bettelt, beschwört. Jammert, jauchzt. Schweigt. Schreit, stöhnt: Toarr!«

Koch ist gelernter Ganzfranke, Flüchtlingskind, groß geworden in München, seit Mitte der Sechziger als Lehrer in Nürnberg zu Hause. Sportler, engagierter Christ, Sozialdemokrat, vorlaut, er schlägt sich beim BR frech selbst vor und darf, weil Naturtalent und hartnäckig, tatsächlich ran. In Teilzeit, erst mit Reportagen vom Dorf, später mit Bundesligafußball vom Club, dann auch in der Champions League.

Er wird berühmt als Seher mit Kopfhörer: »Aufpassen, liebe Bayern-Fans, aufpassen liebe Club-Fans, jetzt entscheidet sich’s. Wahrscheinlich schon die vorentscheidende Situation im Städtischen Stadion. (…) Vierunddreißig Minuten sind gespielt! Thomas Brunner, der Spielführer, für die Nürnberger läuft gegen Aumann, jetzt haut er drauf! Tooor!! Eins zu nuull für Nürnberg! Und ausgerechnet gegen die Bayern aus München!« Der Moderator im Studio nimmt ab: »Übrigens, wenn Sie es nicht ganz mitbekommen haben am Anfang: Da spiel’n zwei bayerische Mannschaften, aber das Herz des Reporters schlägt halt hörbar für die Cluberer …« (25.11.89 Club – Bayern 4:0)

Drei Club-Tore später tobt das Stadion, der Reporter rennt aus der Kabine und fällt mit dem Mikro über die Zuschauer her. »(Koch:) Was sagen Sie zum Spiel, was sagen Sie zum …? (Fan:) Spitze! (Koch:) Okay. Was sagt der Max Morlock? Max Morlock, was sog’n mer zum Spiel? (Max Morlock:) Hochverdient! (Koch:) Jetzt sin’ mer unten in der ersten Reihe, und der Club is’ über die Middelline! Mi’m Wirsching! Oooh! Und etz könner’s beinah’ wieder a Tor machen! Was sogt der Oberbürgermeister? 4:0? (Peter Schönlein:) Einfach phantastisch! Einmalig! (Koch:) Jetzt geh’ mer mal hier vorbei durch’s Gitter, is’ alles a bißl eng bei uns, nä? Aber schee is’ bei uns in Nürnberg …«

Jürgen Roth muss Jahre damit verbracht haben, Mitschnitte abzuhören und zu verschriftlichen. Er hat Kochs eigentümliche Mundart mitübertragen, daraus geworden ist ein Hörbuch auf Papier. Zwischen den Reportagen, Interviews mit Kollegen und Zitaten aus der großen Bibliothek mit Texten von oder über Koch. Sehr nahe kommt er dem integren Irren aus Langwasser in persönlichen Gesprächen wie diesem beim Autofahren: JR: »Bist schon ein Streithansel. GK: Ich bin kein Streithansel … Na, Idiot, du blöder! Alle müssen sie ihr Handy lesen, die Arschlöcher, die verfickten, du. Ja, es ist doch zum Kotzen!«

Weil der Unregierbare auch mal so Sachen macht wie Protestbriefe schreiben (»Diese Benachteiligung meinerseits, der BR-internen ›Nr. 2‹ nach Rubenbauer in Sachen Fußball, stellt eine für jeden Hörer nachvollziehbare Diskriminierung meiner Person da.«) oder Ewald Lienen am Spielfeldrand live zur Friedenspolitik befragen, gerät der Biograph ins Schwärmen.

»Günther Koch entpuppte sich bald als die geborene Außensprechstelle, als eine von der Bürokratie nicht vorgesehene und von ihr nicht abgeschliffene und disziplinierte Person, …« – hier ergießt sich ein Wortschwall in einen Satz, der erst nach einer Dreiviertelseite endet mit »… weil er dem Impuls, dass jeder etwas zu sagen und nämlich zu erzählen hat, ließe man ihn bloß, weil jeder ein Erzähler ist, schnürte man ihm nicht das Gehirn ab – Nun gut, der Satz kriegt die Kurve nicht mehr. Fahren wir folgendermaßen fort: Günther Koch war und ist ein Exterritorialer …«

Unüberhörbar ist die penetrante Eitelkeit des inzwischen Alterswilden. Ein Kollege berichtet: »Der Günther wusste natürlich, was für ein toller Hecht er war und was er für tolle Reportagen gemacht hat. Und dann sitzen 30 oder 40 Journalisten im Bus und werden zum Pressebankett gefahren, und er kann das Lob nicht still auf sich wirken lassen, sondern muss noch erzählen: Aber die Szene hab’ ich so und so gesehen und dann hab’ ich das und das gesagt, und da hab’ ich gleich das Zitat gebracht …«

Dazu Wolfgang Reichmann: »Das hängt damit zusammen, dass sich einer natürlich auch gerne hört. Ein Reporter, der das nicht zugibt, würde lügen.« Vollkommen richtig. Wer beim Radio arbeitet und nicht größenwahnsinnig ist, muss sich fragen lassen, was er da überhaupt will. Roth jedenfalls erspart uns die Schwächen seines Freundes nicht, das könnte dem missfallen, er tut es trotzdem. Er erzählt uns alle Koch-Geschichten, wie aus dem Bayernfan ein fanatischer Clubanhänger wurde, warum er nie von einer WM berichten durfte, wie er fast den Landtag auf den Kopf gestellt hätte und beim Fernsehen einen Bauchklatscher machte. Und sucht nach der letzten der Antworten auf die Frage, ob er wirklich den Begriff »Cluberer« erfunden hat.

»Wir melden uns vom Abgrund« ist das ungewöhnlich ehrliche Porträt einer Ausnahmeerscheinung vor dem Hintergrund der letzten Hochzeit der Fußballreportage. Und eine selige Erinnerung an die alte Radiowelt, die verstummt ist, weil wir das Kino im Kopf geschlossen haben und nur noch auf Bildschirme gucken, die blind machen.

Jürgen Roth: Wir melden uns vom Abgrund. Günther Koch – Ein Leben als Fußballreporter. Verlag Antje Kunstmann, München 2021, 335 Seiten, 24 Euro

Zeitung für das Recht auf Wohnen

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die Zeit Ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern begehen.

Um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, hat die junge Welt die 75er-Aktion. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.