75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Dienstag, 30. November 2021, Nr. 279
Die junge Welt wird von 2593 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 25.10.2021, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

jW_Leserbriefe_Standart.jpg

Schall und Rauch

Zu jW vom 21.10.: »Routinierte Regie«

Ich mache mir ernste Sorgen um Die Linke. Da enthalten sich auf dem Landesparteitag des Berliner Landesverbandes 24 Delegierte bei der Abstimmung über einen Antrag, der das eigene Wahlprogramm in Erinnerung ruft, und 70 stimmen sogar dagegen. »Eine Zerschlagung der S-Bahn und den Einzug privater Kapitalinteressen in Betrieb und Instandhaltung der Berliner S-Bahn tragen wir im Sinne der Millionen Fahrgäste und der Beschäftigten nicht mit.« Von diesem Satz wollten also 94 Delegierte nichts mehr wissen. Dabei ist die Wahl noch keine vier Wochen her. Wer soll dieser Partei glauben, dass sie sich für eine »zügige Umsetzung« des Volksentscheids zum Ankauf von zirka 240.000 Wohnungen (Enteignung wäre nämlich was anderes) »einsetzt«. Auch das hatte sich die Berliner Linke im April ins Wahlprogramm geschrieben. Dieses aber ist seit dem Landesparteitag vom vergangenen Dienstag nur noch Schall und Rauch.

Gustav Gomolla, Berlin

Geißel des Atomkrieges

Zu jW vom 19.10.: »NATO? Nein, danke«

Und wieder sind wir dem Atomkrieg ein Stück näher! Der NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg provozierte die Schließung der NATO-Vertretung in Moskau und die Beendigung der russischen Mission in der NATO-Zentrale in Brüssel. Und wieder ist ein Kommunikationsfaden gerissen, der einen »unbeabsichtigten Kriegsunfall« verhindern sollte. Parallel zu diesen diplomatischen Aktionen probt die NATO seit dem 18. Oktober den echten Atomkrieg »Steadfast Noon«. (…) Seltsam: Von der Abschaffung aller Atomwaffen oder vom Beitritt der Bundesrepublik zum Atomwaffenverbotsvertrag, den mittlerweile mehr als 80 Staaten unterzeichnet haben, ist im Koalitionsverhandlungspositionspapier von SPD, FDP und Grünen nichts zu lesen. Umweltschutz und Klimawandel – ja! Aber Erlösung der Menschheit von der Geißel des Atomkrieges – nein! Ich bitte also hiermit die SPD und die Grünen – und letztlich auch die FDP – im Sinne ihrer eigenen Glaubwürdigkeit, die vollständige atomare Abrüstung, den Atomwaffenverbotsvertrag und die Sicherheitskooperation mit Russland in das Programm der zukünftigen Regierung mit aufzunehmen.

Und die Atommächte? Wieder einmal zeigt sich, dass sie mit ihren Menschheitsvernichtungswaffen nicht umgehen können. Anstatt sich gegenseitig einzugestehen, dass diese Waffen im Sinne eines »gewinnbaren« Krieges nach den Erfahrungen von Hiroshima und Nagasaki nicht mehr gebraucht werden dürfen, also außer Dienst genommen und abgerüstet werden müssen, spielen sie diplomatische Spielchen: immer schön am Rande eines Atomkrieges. Es wird Zeit, dass die progressiven, am Überleben der Menschheit interessierten Menschen sich weltweit organisieren und diese Atomwaffenlast beseitigen.

Hans-Helmut Heinrich, Berlin

»Big Data« anders nutzen

Zu jW vom 12.10.: »Pest und Potential«

Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Artikel! Mir kommt ein Aspekt in der Betrachtung von Datensammelkonzernen manchmal ein bisschen kurz: die Bedeutung der Daten und Algorithmen für Investitionserfolg am Finanzmarkt. Man kann sich z. B. vorstellen, dass es ungeheuer nützlich ist, aus Echtzeitdaten als erster von einem ­Katastrophenereignis zu erfahren, um auf fallende Kurse potentiell betroffener Unternehmen zu wetten. Sind diese Datenkraken letztlich Goldesel, die ihren Eignern die besten Renditeoptionen verraten? Wie groß könnte die Bedeutung von Big Data und KI für Investitionsentscheidungen momentan schon sein? Das hat auch einen volkswirtschaftlichen Aspekt: Der Finanzmarkt ist, wenn ich das richtig verstehe, ja quasi die »Plankommission« des Kapitalismus, er teilt Kapital an Unternehmen der Realwirtschaft zu. Die Zukunft wird dabei freilich nicht absichtlich geplant, sondern eine wahrscheinliche Zukunft wird angenommen, sie ergibt sich letztlich spieltheoretisch aus möglichen Handlungsoptionen verschiedener Big Player. Aus den angenommenen Renditechancen in dieser vorhergesehenen Zukunft ergibt sich letztlich der implizit entstehende »Wirtschaftsplan«. Und das sicher auch heute schon unter Einfluss der Plattformdaten. Der entscheidende Schritt zum Sozialismus ist es aus meiner Sicht, die Zielfunktion dieser ökonomischen Optimierung zu ändern, und zwar weg von den Zielen der Kapitaleigner und hin zu den Zielen/Bedürfnissen der Bevölkerung. Letztere sind im kapitalistischen »Wirtschaftsplan« ja nur zufällig und als Nebeneffekt mitberücksichtigt. Die Big-Data-Algorithmen können sicher für beide möglichen Ziele genutzt werden.

Hagen Radtke, Rostock

Keine Alternative

Zu jW vom 12.10.: »›Eine Partei ist kein Selbstzweck‹«

(…) Im Jahre 1998 schrieb Hermann Kant: »Ich wollte mich nie mehr auf diese Weise in meine eigenen Angelegenheiten mischen« (d. h. mit einem Leserbrief), und ich muss sagen, dass es mir dreißig Jahre lang auch so ging, aber jetzt kann ich nicht mehr anders. Ich denke, die Feststellungen im Interview kommen mindestens zwanzig Jahre zu spät. Für die Nachfolgepartei der SED die zehn Jahre nach 1989 als Lernprozess zu veranschlagen, wäre in meinen Augen in Ordnung. Aber was im Interview als kritische Punkte für eine realistische (aber im Grunde unterlassene) Analyse des Scheiterns bei den Wahlen angesprochen wurde, war schon in den letzten zwei Jahrzehnten bekannt. Also, irgendwie geht es hier um die berühmten Krokodilstränen. Das Schlimmste in meinen Augen ist, dass Die Linke (oder PDS) durch ihre geschichtsvergessene Tunnelblickpolitik im Osten einen politischen Raum für das Wachstum der AfD freigemacht hat. Auch wahr ist, dass der Ältestenrat fast keinen Einfluss auf die Politik der Linken/PDS hat. Bestenfalls hat dieser in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich abgenommen. Die Linke ist jetzt eine Partei ohne soziale Verankerung (wenn man nicht irrtümlich den Mainstream dafür halten will) und ohne gesellschaftliche Vision geworden. So, wie sie jetzt verfasst ist, sind von ihr weder eine realistische Wahlanalyse (daran besteht in ihrer Führungsriege kein Interesse) noch realistische und glaubwürdige Schlussfolgerungen für einen Neubeginn zu erwarten. Manche sagen, für Die Linke gäbe es keine Alternative. Nein. Sie ist keine Alternative. Sie versperrt den Platz für eine Alternative.

Frank Möhring

Es wird Zeit, dass die progressiven, am Überleben der Menschheit interessierten Menschen sich weltweit organisieren und die Atomwaffenlast beseitigen.

Zeitung für das Recht auf Wohnen

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die Zeit Ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern begehen.

Um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, hat die junge Welt die 75er-Aktion. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

  • Leserbrief von Peter Müller (25. Oktober 2021 um 18:57 Uhr)
    Zu den Fragen der Plattformen und Datenalgorithmen: Der I-Markt braucht keine Renditechancen aus Katastrophen, er ist nur viel flexibler, um Reserven zu mobilisieren, wenn es notwendig ist. Die erforderlichen Daten fallen doch schon heute in den Firmen an, werden aber oft nach draußen geheim gehalten. Also ist es viel wichtiger, nach welchen Kriterien Unternehmen ihre Arbeit verrichten. Frau Wagenknecht ist ja über das Stiftungsmodell nicht hinausgekommen. Bosch ist eine Stiftung, aber eben auch ein Konzern mit Marktmacht. Das Organisationseigentum ist etwas völlig anderes, es hebt die Profitsteuerung auf, weil alle Gewinne dem Gemeinwohl einer emanzipierten Bürgergesellschaft dienen. Organisationseigentum kann weder verkauft noch vererbt werden, man kann es nur gründen, auflösen oder restrukturieren. Larry Finck hat das Problem für sich und die Konzerne gelöst, er sorgt dafür, dass keine echte Konkurrenz entsteht und alle gemeinsam absahnen gegen den Rest der Welt. Der I-Markt braucht nicht nur keine Börse, er schafft sie ab. Aber eben auch die Parteien und ihre Stiftungen, sogar die Gewerkschaften werden überflüssig. Damit ist doch schon alles klar, die Salonlinken müssen sich ja vor dem wahren Sozialismus fürchten. Da ist der Scheinkampf für mehr Knete doch viel bequemer, wenn man am Fressnapf mit sitzen darf. Ich habe gerade auf einem Spaziergang einen alten Bekannten, den ich lange nicht gesehen habe, getroffen und mein Investitionsmodell erklärt. Er hat es verstanden und als zeitgemäß akzeptiert. Ebenso braucht niemand die Digitalplattformen der Datenkraken, die diese jungen Leute heute benutzen. Der Markt muss insgesamt nach anderen Regeln aufgestellt sein, und um Wissen zu teilen, muss man Wissen nicht in eine Ware verwandeln. Wer mehr davon erfahren will, kann bei Heise im Telepolis-Forum nach Beiträgen von »Echtlinks« suchen. Der Platz hier reicht nicht für komplexe Sachverhalte.