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Aus: Ausgabe vom 25.10.2021, Seite 12 / Thema
Bildung

Aufstieg oder Emanzipation?

Zwischen konformistischer Melancholie und politischem Engagement. Wie Arbeiterkinder Akademiker werden. Ein Gang durch die neuste autobiographische Literatur (Teil 2 und Schluss)
Von Hans Otto Rößer
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Mehr Arbeiterkinder an die Uni – und dann? Individueller Aufstieg bedeutet noch keine Emanzipation. Die mangelnde Chancengleichheit liegt im System (GEW-Demo am 12.5.1976 in Essen)

Der Schrecken des Neuen beginnt für die meisten Arbeiterkinder mit dem Eintritt ins Gymnasium. Der Weg dorthin ist kein Ergebnis strategischer Überlegungen. Oft entscheiden Zufälle, oder man richtet sich nach der Wahl der Kumpels, man geht eben mit. Auch wenn die Eltern diesen Bildungsweg unterstützen, entlassen sie die Kinder selten mit ihrem Segen, öfter mit einer Drohung: Wir können dir bei den Anforderungen der Schule nicht helfen, wir können dir auch keine Nachhilfestunden bezahlen. Du musst dich frei schwimmen oder du gehst unter. So wird der Aufstieg angekündigt als ein Weg, den man über lange Strecken allein geht.

Die Noten werden plötzlich schlechter, obwohl man alles versteht. Das Tempo des Diktats legt so zu, dass man entweder eine mangelhafte Note riskiert, weil jedes nicht geschriebene Wort als Fehler zählt, oder man macht sich schleunigst an die Verwandlung seiner Handschrift in eine »Sauklaue«. Unvermittelt gibt einem der Lehrer zu verstehen, dass man eine krause Sprache spricht. Der andere lässt eine Liste herumgehen, auf die man eintragen soll, welche Musikinstrumente man besitzt und beherrscht. Und dann gibt es noch das Ritual, dass man zu Beginn des Schuljahres den Beruf des Vaters oder nur ersatzweise den der Mutter angeben muss, damit ihn der Lehrer ins Klassenbuch eintragen kann. Er hätte ihn damals auch den Schulakten entnehmen können, dann wäre es aber kein Ritual mehr gewesen. Ich höre noch die stolze Stimme eines Freundes, als er den Beruf seines Vaters angab: »Autogenschweißer«. Der stolze Ton wurde leiser und kam erst nach Jahren wieder, als wir in der Schülerbewegung unsere Gesellschaft und ihr Schulsystem »lesen«, als wir uns erfolgreich wehren konnten. Als wir nicht mehr zur List greifen mussten, den Beruf der Mutter, die Hausmeisterin war, mit dem Tarnnamen »Gemeindeangestellte« anzugeben (so Corinna Wildhalm in »Klassismus und Wissenschaft«).

Meister der Bescheidenheit

Auf vielen lasten diese Erfahrungen mehr als die materielle Ungleichheit und die Wahrnehmung, dass die Kinder aus den besseren Häusern auf einmal mehr sind als du und deinesgleichen. Dennoch gibt es genug Kinder, die überlegen, ob man die neuen Freundinnen und Freunde zu sich nach Hause einladen kann oder ob man auf eine Klassenreise verzichtet, weil einem die Beantragung einer finanziellen Unterstützung peinlich ist. Ich bewundere die Gelassenheit, mit der Arno Frank (Jahrgang 1971) registriert, dass die »coolen Kerle« aus den nach ökologischen Gesichtspunkten gebauten Elternhäusern während der Sommerferien mit ihrer Band, die sie »Helmut Honecker« nennen, neue Lieder einüben, während er selbst sechs Wochen lang jobbt. Als sie nach den Ferien ein Schulhofkonzert geben, findet er die Stücke toll. Kein Groll und kein Neid, aber woher kommt die (vermeintliche) Einsicht, dass die Eltern all die teuren Instrumente finanzieren, »damit die Coolen der Verachtung für das Milieu, in dem sie wurzeln, einen adäquaten Ausdruck verleihen können« (in »Klasse und Kampf«)?

Als meine Arztfreunde Mitte der 1960er Jahre eine damals noch sogenannte Beat-Band gründeten, haben mich nicht ihre teuren Instrumente überrascht, sondern dass auf einmal offenbar wurde, dass sie Noten lesen konnten. Im Musikunterricht konnten sie das nicht gelernt haben. Dass ich weder das eine beherrschte noch damit rechnen konnte, dass meine Eltern mir ein Instrument kaufen würden, hat auch bei mir keinen Groll erzeugt. Wer in Nicht-Akademiker-Haushalten groß wird, wird eines mit Sicherheit: Meister der Bescheidenheit und Virtuose der Wunschunterdrückung. Niemals einen Wunsch äußern, der die Eltern in Verlegenheit bringen könnte, am besten, ihn gar nicht erst denken. Ich hatte Glück: Nach wenigen Jahren setzte unsere Politisierung ein. Das eröffnete vorderhand einen preiswerten Weg, um zu Ansehen zu gelangen. Die dicken Rechnungen kamen 1972 mit dem »Radikalenerlass«.

Soziale Scham entsteht, wenn zu der Wahrnehmung des Anderen das Bewusstsein der eigenen Subalternität hinzutritt, wenn man lernen muss, sich auch mit dem herablassenden Blick der Oberen zu sehen, wenn Differenzen mit Überlegenheit und Minderwertigkeit verknüpft werden. Sie frisst sich durch die Kinder wie ein Krebsgeschwür. Viele reagieren mit Wegducken, Verstummen, jahrelang, manchmal bis lange ins Studium hinein. Bei einigen wird die Stimme in der Oberstufe wieder hörbar. Dabei erwähnen sie immer wieder die unterstützende Rolle mancher Lehrerinnen und Lehrer. Anders ist es bei denen, die nicht den geraden Weg zum Abitur nehmen, sondern den scheinbaren Umweg über eine Berufsausbildung und berufliche Tätigkeit. Sie sind in der Regel selbstbewusst, wenn sie an die Fachoberschulen, Abendschulen und ans Oberstufenkolleg kommen. Es handelt sich z. T. um Einrichtungen des zweiten Bildungswegs, bei den Einrichtungen der Erwachsenenbildung jedenfalls um Institutionen, die sich auf die Bedürfnisse und Interessen der Lernenden einlassen, nicht nur Lernen der Noten wegen, sondern echtes Lernen ermöglichen, die »Bildungsbegehren« wecken, wie es Zoe Clark nennt (»Vom Arbeiterkind zur Professur«), und dies im Glücksfall in den Formen des »solidarischen Lernens«. Bildung wird in erster Linie als Befreiung erfahren, ist aber kein unkritisches Aufsaugen des »Bildungsgutes«, produziert auch nicht die ansonsten oft anzutreffenden Affekte gegen Theorie, die in der Sackgasse des Selbstausschlusses münden. Bei Peter Handke beseitigte die Begegnung mit der Literatur der Moderne die Scham, sie zeigte ihm, »dass ich kein Einzelfall war, dass es anderen ähnlich erging«, bei späteren sind es die blauen Bände und die Flut von Raubdrucken linker Literatur, bei Cornelia Wildhalm ist es die »klassenbewusste Brille«, die ihr hilft, ihre »Erfahrungen nicht als individuelles Problem zu verstehen«.

Man kann nicht sagen, dass eine Mehrheit der Berichtenden die Universität besser vorbereitet betritt als das Gymnasium. Ein einziger Orientierungstag einer Oberstufe an der nächstgelegenen Universität, beschränkt auf eine Vorlesung in einem einzigen Fach, ergibt noch lange keinen Einblick darin, was es heißt zu studieren. Und selbst die engagiertesten Lehrer können nicht wettmachen, dass den Schülerinnen Informationen über Stiftungen und Stipendien vorenthalten werden. Sie bleiben das Privatwissen der ohnehin eingeweihten Elternhäuser. Das mag in neuster Zeit ein bisschen anders geworden sein. Viele Universitäten bieten eine ganze Orientierungswoche an und ermutigen die Teilnehmer, in verschiedene Fächer »hineinzuschnuppern«. Solche zarten Pflänzchen entwerten nicht die Befunde, dass den Arbeiterkindern die »Codes« der Universität unbekannt bleiben, dass das nötige »Kontextwissen« fehlt. Wenn ich jedoch lese, dass die erste Zeit an der Universität von einem Gefühl der »grundsätzlichen Überforderung« geprägt gewesen sei, frage ich mich, was aus den vielen Einführungstutorien und Einführungswochen für »Erstis« geworden ist, deren Einrichtung die studentischen Fachschaften und linken Gruppen in den 1970er Jahren vehement gefordert und durchgesetzt haben. Immerhin, es gibt sie noch, und das wirft noch einmal die Frage nach dem Selbstausschluss auf, der zwar manchmal erwähnt, aber kaum reflektiert wird und vielleicht auch dem Vorwurf an linke Studentengruppen unterlegt ist, sie bestünden »vorwiegend aus Bürgerkindern«.

Lernen und Politisierung

Andere, wie die anfänglich überforderte Studentin Barbara Blaha, schätzen ihr Engagement im (österreichischen) Verband der Sozialistischen Studierenden und empfanden den Erfahrungsaustausch in der Gruppe zumindest als hilfreich für die Klärung der »Sozialhilfekiste« (in »Klassenreise«). Positive Stimmen beziehen sich manchmal auch auf universitäres Lernen. »Im Studium habe ich gelernt, mich auszudrücken, zu schreiben, differenzierter zu denken, Inhalte zu kritisieren.« Bei dem Autor Andreas Posch, Dorfkind aus dem Burgenland, ist das nicht zufällig verknüpft mit seiner Politisierung. Der spätere Soziologieprofessor Jürgen Prott erwirbt solche Qualifikationen bereits bei den Falken: Referate schreiben und halten, Gruppen leiten, Artikel und Flugblätter verfassen, Ferienaufenthalte organisieren oder vor vielen unbekannten Menschen sprechen. Menschen meiner Generation ist diese Schulung in linken Schüler- und Studentenorganisationen zuteil geworden, und was immer man heute von ihnen halten mag, ist dies etwas, das bleibt und das uns zumindest in dieser Hinsicht vielen »Bürgerkindern« überlegen macht, die schon bei der Organisation einer schulischen Konferenz hoffnungslos überfordert sind. Wer an der Universität jemals in einer Fachbereichskonferenz, noch besser: in einer Berufungskommission, gesessen hat, konnte Sitzung für Sitzung fühlen, wie sich falsche Ehrfurcht und vielleicht noch vorhandene eigene Beklommenheit nach und nach verflüchtigten. Die politische Arbeit an Schulen und Universitäten ist auch, solange die Dinge so stehen, wie sie sind, die einzige Möglichkeit, Gegennetzwerke aufzubauen, wenn man es nicht bei der Klage belassen will, von den »echten«, karrierefördernden ausgeschlossen zu sein. Wenn es nur darum gehen sollte, kann man auch gleich einer Burschenschaft beitreten.

Bildungsaufstieg findet in den vorgefundenen Verhältnissen statt. Deren Stabilität bleibt davon unberührt, mehr noch: Sie gewinnen durch den Verweis auf »Chancengleichheit« und »Bildungsgerechtigkeit« an hierzulande freilich schmaler Legitimation, denn nur vergleichsweise wenige kommen von unten nach oben. Daher nennt der Armutsforscher Christoph Butterwegge die Rede von der »Bildungsmeritokratie« einen »Mythos«. Man kann politische Weichen stellen, wie es 1946 die Verfassungskoalition aus SPD, KPD und CDU in Hessen tat. In Artikel 59 der Landesverfassung heißt es: »In allen öffentlichen Grund-, Mittel-, höheren und Hochschulen ist der Unterricht unentgeltlich. Unentgeltlich sind auch die Lernmittel mit Ausnahme der an den Hochschulen gebrauchten. Das Gesetz muss vorsehen, dass für begabte Kinder sozial Schwächergestellter Erziehungsbeihilfen zu leisten sind.« Damit fallen für viele entscheidende Barrieren. Dennoch sind es nur notwendige, keine hinreichenden Voraussetzungen der Bildungsteilhabe. Sie wurden für viele erst wirksam im Zuge der sogenannten Bildungsexpansion, als auch bis dahin noch intakte Hürden fielen oder niedriger gelegt wurden. Dabei ging es nicht um die Verwirklichung irgendwelcher Bildungsideale. Der Ausbau und die soziale Öffnung der Bildungssysteme folgten schlicht einem ökonomischen Imperativ. Je mehr Produktionsprozesse wissenschaftlich-technisch bestimmt waren, desto mehr gut gebildete Arbeitskräfte wurden benötigt, um die Produktion am Laufen zu halten. Die Selbstreproduktion der vorhandenen Akademikerschicht reichte dazu bei Weitem nicht aus.

Dieses Bedürfnis erklärt auch den Rhythmus von Öffnung und Schließung des Bildungssystems. Heute haben 9,2 Millionen Erwerbstätige einen akademischen Bildungsabschluss. Das sind mit 22 Prozent der Erwerbstätigen etwa so viele wie die, die unter prekären Verhältnissen arbeiten und leben müssen. Während die Bildungsaufsteiger der klassischen Bildungs­expansion den Wind des Fortschritts im Rücken hatten, den nicht nur die linken, sondern auch die wachen bürgerlichen Kräfte der Gesellschaft entfachten, gibt es heute kein klassenübergreifendes Interesse daran, die prekären Verhältnisse abzuschaffen und den Kindern der »systemrelevanten« Niedriglöhner den Bildungsaufstieg zu ermöglichen oder zu erleichtern. Für diesen simplen Zusammenhang sind die meisten hier herangezogenen Berichte blind. Das Bildungsinteresse der Unteren erfordert mittlerweile ein hartes politisches Aufbegehren gegen diejenigen, die ihre ererbten Privilegien behaupten, wie gegen die, die als Gewinner der zurückliegenden Bildungsexpansion ihre erworbenen Privilegien nach »unten« verteidigen. Mit Erzählungen von einem erfolgreichen Bildungsaufstieg ist es nicht getan. Aufstiegsberatung hilft nur in Grenzen.

Die Spielregeln bleiben

Es handelt sich auch nicht um eine »Klassenreise«, sondern, wenn es gut geht, um die Reise in die benachbarte Gruppe der lohnabhängigen Intelligenz. Das ist schon etwas, wenn man aus prekären Verhältnissen kommt. Dennoch bleiben, wie vom »Eliten«-Forscher Michael Hartmann mehrfach nachgewiesen, die oberen Etagen nach unten weitgehend dicht. Selbst wenn es nicht so wäre, änderte dies nichts an der pyramidalen Struktur der gesellschaftlichen Klassen. Dass alle aufsteigen können, ist so wenig realistisch wie die Vorstellung, alle Katholiken, gar Katholikinnen könnten Papst werden. Individueller Aufstieg ist eben nicht soziale Emanzipation. Organisationen, die soziale Gerechtigkeit auf Aufstiegsmobilität reduzieren, geben damit nicht nur ein Ziel preis, sondern ändern auch, sofern sie erfolgreich sind, nach und nach ihr soziales Profil. Insofern dementieren Maria Barankow und Christian Baron bereits im Vorwort, was der Titel ihrer Anthologie »Klasse und Kampf« suggeriert. Es geht nicht um Klassenkampf, sondern es geht um den vielfältig schillernden »Lebenskampf«.

»We gotta get out of this place«, sang einmal Eric Burdon. Das konnte ich sehr gut verstehen, obwohl ich niemals an einem Platz lebte, zu dem die Sonne nicht durchdrang. Aber diese Sehnsucht hat noch nicht einmal etwas mit der reformistischen Kurve zu tun, die Barankow und Baron nach Ausführungen zum marxistischen Begriff von Klasse und Ausbeutung doch noch kriegen, die Kurve hin zum Glauben, »vielleicht« lasse sich »eine bessere Welt ohnehin am besten in kleinen Schritten erreichen«. Man muss hier nicht gleich an das Lieblingsarbeiterkind des deutschen Großbürgertums, Rainer Hank, denken, um zu fragen, inwiefern es ein kleiner Schritt zu einer besseren Welt sein soll, wenn die Arbeitertochter einen Konzern leitet oder der Arbeitersohn die Armee. Das Personal ändert sich, sie dürfen mitspielen, aber die Spielregeln bleiben. Die dürfen unter keinen Umständen geändert werden.

Von solcher Engführung scheint Eribons »Rückkehr nach Reims« Welten zu trennen. ­Eribons Aufzeichnungen sind nämlich ausdrücklich in politische Fragestellungen eingebettet, die sich nicht nur auf die Ursachen der Schwäche der Linken in Frankreich beziehen, sondern auch darauf, wie die Linke die Rechtswendung auch von Arbeiterwählern korrigieren und wieder in die gesellschaftliche Offensive geraten kann. Dabei sieht er die Kommunistische Partei vor allem als Opfer des mit der Deindustrialisierung des Landes verbundenen sozialen Wandels. Sie habe es allenfalls versäumt, sich auf diese »soziale Transformation« einzustellen. Seine Hauptkritik zielt auf die neoliberal gewendete Sozialistische Partei, die unter dem »Vorwand der geistigen Erneuerung« ihren Wesenskern entleert und sich plötzlich »das alte Projekt des Sozialabbaus« auf ihre Fahnen geschrieben habe. Allerdings verdeckt Eribon diese Unterscheidung, indem er immer wieder entdifferenzierend von den »Parteien der Linken« oder der »institutionellen Linken« redet. Bei ihm mag das einem spezifisch französischen Sprachgebrauch geschuldet sein, der sich bei genauer Lektüre mühelos in notwendige Differenzierungen zurück übersetzen lässt. Zudem steht seine Kritik in der Perspektive der Rückgewinnung praktischer Handlungsmacht der Linken. Nicht allein durch Aufklärung, sondern vor allem durch die Erfahrbarkeit ihrer Präsenz, an den Arbeitsplätzen und auf den Straßen, sei dies zu erreichen.

Ironischerweise ignorieren die meisten, die sich hierzulande auf Eribon berufen, diese Perspektive, übernehmen aber gerade seine pauschalisierenden Formulierungen und übertragen sie vor allem auf die akademische Linke. Dabei geht es gar nicht so sehr darum, ob man mit Christian Baron linken Studentengruppen ernsthaft eine »Akademisierung des Protestes« vorwerfen kann oder dass sie eine andere Sprache sprechen als Arbeiter. Auch will ich mit Baron nicht darüber streiten, ob Impressionen von Partys bei linksliberalen Freunden an der Trierer Universität der nuller Jahre eine ausreichende Erfahrungsbasis für den Vorwurf hergeben, »die Linke« verachte die Arbeiter, oder ob die Rede von »marxistischen Beamtenprofessoren« (in Deutschland!) und »wohlstandslinken Hornbrillenhipstern« mehr ist als ungezügeltes Ressentiment. Gewiss gibt es gute Erfahrungsgründe, dem Radikalismus (klein-)bürgerlicher Jugendlicher nicht allzu viel zuzutrauen. Die Gratifikationen, die auf dem Spiel stehen, können schwach machen. Da ist es besser, auf die Nachhaltigkeit ihres Protestes keine Wetten abzuschließen. Das gilt aber ebenso für Bildungsaufsteiger.

Entscheidend ist, dass die häufige Kritik an der akademischen Linken stillschweigend zwei problematisch eindimensionale Grundannahmen Eribons aufgreift und reproduziert. Diese bestehen einmal darin, die Welt wissenschaftlicher Bildung umstandslos dem gesellschaftlichen »Oben« zuzuschlagen. Ob Jargon oder notwendige Anwendung wissenschaftlicher Begriffe ist seinen deutschen Adepten Jacke wie Hose. Wissenschaft ist immer schon unlösbar in Herrschaftsverhältnisse eingebunden und wer sich auf sie einlässt, positioniert sich gegen das Leben der Unteren und Gewöhnlichen. Diese Sichtweise ist verknüpft mit einer weiteren Grundannahme, die Subjekte immer nur als Effekte von Strukturen begreifen kann. Die Einzelnen können zwar den Prägestempel wechseln, niemals aber der Prägung selbst entkommen, dem Geprägt-Werden durch eine Struktur. Wer sich also als Subalterner in die »Kultur der Schule und des Lernens« begibt, muss sich einer »Umerziehung« unterziehen, ihm wird »Anpassung« abverlangt: »Unterwerfung war meine Rettung«, heißt es bei Eribon. Das Subjekt, so das neostrukturalistische Credo, ist das Unterworfene, ist immer nur eine Variante des ewigen Untertanen. Wie es sich auch dreht und wendet, es bleibt eingeschlossen in Gehäusen der Hörigkeit. Eribon ist hier der getreue Schüler Michel Foucaults.

Jenseits der Anbiederung

Es ist kein Zufall, dass unter den vielen autobiographischen Berichten allein ein Professor für Subjektwissenschaft, der kritische Psychologe Klaus Weber, den Finger in diese Wunde legt (in »Vom Arbeiterkind zur Professur«) und auf das Fehlen eines Begriffes von Subjektivität aufmerksam macht, der gegenüber den Individualitätsformen, in denen die Individuen sich bewegen, auch kritische Handlungsmöglichkeiten in Betracht zieht. Denn nicht immer ist Aufstieg »Klassenverrat«, nicht immer ein »Euphemismus für komplexe Anpassungsvorgänge« im Blick auf die herrschenden Verhältnisse, wie Barbara Juch und Laura Nitsch in der BdWi-Anthologie meinen. Die von Weber genannten anderen Ein- und Zugänge als Alternative zur Anpassung können allerdings auch zu Ausgängen werden. Man kann die ersehnte Karriere riskieren. Angesichts der Möglichkeiten der Nicht-Anpassung im Apparat erweist sich das Gerede vom »Zwischenmenschen« in einer »Zwischenwelt«, von »Zerrissenheit« und »hybrider Identität« als »lamentierende Ohnmachtsposition« (Weber), wenn nicht gar als melancholische Bejahung des Bestehenden. Ihr treten in den vorliegenden Anthologien nur wenige entgegen. Neben der Kritik Klaus Webers und der erfrischenden Nüchternheit der Mathematikprofessoren Alois Krieg und Manfred Brill sind das der Germanist Klaus Michael Bogdal, der sich als »Intellektueller in und aus der Arbeiterklasse und als Arbeiterkind im Intellektuellenmilieu« versteht, der Arbeitsmediziner Rainer Müller und der Soziologe Jürgen Prott. Ihm haben nach einer Schriftsetzerlehre seine Kollegen den Imperativ mit auf den Weg des Bildungsaufstiegs gegeben: »Mach was aus dir, aber bleib der Alte!« Nach Prott bleibt diese Paradoxie dann lebbar, wenn man seine »akademischen Meriten in den Dienst der Arbeiterorganisationen« stellt. Anders gesagt: Es gibt, jenseits von Herablassung und Anbiederung, eine Treue zur Herkunft, die Erfahrung und wissenschaftliches Wissen zusammenschließt. Dafür gibt es seit langem einen Begriff: Klassenbewusstsein.

Besprochene Literatur:

– Riccardo Altieri; Bernd Hüttner (Hg.): Klassismus und Wissenschaft. Erfahrungsberichte und Bewältigungsstrategien. 2. überarb. Aufl., BdWi-Verlag, Marburg 2021 (Reihe Hochschule Bd. 13)

– Betina Aumair; Brigitte Theißl (Hg.): Klassenreise. Wie die soziale Herkunft unser Leben prägt. Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, Wien 2020

– Maria Barankow; Christian Baron (Hg.): Klasse und Kampf. Claassen im Ullstein-Verlag, Berlin 2021

– Christian Baron: Ein Mann seiner Klasse. Claassen im Ullstein-Verlag, Berlin 2020

– Christian Baron: Proleten, Pöbel, Parasiten. Warum die Linken die Arbeiter verachten. Das Neue Berlin, Berlin 2016

– Julia Reuter; Markus Gamper; Christina Möller; Frerk Blome (Hg.): Vom Arbeiterkind zur Professur. Sozialer Aufstieg in der Wissenschaft. Autobiographische Notizen und soziobiographische Analysen. Transcript-Verlag, Bielefeld 2020 (Gesellschaft der Unterschiede, Bd. 54)

Hans Otto Rößer ist »Erstakademiker«. Nach Lektoraten in der VR China und Japan Lehrer an einer Berufsschule, dann Abendschule und bis zum Ende seiner Dienstzeit Aufgabenfeldleiter an einem Oberstufengymnasium

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