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Aus: Ausgabe vom 25.10.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Situation der Werften

Schiffbau blutet aus

Arbeitsplatzabbau im Industriezweig geht ungebremst weiter. IG Metall warnt vor »Substanzverlust«
Von Burkhard Ilschner
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Dauerproblem Zukunft des Schiffbaus: Werftarbeiter bei Aktionstag am 28. Oktober 2020 in Kiel

Wer momentan in Hamburg vom Altonaer Fischmarkt zum gegenüberliegenden Werftgelände schaut, bekommt einen kleinen, aber prägnanten Eindruck von der Situation des Schiffbaus in Deutschland: Da liegt ein 132 Meter langer Saugbagger, nagelneu und namenlos. Er ist unfertig und dort nur »geparkt« – der Bund hatte ihn bei der Werft Pella Sietas in Hamburg-Neuenfelde in Auftrag gegeben, aber die ist insolvent und kann ihn nicht zu Ende bauen. Das hat vielfältige Gründe – aber einige haben wiederum mit dem Bund zu tun: Streitigkeiten um fehlende Entschlickung der Werfthafenzufahrt etwa oder um erhoffte Millionen aus dem Corona-Hilfsfonds, die ausgeblieben sind. Momentan scheint die Werft, 1635 gegründet und damit nach Angaben des NDR Europas ältester Schiffbaubetrieb, am Ende.

Rund 200 Beschäftigte sind von dem Aus betroffen, Pella Sietas ist ein vergleichsweise kleines Unternehmen. Aber mit jeder Insolvenz schwindet eine weitere Portion Know-how und Erfahrung. Der IG Metall (IGM) bereitet die Schiffbaupolitik der alten Regierung erhebliche Sorgen: Vorige Woche stellte der Bezirk Küste der Gewerkschaft in Hamburg seine jährliche Umfrage unter den Betriebsräten von 43 Werftbetrieben beziehungsweise -standorten vor und musste dabei bilanzieren, dass der deutsche Schiffbau in zwölf Monaten nahezu jeden zwölften Arbeitsplatz verloren hat. 2020 waren noch 18.115 Menschen in der Branche beschäftigt, aktuell sind es nur noch 16.653 und damit knapp 1.500 weniger. Und auch für 2022, so die IGM, rechne jeder dritte Betrieb mit weiterem Stellenabbau.

Drohender Jobabbau

Die Gewerkschaft weist übrigens ausdrücklich darauf hin, in diesen Zahlen seien die drohenden Jobverluste bei Pella Sietas, der Bremerhavener Lloyd Werft sowie bei Blohm & Voss in Hamburg noch nicht erfasst – es dürften insgesamt also mehr werden. »Der Lloyd«, so sagt man an der Küste, gehört zum Genting-Konzern, der auch die MV-Werften besitzt. Der Traditionsbetrieb an der Weser steht auf der Kippe, an der Ostsee hat im August ein einschneidender Stellenabbau begonnen. Blohm & Voss (B&V) wurde vor fünf Jahren von Bremens Lürssen-Gruppe übernommen, die durch weltweite Rüstungsgeschäfte und den Bau von Milliardärsjachten reich und mächtig geworden ist. Von den bei Übernahme rund 1.000 B&V-Beschäftigen sind noch knapp 600 übrig.

Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste, warnt eindringlich vor »Substanzverlust« im Schiffbau – und er meint damit nicht nur die aktuelle Jobbilanz, sondern eben auch den Verlust unverzichtbaren Fachwissens. Die Überalterung und damit die bevorstehende Verrentung großer Teile der Belegschaften ist deutlich: Waren 2013 noch etwa 17 Prozent des Werftpersonals 55 Jahre und älter, sind es heute rund 25 Prozent. Demgegenüber sinkt der Anteil jüngerer Beschäftigter zwischen 15 und 34 Jahren – von rund 33 Prozent 2013 auf aktuell nur noch etwa 25 Prozent. Zugleich konstatiert die IGM eine drastische Reduzierung von Ausbildungsplätzen – um satte 41 Prozent gegenüber 2020. Die Quote der Übernahme nach fertiger Ausbildung indes erreichte in diesem Jahr einen Tiefstwert von nur 58 Prozent – seit 2009 waren jährlich zwischen 84 und 100 Prozent des ausgebildeten Nachwuchses übernommen worden. In Verbindung mit der Tatsache, dass der Anteil der Beschäftigten mit Werkverträgen deutlich gestiegen ist, bedeutet der Begriff »Substanzverlust« nichts anderes als den faktischen Ausverkauf hochqualifizierter Stammarbeitsplätze.

Bundesweiter Aktionstag

Für Ende dieser Woche mobilisiert die IGM zu einem bundesweiten Aktionstag, der nicht nur für die Werften ein Zeichen setzen soll: Eine neue Bundesregierung – die mutmaßlich künftigen Koalitionäre verhandeln ja derzeit – müsse laut IGM »massiv investieren, das Land gerechter machen und den klimafreundlichen Umbau der Industrie vorantreiben«. Im Schiffbau müsse die wahrscheinlich kommende »Ampel« gegen den Missbrauch von Werkverträgen vorgehen: »Tariflich abgesicherte Stammarbeitskräfte dürfen nicht durch Beschäftigte mit Werkvertrag ersetzt werden.« Entscheidend sei auch, die Finanzierung von Schiffbauaufträgen durch staatliche Unterstützung zu sichern. Allerdings, so Friedrich nachdrücklich, dürften »finanzielle Hilfe (…) nur Unternehmen bekommen, die Arbeitsplätze und Standorte erhalten«, man brauche keine »Lufthansa der Schiffahrt« – die Fluglinie hatte mehrere Milliarden Euro staatlicher Hilfe kassiert und dann trotzdem Personal abgebaut. Friedrich: »Das verstehen die Menschen nicht.« In Hamburg soll die Kundgebung am Aktionstag übrigens auf dem Altonaer Fischmarkt stattfinden.

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