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Aus: Ausgabe vom 25.10.2021, Seite 2 / Inland
Legalisierung von Drogen

»Die Chancen sind so gut wie nie«

Befürworter einer »progressiven Drogenpolitik« setzen Hoffnungen auf mögliche »Ampel«-Koalition im Bund. Ein Gespräch mit Urs Köthner
Interview: Felix Jota
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Mögliches Vorbild: Cannabisgeschäft im US-Bundesstaat Washington (Auburn, 18.6.2021)

Mit einer Koalition von SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen im Bund könnte es zu einer legalisierten Abgabe von Cannabis kommen. Wie bewerten Sie die Aussichten, und wie könnten erste Schritte aussehen?

Die Chancen sind so gut wie nie, dass wir endlich auch in Deutschland zu einer vernünftigen Regulierung des Cannabismarktes kommen können. Im Fokus steht jetzt die Regulierung des Freizeitmarktes, aber auch bei Cannabis als Medizin stehen wichtige Weiterentwicklungen an. Der Entwurf eines Cannabiskontrollgesetzes von den Grünen ist schon eine gute Grundlage für die Koalitionsverhandlungen. Wichtig ist, dass am Ende ein Modell herauskommt, welches direkt in der Fläche angeboten werden kann und nicht nur auf einzelne Städte reduziert wird. Bevor eine umfassende Regulierung des Handels komplett wirksam wird, könnten die Entkriminalisierung geringer Cannabismengen und des Eigenanbaus sowie die Legalisierung von THC-armen CBD-Produkten wie in vielen Nachbarländern sofort umgesetzt werden.

In der Debatte wird vor Gefahren von Cannabis gewarnt, etwa von den Vorsitzenden beider Berufsvereinigungen der Polizei. Ist das nicht grotesk, wenn man sich die Schäden betrachtet, die Alkohol und Tabak anrichten?

Die beiden sogenannten Polizeiexperten vertreten Thesen, die seit langem durch zahlreiche Studien widerlegt sind und völlig an der Realität vorbeigehen. Wen die rechtliche und polizeiliche Perspektive auf das Thema interessiert, dem empfehle ich nicht diese zwei Herren, sondern die Stellungnahmen des Netzwerks LEAP Deutschland, »Law Enforcement against Prohibition«, die sich für Drogenreformen stark macht.

SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sprach sich für eine Legalisierung aus, mit dem Argument, dann könne Cannabis im Straßenhandel nicht mehr mit Heroin gestreckt werden. Was sagen Sie dazu?

Streckmittel bei illegalisierten Drogen sind ein großes Problem. Häufig sind die gefährlicher als die Drogen selber. Durch die unbekannten Beimengungen ist der Wirkstoffgehalt schwankend und unkalkulierbar. Bei den Streckmitteln für Cannabis geht es einerseits um gewichterhöhende Mittel wie Blei, Sand, Zucker oder schlimmstenfalls Glassplitter, die schwerste bis tödliche Nebenwirkungen zeigen können. Des weiteren ist auf dem Schwarzmarkt sogenanntes CBD-Hanf aufgetaucht, dessen Blüten einen hohen CBD-Gehalt bei sehr niedrigem THC-Gehalt aufweisen und der sich nicht zur Berauschung eignet. Diese Blüten werden mit synthetischen Cannabinoiden versetzt. Neue Studien weisen darauf hin, dass sie wesentlich gravierendere Gesundheitsschäden produzieren können als der pflanzliche Hanf.

Auch Mediziner wie der Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater Rainer Thomasius warnen vor Gefahren durch Cannabis, vor allem für junge Leute.

Empirisch ist es mittlerweile sehr gut belegt, dass biographisch früher, hochdosierter, langjähriger und regelmäßiger Cannabisgebrauch das Risiko für unterschiedliche Störungen der psychischen und körperlichen Gesundheit sowie der altersgerechten Entwicklung erhöht. Gerade weil das so sein kann, benötigen Kinder- und Jugendliche adäquate, altersgerechte Angebote zu dem Thema Drogen und Konsum. Das wird jedoch aktuell durch die prohibitiven Rahmenbedingungen verhindert.

Ihr Verband fordert schon länger, dass auch »harte Drogen« wie Heroin kontrolliert abgegeben werden. Was spricht dafür?

Seriöse Studien zeigen, dass ganz unabhängig davon, ob ein Staat repressiv oder liberal mit dem Drogenthema umgeht, die Zahl der problematisch bis abhängig Konsumierenden aller psychotropen Substanzen – Drogen, Medikamente, Alkohol, Nikotin et cetera – etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung beträgt. Das heißt: 90 bis 95 Prozent der Bevölkerung pflegen einen unproblematischen Umgang mit diesen Substanzen oder sind dazu imstande. Die Prohibitionspolitik schadet mehr als sie nützt. Sie stürzt unzählige Drogenkonsumierende und Angehörige seit Jahrzehnten in elende Lebensumstände. Krankheits- und Todesgefahren des Drogenkonsums werden potenziert.

Urs Köthner ist Geschäftsführer von Freiraum e. V. in Hamburg und im Bundesvorstand von Akzept – Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik

Zeitung gegen Profite mit der Gesundheit

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Eckart K. aus Chemnitz (27. Oktober 2021 um 09:13 Uhr)
    Vor kurzem kam in der ARD ein Beitrag zur Drogenmafia mit horrenden Umsätzen und Kriminalität (»Die Macht der Drogenmafia – wie der Kokainhandel die Niederlande angreift«, 25.10.). Würden eine Legalisierung und ein freier koordinierter Verkauf von Drogen nicht sofort der Mafia das Wasser abgraben? Keine Dealer, keine dunklen Ecken, keine gepanschten Stoffe, kein Schmuggel, keine Mafia und keine (oder zumindest wesentlich weniger) Polizeieingriffe. Mit Alkohol und Tabak wird das ja auch so gemacht. Ich will dem Drogenkonsum keinesfalls das Wort reden, habe aber den Eindruck, dass die Kriminalisierung hintergründig den Zweck verfolgt, Macht auszuüben.

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