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Aus: Ausgabe vom 23.10.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Bildreportage

Lokale Legende

Hoshyar Ali entmint seit Jahrzehnten die Autonome Region Kurdistan im Irak
Von Daniel Carde
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Hoshyar Ali bewahrt in seinem Haus im Dorf Biyawele bei Halabdscha verschiedene Landminen auf, die er entschärft hat

Eine Staubwolke bildet sich hinter dem grauen Kia Sportage, während der Wagen auf einer felsigen Schotterstraße in Richtung der letzten Stadt vor der iranischen Grenze in der Autonomen Region Kurdistans im Irak fährt. Die Menschen auf der Straße winken dem vorbeifahrenden Minenräumer Hoshyar Ali zu. Sie erkennen ihn an der roten Flagge an der Antenne, die anzeigt, dass das Fahrzeug Sprengstoff transportiert.

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Kriegsprofiteure: Eine italienische Landmine (Valmara 69), die Ali im Juli in der Nähe von Pendschwen gefunden hat. Ein Überbleibsel des Ersten Golfkriegs

Das Auto kommt neben einer Moschee zum Stehen – in einem Gebiet, in dem Ali mehr als 750.000 Landminen und nicht explodierte Sprengkörper in dem früher als Kuri Gapla bekannten Dorf geräumt hat. Heute heißt der Ort Hoshyari, um Ali für seine Verdienste zu ehren. 1994 verlor er durch eine italienische Landmine sein linkes Bein, als er das umliegende Tal von Sprengstoff befreien wollte. Dabei ist das Dorf nicht der einzige Ort, der seinen Namen trägt. Auch die Moschee trägt seinen Namen, ebenso eine Polizeistation, ein Krankenhaus, eine Schule und das dazugehörige Tal.

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Ali (l.) erklimmt einen Hügel bei Pendschwen, um ein vermutetes Minenfeld zu besichtigen: Ein Landwirt hatte ihm gesagt, er habe in der Gegend mehr als zehn Tiere durch Explosionen verloren

Ali ist eine lokale Legende. »Überall, wo ich hinkomme, geben mir die Leute etwas umsonst«, sagt er. Er zahle »selten für Benzin«. Selbst diejenigen, die seinen Arbeitsstil kritisieren, bewundern ihn. »Er ist ein sehr guter Mensch«, sagt Imam Kamarin Ali Namiq, Überlebender einer Landminenexplosion, bei der er beide Arme verloren hat. »Er liebt, was er tut, aber er ist rücksichtslos zur gleichen Zeit. Wenn er besser organisiert wäre, könnte er mehr helfen.«

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Dankbar: Ein Dorfbewohner schenkt Ali Obst, nachdem der auf der Fahrt nach Hause angehalten und mit ihm geplaudert hat

Nach Alis eigenen Angaben hat er 104 Dörfer geräumt, 182 Menschen aus Minenfeldern gerettet, 540 Quadratkilometer Land entmint und mehr als 2,5 Millionen Landminen und nicht explodierte Sprengkörper unschädlich gemacht. In seinem Bestreben, Kurdistan sicherer zu machen, hat er aber auch viel verloren: Nicht nur wurde sein ältester Sohn getötet, als dieser ihm half. Auch sein Bruder Mukhtar Ali und sein Cousin Bamo sind gestorben.

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Ein Warnschild auf dem Feld von Ali weist darauf hin, dass er Sprengstoff auf seinem Grundstück hat

Der Bauer Mahmoud Ahmed, der mit seinem Motorrad aus Tazaday, einem Nachbardorf auf der anderen Seite des Tals kommt, greift mit einem Lächeln durch Alis offenes Autofenster und begrüßt ihn mit einem Händedruck. »Bevor er die Straße geräumt hat, konnte sie niemand benutzen, sie war ein Minenfeld«, sagt Ahmed über Ali. »Jetzt gibt es einen Bauernhof, Strom, es ist (wieder) ein Dorf und die Menschen sind zurückgekommen.« Ali mache die Arbeit kostenlos und helfe den Menschen. »Man kann sich bei ihm nicht revanchieren. Alles, was wir (ihm) zahlen, ist nicht genug«, so Ahmed.

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Bauer Peshawa Hares (l.) zeigt Hoshyar Alis Bruder Rizgar ein Mörsergranatenversteck auf seinem Grundstück im Dorf Serdera bei Pendschwen

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