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Aus: Ausgabe vom 23.10.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Besser machen

Von Arnold Schölzel
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Von Kleinigkeiten hat sich der seit 2002 amtierende Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner bislang nicht beeindrucken lassen. Sein Ziel ist immerhin publizistische Globalmacht: Nach ihm soll Springer der »führende digitale Verlag in der demokratischen Welt« werden. Das Vorhaben läuft nicht schlecht. Am Mittwoch verkündete er den Kauf der US-Zeitung Politico, die mit Klatschnachrichten aus dem Washingtoner Establishment gut verdient. Laut Berichten hat die Gruppe Axel Springer SE, die zu rund 40 Prozent seit vergangenem Jahr dem US-Finanzriesen KKR gehört, etwa eine Milliarde US-Dollar dafür auf den Tisch gelegt.

Döpfner selbst hat seit September 2020 Milliardärsstatus. Damals übertrug ihm die Witwe des Verlagsgründers, Friede Springer, einen großen Teil ihrer Anteile, seither kontrollieren beide jeweils rund 22 Prozent der Aktien.
Soweit oben landet nur, wer beim Profitmaximieren nie zimperlich ist. Döpfner breitet nicht nur in Welt und Bild öfter aus, was ihm durchs Oberstübchen spukt, er greift auch ein: Exbundespräsident Christian Wulff, den seine Appeasementhaltung gegenüber »dem« Islam das Amt gekostet hatte, behauptete 2014, Döpfner habe durch einen Telefonanruf beim damaligen FDP-Vize­kanzler Philip Rösler dafür gesorgt, dass Joachim Gauck zwei Jahre zuvor Bundespräsident geworden sei. Schließlich hatte Döpfner Ende 2010 auf zwei Welt-Druckseiten die Linie vorgegeben und gewarnt, dass ein globales »Kalifat« bevorstehe. Statt »Nie wieder Krieg« aus der Geschichte zu lernen, habe der Westen es diesmal »besser zu machen«. Da wurden Afghanistan seit neun und der Irak seit sieben Jahren zertrümmert.
Die Entlassung eines Bild-Chefredakteurs wegen der etablierten »Haremkultur« (Neue Zürcher Zeitung) im Sperma- und Frömmlerblatt fällt bei solch welthistorischem Denken und Lenken unter die unangenehmen, aber unvermeidbaren Kollateralschäden. Frauen fanden im Video, mit dem sich Döpfner am Mittwoch an die 16.500 Beschäftigten des Verlags wandte, folgerichtig keine Erwähnung. Entschuldigung – wofür?
Die publizistischen Versuche, Döpfner für irgend etwas verantwortlich zu machen, sind von entsprechender Hilflosigkeit. Ein Beispiel ist der Text, den Spiegel-Kultur- und Meinungsressortleiter Stefan Kuzmany am Donnerstag im Internet unter dem Titel »Mathias Döpfner: Verleger mit Fimmel« veröffentlichte. Als größten Sprung in der Schüssel des Verlegers bezeichnet Kuzmany nicht wie in den meisten anderen Stellungnahmen Döpfners Gleichsetzung von DDR und BRD, sondern dessen »kaum verhohlene Islamophobie«. Das »kaum verhohlen« wirkt lustig angesichts des Textes über den nötigen Weltkrieg gegen das »Kalifat« von 2010. Den erwähnt der Spiegel-Redakteur aber nicht, sondern behauptet: »Döpfner hat Angst vor einer schleichenden Übernahme des christlichen Abendlandes durch den Islam.« Das las sich 2010 anders, als Döpfner den Endkampf zwischen dem Westen und dem an die Stelle des Kommunismus getretenen Erzfeind halluzinierte. Kuzmany meint, Döpfner habe 2015 unter dem Eindruck der Lektüre des Romans »Unterwerfung« des französischen Schriftstellers Michel Houllebecq gestanden. Richtig dürfte sein, dass sich da zwei im gleichen Wahnsystem gefunden haben.
Döpfner hat Bild mit Reichelt an der Spitze zu einem publizistischen Instrument gemacht, um die parlamentarische Demokratie der BRD von rechts und aus US-Sicht zu attackieren. Deren Institutionen sind ihm so wichtig wie sein Chefredakteur, Maßstab ist Profit. Döpfner kopiert das Geschäftsmodell Mark Zuckerbergs, Donald Trumps etc.: Leute aufeinanderhetzen und mobilisieren, damit es die »demokratische« Welt beim nächsten Krieg »besser« macht.

Kuzmany meint, Döpfner habe 2015 unter dem Eindruck der Lektüre des Romans »Unterwerfung« des französischen Schriftstellers Michel Houllebecq gestanden. Richtig dürfte sein, dass sich da zwei im gleichen Wahnsystem gefunden haben.

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  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (29. Oktober 2021 um 08:16 Uhr)
    Schon Jean-Jacques Rousseau gelangte zu der Erkenntnis, dass sich kein Herrschaftssystem nur allein mittels Gewalt, Unterjochung und Manipulation von oben (top-down) auf die Dauer erhalten lässt. Erst die Unterwerfung in Form willfähriger und gänzlich unreflektierter Mitwirkung der Untertanen an ihrer eigenen Unterdrückung und Entmündigung (bottom-up) führt zu der machterhaltenden Stabilität und Kontinuität eines solchen Herrschaftsapparates. Und so waren und sind es denn auch die Generationen von Nachfahren aus dem vormaligen angeblichen »Volk der Dichter und Denker«, die dem Springer-Konzern erst zu dieser leviathanischen Macht verholfen haben, trotz unserer Forderung aus den 1960er Jahren: »Enteignet Springer!« Selbst den damals schon bekannten und gutgemeinten Rat: »Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker«, schlugen sie permanent und massenweise in den Wind. Denn auch der hätte ihnen schon früh folgende Warnhinweise mit auf ihren Konsumweg geben können: toxischer Befund. Willst du geistig früh verwesen, musst du täglich Springer lesen. Denn die gesamte Springer-Scheiße wirkt in ganz spezieller Weise im Gehirn auf die Synapse bis du reif bist für die Klapse. Ist dieses Stadium erst erreicht, die Birne längst schon aufgeweicht. Drum die Moral von dem Befund: Scheiß auf den ganzen Springer-Schund! Berlin, 24.8.2019/Reinhard Hopp

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