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Aus: Ausgabe vom 23.10.2021, Seite 8 / Inland
Bibliotheken in der Coronakrise

»In den kommenden Jahren drohen erhebliche Einschnitte«

Verband schlägt vor Tag der Bibliotheken Alarm: Kürzungen gefährden digitale Transformation. Ein Gespräch mit Barbara Schleihagen
Interview: Markus Bernhardt
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Auch Bibliotheken erleben in der Coronakrise eine schwere Zeit

Ihr Verband hat kürzlich den »Bericht zur Lage der Bibliotheken 2021/22« vorgelegt. Wie wirkte sich die Coronapandemie auf die Arbeit in den Einrichtungen aus?

Auch Bibliotheken mussten eine Zeit lang schließen. Teilweise wurde das Personal in das Gesundheitsamt abgezogen. Die verbleibenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich nach Kräften bemüht, Anfragen telefonisch oder per E-Mail zu beantworten. Für ihr Einzugsgebiet boten Biblio­theken an, sich online anzumelden, um die zahlreichen digitalen Angebote wie E-Books, E-Learning-Formate, Film- und Musikstreaming sowie die Onlinedatenbanken nutzen zu können. Registrierte Studierende und Lehrende von Universitätsbibliotheken konnten weiterhin per Fernzugriff das umfangreiche Angebot an Onlineressourcen nutzen. Weitere Möglichkeiten wurden entwickelt, Bücher dennoch verleihen zu können, beispielsweise mit »Click and collect«-Angeboten oder Bücherlieferdiensten bis vor die Haustür.

Gab es auch positive Begleiterscheinungen?

Auch Bibliotheken haben einen großen Digitalisierungsschub erlebt. Viele haben mit neuen Angeboten experimentiert, wie zum Beispiel Vorlesestunden oder Lesungen über Facebook oder Youtube, digitale Mitmachaktionen für Kinder, Lese- und Kreativprojekte für Jugendliche.

Mit dem Programm »Neustart Kultur« der Bundeskulturbeauftragten haben Bibliotheken und Archive die Möglichkeit, Fördermittel in Höhe von 25 Millionen Euro zu beantragen. Damit können Digitalisierungsprojekte umgesetzt oder eine digitale Infrastruktur aufgebaut werden, um Vermittlung über diesen Weg auszuweiten und Bestände auszubauen.

Im Rahmen drohender Haushaltskonsolidierungen könnten auch die Bibliotheken verstärkt Opfer von Kürzungen werden. Welche Auswirkungen hätte das?

Da öffentliche Bibliotheken in der Mehrheit von Kommunen finanziert werden, wirkt sich deren finanzielle Lage unmittelbar auf die Haushalte der Einrichtungen aus. Es steht zu befürchten, dass es hier in den kommenden Jahren zu erheblichen Einschnitten kommen wird – auch, weil Bibliotheken zwar Teil der Daseinsvorsorge, aber dennoch sogenannte freiwillige Leistungen sind. Kürzungen würden den notwendigen weiteren Umbau der Häuser, die sich mitten in der digitalen Transformation befinden, gefährden. In früheren Krisen gab es Kürzungen im Medienetat und beim Personal sowie dadurch bedingte verkürzte Öffnungszeiten und manchmal Schließungen.

Unterschätzen die Verantwortlichen damit den gesamtgesellschaftlichen, aber auch individuellen Nutzen von Bibliotheken?

Nicht alle Entscheidungsträger haben das Potential erkannt. Dabei kann eine Bibliothek so viel mehr: Durch Kooperationen mit Kitas und Schulen erreichen sie auch die Kinder und Jugendlichen, die selbst den Weg nicht zu ihnen finden würden. Mit Leseförderprogrammen begegnen sie der erschreckenden Zahl von 16 Prozent der 15jährigen, die nicht richtig lesen können, und unterstützen die 6,2 Millionen Erwachsenen, die Probleme haben, Texte zu entschlüsseln. Sie ermöglichen Menschen Zugang ins Digitale und unterstützen sie mit Geräten und Medien, mit freiem WLAN und mit Beratungen zur Digital- und Informationskompetenz. Gleichzeitig sind sie Begegnungsorte des Austauschs, des Lernens und gemeinsamer Kreativität.

Mit Blick auf den Tag der Bibliotheken an diesem Sonntag: Wie sollte die Arbeit in den Einrichtungen abgesichert werden?

In einer abgestimmten Strategie für die digitale Bildung müssen Bibliotheken direkt mitgedacht werden, da sie alle Altersstufen erreichen und grundlegende Infrastruktur bereitstellen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen angepasst werden. Weitere Bibliotheksgesetze in mehr Bundesländern würden das Bewusstsein dafür schärfen. Die Kommunen sollten außerdem eine noch bessere Zusammenarbeit der außerschulischen kulturellen Bildungseinrichtungen fördern. Für systematische Lesefördermaßnahmen benötigen Bibliotheken zudem zusätzliches Personal und höhere Budgets.

Barbara Schleihagen ist Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Bibliotheksverbands e. V.

Zeitung gegen Profite mit der Gesundheit

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (23. Oktober 2021 um 12:13 Uhr)
    Bibliotheken gelten als Teil des kulturellen Erbes. Sie sammeln, erschließen, bewahren und machen Informationen verfügbar. Sie sind Dienstleistungseinrichtungen, die ihren Benutzern Zugang zu gesammelten Werken und Daten vermitteln. Neben gedruckten Medien (wie Büchern und Zeitschriften) bieten heute immer mehr Bibliotheken auch digitale Medien an (wie E-Books, DVD oder elektronische Zeitschriften) und verfügen über im Internet zugängliche digitale Bibliotheken. Die meisten Bibliotheken haben großartige Lesesäle, wo man auch Archiv- und Präsenzbestände studieren kann. In jüngerer Zeit werden die Nutzungsformen von Bibliotheken durch die Digitalisierung verändert bzw. erweitert. Es wäre schade, wenn diese kulturellen Einrichtungen aus »Geldmangel« die digitale Revolution verpassen würden und Opfer von Kürzungen würden.