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Aus: Ausgabe vom 22.10.2021, Seite 11 / Feuilleton
Film

Kurdistan an sieben Tagen

Das 11. Kurdische Filmfestival in Berlin
Von Emre Şahin
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Kurdische Schüler in türkischen Internaten: Eher Knastalltag als Schule (»Brother’s Keeper«)

Keine Ahnung, wieso, aber vor kurdischen Events bin ich immer in dieser Stimmung, schon Stunden vorher Mukke aus der Heimat zu hören. Vergangene Woche Donnerstag war es ein bisschen »Zara Gyan« von Jehrmar und ein wenig »Diyarbekir« von Ciwan Haco, bevor ich zur Eröffnung des 11. Kurdischen Filmfestivals in Berlin (14.–20.10.) im Kino Babylon gegangen bin. Das Babylon bietet sich für solche Veranstaltungen einfach an und lebt auch ein bisschen davon. Allein, dass auf der Oldschool-Anzeigetafel dick und fett »11. Kurdisches Filmfestival« steht, herrlich.

Eröffnet wurden die Festspiele, deren diesjähriger Fokus auf Südkurdistan liegt, mit dem Film »The Exam« von Regisseur Shawkat Amin Korki: Ein starker Film über eine junge Frau namens Rojin, die mit Depressionen kämpft. Ihre ältere Schwester Shilan will, dass Rojin an den Aufnahmeprüfungen für die Universität teilnimmt, damit sie nicht wie sie selbst gegen ihren Willen verheiratet wird und Grund hat, weiter am Leben festzuhalten. Bloß hat Rojin überhaupt keinen Kopf zum Lernen, deshalb sucht Shilan einen Weg, Rojin die Lösungen für die jeweiligen Prüfungen zuzustecken. Mal werden dabei von den Behörden die Telefonleitungen gekappt, mal das Internet, damit bloß nicht geschummelt werden kann. Shilan sucht dennoch immer wieder aufs neue einen Weg, ihrer Schwester zu helfen.

Schon allein wegen des Themas ist »The Exam« ein Film, der frischen Wind in das sonst stark von historischen Geschehnissen geprägte kurdische Kino bringt. Beiläufig werden mehrere real existierende »Probleme« angerissen: Etwa, dass Lehrkräfte aufgrund von nicht ausgezahlten Löhnen in Südkurdistan Prüfungslösungen durchstechen müssen, um über die Runden zu kommen. Oder die Geflüchtetencamps, die so normal sind, dass man sich vielleicht gar nicht mehr über sie wundert? Die Spontaneität der Menschen vor Ort, sich den Dingen schnell anzupassen. Obgleich im Film Internet- und Telefonleitungen gekappt wurden, suchen und finden die Menschen immer und immer wieder einen neuen Weg, ihren Angehörigen zu helfen. Diese Spontaneität ist Teil der Mentalität in Westasien, wo nie klar ist, was am nächsten Tag geschehen kann.

Schade war, dass bei der anschließenden Fragerunde Regisseur Korki auf viele Fragen nach dem Motto »(…) war Zufall« antwortete. Wie etwa bei einer Szene, in der ein türkisches Restaurant eine kurdische Schule übernimmt, was – so vermuteten einige Zuschauer – für das aggressive Expandieren der Türkei nach Südkurdistan stehen sollte.

Nach »The Exam« wollte ich als nächstes »Brother’s Keeper« von Ferit Karahan anschauen, der allerdings kurzfristig von Samstag auf Sonntag verlegt wurde. Dabei hatte ich mich den ganzen Tag gefreut und wollte auf gar keinen Fall darauf verzichten. Mit Minztee und Sonnenblumenkernen war es Zeit, zu Hause den Onlinepass zu testen. Kurz registriert, bekam ich eine Mail, die mich auf kurdisch mit »Rojbas Emre« (Hallo Emre) begrüßte, herrlich, wieder einmal. Es braucht wirklich nicht viel, um einen Kurden glücklich zu machen.

Der Stream hing etwas, war aber auszuhalten. Es ging um kurdische Schüler in einem türkischen Internat im besetzten Nordkurdistan. Eindrucksvoll zeigt der Film die – wohl noch harmlos dargestellten – alltäglichen Schwierigkeiten kurdischer Schüler in einer repressiven Schulbehörde. Dabei kommt er ganz ohne großen Aufwand aus. Gleichzeitig, und das haben viele kurdische Filme gemein, hat er etwas Dokucharakter. Die Geschichten der kurdischen Filmemacher sind immer auch von den Erlebnissen des kurdischen Volkes inspiriert.

Einmal online, konnte ich nicht mehr aufhören, und auch der Stream hing nicht mehr. Mir war bereits zu Beginn des Festivals klar, dass mir im Laufe der Woche bei irgendeinem Film die Tränen kommen würden, weil mir wieder irgendwas ins Auge fliegen würde. Bei den Kurzfilmen, die konkurrierten, war es soweit: »58 Days« von Gona Main über den Widerstand der westkurdischen Stadt Afrin, die zwei Monate lang gegen die zweitgrößte NATO-Armee Türkei und die mit ihr verbündeten dschihadistischen Söldner Widerstand geleistet hat. Der 20minütige Film macht einen fertig, nicht weil filmisch alles tipptopp ist, sondern, weil Afrin heute immer noch besetzt ist, und die dezimierte lokale Bevölkerung tagtäglich neue Verbrechen erdulden muss. Der Mut der Menschen – Mütter, die für ihre Kinder an der Front kochen – einfach nur hart.

Generell waren die Kurzfilme interessanter, trauten sich mehr und waren kreativer. Teilweise hatten sie so ein krasses Cringe-Level (in etwa Fremdschämen), dass es wieder geil war; ich fahre voll darauf ab. »Leaks in Exposure« (Katharina Nesterowa) muss hier beispielsweise dringend genannt werden.

Gewonnen hat den Kurzfilmwettbewerb und damit 1.000 Euro Preisgeld zu Recht »IDO« von Saman Mustefa: Ein jesidischer Junge muss, nachdem der einzige ebenfalls jesidische Hauptabnehmer ausfällt, seine Milch an Muslime verkaufen. Obgleich er Kurde ist wie sie, wird seine Ware aufgrund seiner nichtmuslimischen Religion immer wieder abgelehnt.

Auf den zweiten Platz (700 Euro) kam »The Wind Girl« (Dana Karim), der bis zum Plottwist das süßeste war, was ich gesehen habe. Nach dem Twist war es immer noch irgendwie süß, aber auch herzzerreißend. In der Story geht es um ein älteres Paar, das beim Pflügen der Farm Überreste menschlicher Knochen findet. Opfer des Bürgerkriegs in Südkurdistan. Tiefer traut sich der Film aber auch nicht an das Thema ran. Um innerkurdische Krisen wird leider oft ein großer Bogen gemacht.

»Brindarim – I Am Wounded« von Orkan Bayram wurde Dritter (500 Euro). Hätte ich gerne gesehen, war aber laut Plattform leider »nicht in meinem Land verfügbar«. Auch »Bad People, Bad News« der erfolgreichen Künstlerin und Autorin Cemile Sahin (»Alle Hunde sterben«) nicht.

Generell hat es mich aber gefreut, dass auch Kurdinnen und Kurden aus der BRD eine Plattform geboten wurde, wie etwa der Fotojournalistin Esra Gültekin oder Havin Al-Sindys Film »Personae«. Gültekin, die 2017 aus der Türkei geflohen war, erklärte, dass sie nach ihrer Zusammenarbeit mit einem deutschen Journalisten in der Türkei ins Visier der Regierung geraten war und aufgrund ihrer »politischen Einstellung sowie als kurdische Alevitin und als Frau« nichts von den Gerichten in der Türkei zu erwarten hatte. Ihre Ausstellung widmete sich der Genesung von Lisa Calan. Calan hatte nach einem Anschlag des sogenannten Islamischen Staats am 5. Juni 2015 auf eine Veranstaltung der linken Partei HDP in Amed (türkisch: Diyarbakir) beide Beine verloren.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Festival, das mit seinen mehr als 40 Filmen zu den größten kurdischen Festspielen gehört, eine reiche Auswahl auch an Klassikern und Dokumentationen bot, die den Status quo beschreiben. Nur Ostkurdistan war etwas unterrepräsentiert.

Auch das Geld ist immer so eine Frage: Klar, die Filmindustrie hat während der Pandemie stark gelitten, und qualitative Arbeit soll selbstverständlich gefördert und gerecht entlohnt werden, aber es ist auch kein Geheimnis, dass zumindest die meisten aus der kurdischen Community einfache Beschäftigte sind, und Kultur dementsprechend Luxus ist. Deshalb war beispielsweise das Statement des kurdischen Filmfestivals in London cool, nämlich zu sagen, »wir machen unser Festival kostenlos«.

Klar ist aber auch, dass das Festival durch das Geld und die mehrjährige Förderung des Berliner Senats einen viel professionelleren Charakter hatte. Auch war das gesamte Team um Festivalleiter Roj Hajo und die künstlerische Leiterin Kani Marouf sehr engagiert. Wer das Festival verpasst hat, kann einiges online oder am 28. Oktober auf dem Festival in Hamburg nachholen. Gewidmet ist es Rahim Zabihi, einem 2018 im Iran unter zweifelhaften Umständen ums Leben gekommenen Filmemacher. Sein Dokumentarfilm »Holy Bread« wurde auch in Berlin gezeigt. Er thematisiert klassenkämpferisch die prekäre Lage kurdischer Schmuggler (»Kolbars«), und ist – das Beste kommt zum Schluss – wirklich jedem zu empfehlen.

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  • Leserbrief von jW-Redaktion (22. Oktober 2021 um 18:10 Uhr)
    Hinweis:
    Die meisten Filme sind in kurdischer Sprache mit englischen Untertiteln, einzelne Filme sind auch mit deutschen Untertiteln verfügbar.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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