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Aus: Ausgabe vom 22.10.2021, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Der ganze Engels

Mehr als ein zuverlässiger Grundkurs Marxismus: Das musiktheatralische Werk »Lizzy will es wissen« in Wuppertal
Von Kai Köhler
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Dialektik der Natur? Lizzy will es eben wissen, und Friedrich gibt Antwort

Friedrich Engels in gut neunzig Minuten, geht das? Die Autorin Christa Weber und der Komponist Christof Herzog unternehmen dies in ihrem musiktheatralischen Werk »Lizzy will es wissen«. Eigentlich zum Engels-Jahr 2020 geschrieben, wurde es pandemiebedingt verspätet nun auf einer Veranstaltung der Marx-Engels-Stiftung in Wuppertal aufgeführt.

Tatsächlich erfährt Lizzy Burns, die irische Arbeiterin, die bis zu ihrem Tod 1878 Lebensgefährtin Engels’ war, auf der Bühne des Weber-Herzog-Musiktheaters alles Wichtige über den Mitbegründer des Marxismus. Die Grundzüge des Materialismus kommen ebenso vor wie die Dialektik. Weber und Herzog fassen die wesentlichen Punkte des historischen Materialismus zusammen: von der Entstehung der Arbeiterklasse über deren revolutionäre Rolle bis zu der demokratischen Diktatur des Proletariats. Ebenfalls geht es um Engels’ »Dialektik der Natur«, die heute noch ökologische Diskussionen bereichern kann. Weber und Herzog machen klar, dass es keine Lösung innerhalb einer Logik des kapitalistischen Profits geben kann. Ein einfaches Zurück zum primitiv Handwerklichen hilft ebenso wenig wie die feministische Hoffnung, Frauen könnten es besser machen. Vielmehr zielt alles auf die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und zuletzt auf den Kommunismus.

Marx und Engels waren streitbar und zogen im Zweifelsfall präzise begründete Abgrenzungen nebst praktischer Konsequenzen einer möglichst breiten Oppositionsbewegung vor. »Lizzy will es wissen« begründet die Gegnerschaft zu wohlmeinenden, doch fehlerbehafteten Linken: zu einer nur menschenfreundlichen Utopie, die im Reformismus zu enden droht oder zum anarchistischen Terror, der am Ende nur dem Gegner nützt. In einer prägnanten Szene zeigen Weber und Herzog, wie Engels zuerst mürrisch auf die Forderung reagiert, sich mit einem Eugen Dühring auseinanderzusetzen, der so dumm wie gutwillig Verwirrung stiftet. Doch mit der Widerlegung, dem »Anti-Dühring«, fasst Engels dann seine Erkenntnisse und die von Marx zusammen.

Die Person Engels kommt nicht zu kurz; der Soldat der Revolution von 1848 etwa, der autodidaktisch zum anerkannten Militärspezialisten wurde. Man sieht den Genießer, der einen guten Wein schätzt: Sozialismus heißt eben nicht Verzicht, sondern das Beste für alle. Deutlich wird der jahrzehntelange freundschaftliche Austausch von Gedanken zwischen Marx und Engels. Ohne Engels’ finanzielle Unterstützung gäbe es keinen ersten Band des »Kapital«; ohne aufopferungsvolle Editorentätigkeit nicht die Bände zwei und drei. Im Detail mag man heute manches verbessern. Doch ist die Kritik falsch, dass Engels Marx verflacht hat. Tatsächlich hat er ihn ermöglicht.

Viele Inhalte also in »Lizzy will es wissen«, und alle sind richtig. Was als Engels-Stück angekündigt ist, wirkt zugleich auf knappen Raum als zuverlässiger Grundkurs Marxismus. Damit verbunden ist die Gefahr der Didaktik. Dieser Gefahr wird szenisch begegnet. Lizzy will es eben wissen, und Friedrich muss antworten. Natürlich ergibt sich daraus dramaturgisch das Problem, dass Engels überlegen ist. Doch zeigt sich, dass Lizzy – historisch beglaubigt – mit dem irischen Kampf gegen den britischen Imperialismus verbunden ist, also eine eigene Politik verfolgt. Auch hat sie zusammen mit ihrer Schwester Mary Engels überhaupt erst den für seine Forschungen so wichtigen Zugang zur englischen Arbeiterklasse ermöglicht.

Dies hätte – im Interesse eines Gleichgewichts – szenisch ausgeführt werden können. Anschaulich aber werden die Vorgänge durch Lieder. Hier treten die Figuren – wie bei Brecht mit Weill, Eisler und Dessau – aus ihren Rollen heraus und singen konzentrierte Lagebeschreibungen: von Heines »Weberlied« über Brechts Analyse des Opportunismus in »An die Gleichgeschalteten« bis zu Vertonungen von Gedichten Erich Weinerts und von Texten Christa Webers. Es gibt in »Lizzy will es wissen« schwächere Passagen. Engels' theoretische Texte sind zur Vertonung ungeeignet, weil sie keinen Rhythmus aufweisen, der mit Musik zusammenzubringen wäre. Auch verlangen sie soviel Aufmerksamkeit für den Inhalt, dass keine für die Begleitung übrigbleibt. Aber wo Konflikte lyrisch verdichtet sind, da erfüllen Herzogs Kompositionen die Funktion, das Didaktische anschaulich zu machen. Weber und Herzog singen und spielen, Edén Galán spielt Klavier und übernimmt eine Nebenrolle. Auf Wiederaufführungen ist zu hoffen.

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