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Aus: Ausgabe vom 21.10.2021, Seite 11 / Feuilleton
Folklore

Slick Ricks Augenklappe

Archiviert und abgeheftet: Die »Smithsonian Anthology of HipHop and Rap«
Von Thomas Salter
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Bloß weil die Alten des Genres schon im Museum gelandet sind, heißt das nicht, dass die Kultur nicht auf der Straße weiterlebt

Das ist kein Nachruf auf Hip­Hop, schließlich ist die Diskussion darüber, ob eine popkulturelle Bewegung nun tot sei oder nur schon komisch rieche, zum Gähnen. Trotzdem: Dass das National Museum of African American History and Culture (NMAAHC) mit dem Label Folkways die »Smithsonian Anthology of HipHop and Rap« herausgebracht hat, lädt doch zu ein paar Gedanken über die gesundheitliche Verfassung dieser in die Jahre gekommenen Jugendkultur ein.

Für eine Kultur ist es oft eine zweifelhafte Ehre als Ausstellungsstück in einem Museum zu landen. Meistens heißt das nämlich, dass sie Opfer einer Kolonialisierung geworden ist – womöglich hat ein imperialistischer Staat sie unterworfen, oder sie wurde vom Kapitalismus vereinnahmt. Als Barack Obama 2016 in Washington, D. C., das NMAAHC eröffnete und damit auch ein Synthesizer des verstorbenen Beatproduzenten J Dilla, Slick Ricks Augenklappe, eine Uniform von Public Enemys militantem Tanzbataillon S1W und Rakims Mikrophon ihren Platz zwischen Jazz-Memorabilien und Blues-Exponaten fanden, war dies vielleicht nicht Kolonialismus im strengen Sinne. Aber zumindest war damit auch jeder Anspruch, eine Subkultur mit revolutionärer Kraft zu sein, in den Archiven abgeheftet. HipHop war staatstragend. Als Fan der Musik mischte sich unter die Trauer darüber aber auch ein Gefühl der Wertschätzung.

Denn trotz ihrer enormen kommerziellen Bedeutung hatte HipHop-Musik erst spät die Erinnerung an die eigene Entstehung gepflegt. Die Erzählungen über Kool DJ Herc, Doug E Fresh, Afrika Bambaataa und die Zulu-Nation waren so vage, man konnte den Eindruck bekommen, diese Pioniere seien allesamt verstorben. Erst der Dokumentarfilm »The Art of Rap: Something from Nothing« (2012) des Rappers Ice-T machte sich die Mühe, mit den Zeitzeugen die Legenden zu konkretisieren. Die Netflix-Dokuserie »HipHop Evolution« vertiefte dieses Wissen.

Es ist also auch ein schönes Zeichen, dass die USA die Bedeutung der HipHop-Kultur hervorhebt – und damit auch die rassistischen und ausbeuterischen Umstände anerkennt, unter denen die schwarze Bevölkerung in den US-Ghettos leidet und die zumindest im frühen HipHop Antrieb und Inhalt der Musik waren. Und das gilt auch für die Anthologie, die das Label Folkways nun – leider nur in den USA – herausgebracht hat: neun CDs mit insgesamt 129 Songs von 1979 bis heute, dazu ein 300seitiges Buch mit Hintergrundinfos zu den Songs und mehreren Essays.

Folkways widmet sich sonst eher Folk-Legenden wie Pete Seeger oder Woody Guthrie oder sammelt die musikalischen Zeugnisse von Protestbewegungen. In dieser Reihe zu erscheinen, ist also auch eine Aufwertung. 44 Experten wie der Journalist und HipHop-Kenner Jeff Chang oder Chuck D von Public Enemy und die Rapperin MC Lyte haben an der Auswahl und Einordnung der Songs mitgewirkt. Dabei rausgekommen ist eine Art multimediales Museum. Die Exponate, also die Songs und die dazugehörigen Infotexte, sind chronologisch geordnet, dazwischen geben Essays einen Kontext und greifen Schwerpunkte heraus, etwa die übrigen Kunstformen der HipHop-Kultur: Graffiti und Breakdance.

Bill Adler ordnet in einem Essay Rap-Musik in den Kontext afroamerikanischer Musikgeschichte ein: Er verfolgt das Rappen zurück bis zu reimenden Radiomoderatoren der 50er wie Daddy-O Daylie; das »Dissen« findet er schon bei dem Pianisten Jelly Roll Morton (1890–1941) und seinem »The Dirty Dozen« und im jamaikanischen »Toasting«. Jeff Chang deutet in seinem Text das kulturindustrielle Dilemma des HipHop an, etwa wenn er schreibt: HipHop wurde »instrumentalisiert für einen neuen globalen Konsumentenkapitalismus, vom Gefängnisstaat für die globale neoliberale Welt geschaffen«.

Damit verweist Chang auf den zweiten oben genannten potentiellen Kolonialherren: den Kapitalismus in Form der Kulturindustrie. Und in der Tat kann man die präsentierte Sammlung auch als eine Chronik der kapitalistischen Vereinnahmung dieser Subkultur lesen. Wie die zunächst vor allem auf der Straße und bei selbstorganisierten Blockpartys zelebrierte Musik – geschaffen mit geklautem Equipment, illegal angezapftem Strom, unlizenzierten Loops – von konventionellen Plattenbossen wie Sylvia Robinson aufgegriffen wurde. Die castete drei Nichtrapper und ließ sie als Sugarhill Gang mit ausgeliehenen Reimen den ersten Charterfolg »Rapper’s Delight« aufnehmen. Wie dann autochthone Labels wie Def Jam (Russell Simmons und Rick Rubin) sich ein Stück an dem Kuchen sicherten, und schließlich Puff Daddy mit Bad Boy Records oder ­Jay-Z und Damon Dash mit Roc-A-Fella Records die Musik vollends als Vehikel für eigene Modelabels und andere Konsumprodukte ausbeuteten.

Schon damals, also mit Grausamkeiten wie Puff Daddys schonungslosem Ausschlachten der Ermordung seines Schützlings Notorious B. I. G. in dem aus Police-Zitat und unterirdischem Rap zusammenproduzierten »I’ll Be Missing You« (1997, zum Glück nicht unter den 129 ausgewählten Songs), hätte man also bereits den Herztod des Hip­Hop feststellen können. Aber die DIY-Ethik des Cloudrap und neue Poeten wie Kendrick Lamar zeigen: Bloß weil die Alten des Genres schon im Museum gelandet sind, heißt das nicht, dass die Kultur nicht auf der Straße weiterlebt.

Diverse: »The Smithsonian Anthology of HipHop and Rap« (Smithsonian Folkways Recordings)

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