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Aus: Ausgabe vom 21.10.2021, Seite 10 / Feuilleton
Geschichte

Erforscht und besiegt

»Die Heilung der Welt«: Roland D. Gerste schreibt über das goldene Zeitalter der Medizin
Von Michael Wolf
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Blick unter die Haut: Zeichnungen aus einem Anatomiebuch von 1898

Die Rückkehr des öffentlichen Lebens mag etwas anderes versprechen – jedoch: Die Pandemie gehört weiterhin der Gegenwart an. Es wird noch Zeit brauchen, womöglich viele Jahre, um den Verlauf der Krankheit und die medizinischen wie politischen Bemühungen zu ihrer Eindämmung mit gebotenem Abstand seriös bewerten zu können. Die Verlage werfen dessen ungeachtet schon jetzt mit Coronabüchern um sich. Mediziner, Soziologen und Philosophen preschen vor, heraus kommen meist nicht viel mehr als Wetten auf künftige, dann hoffentlich mehr oder weniger gesicherte Erkenntnisse. Diese Kaffeesatzleserei wird den Historikern der Zukunft als Quelle für die Gemütsverfassung im Ausnahmezustand dienen.

Wird man übereinkommen, dass die Menschheit ihr Bestes gegeben hat? Wird die Pandemie als Sternstunde der Medizin in die Geschichte eingehen? Immerhin wurden in kürzester Zeit Impfstoffe entwickelt. Fragen wie diese ergeben sich immer wieder beim Lesen von Roland D. Gerstes Buch »Die Heilung der Welt – Das goldene Zeitalter der Medizin«. Es handelt sich in gewisser Weise auch um ein Coronabuch, selbst wenn der Autor kaum auf die Pandemie eingeht. Man könnte beim Lesen aber den Eindruck bekommen, dass die Medizin erst jetzt wieder einen vergleichbaren Einfluss auf das Alltagsleben westlicher Gesellschaften ausübt wie in den hier behandelten Jahren von 1840 bis 1914.

Gerste, selbst Augenarzt, verortet die Medizin in der Gesellschaft, erzählt Geschichte anhand der medizinischen Innovationen jener Epoche. Er betrachtet die medizinischen Innovationen zusammen mit den wirtschaftlichen, technologischen und sozialen Entwicklungen dieser Zeit. Die rasante Entwicklung der Mobilität führte zu Knochenbrüchen und Traumata durch Unfälle, der soziale Wandel erforderte die Erfindung der plastischen Chirurgie, die Entdeckung des Choleraerregers führte zu Veränderungen in der Infrastruktur der Städte. Nur das Penicillin scheint noch zu fehlen, ansonsten entstammen die meisten Selbstverständlichkeiten heutiger Grundversorgung dieser Zeit.

So zum Beispiel die Bluttransfusion und – nicht weniger wichtig – Blutkonservierung. Oder die Blutdruckmessung, die 1896 erstmals mit einem Fahrradschlauch vorgenommen wurde. Auch die Erfindung der Narkose fällt in diese Epoche, die Operationen an den inneren Organen erstmals ermöglichte. Die Schmerzen waren bis dahin viel zu groß, die Patienten hielten nicht still. Eine spezielle Betäubung führt Gerste auf Sigmund Freud zurück. Dieser habe als junger Arzt seinen Freund und Kollegen Carl Koller überhaupt erst auf die Idee gebracht, Kokain als lokales Anästhetikum zu verwenden. Noch viele Jahre sei er leicht verärgert darüber gewesen, »dass er nicht selbst durch die Lokalanästhesie zu einem bedeutenden Arzt, einer Berühmtheit geworden war«. Freud als Anästhesist? Die Geschichte, nicht nur die Medizingeschichte, wäre wohl anders verlaufen.

Ähnliches gilt für zahlreiche Entdeckungen dieser Zeit. Die vielleicht folgenreichste ist eine denkbar simple: das Händewaschen. Ignaz Semmelweis (1818–1865) versuchte, das Rätsel zu lösen, warum an einer Wiener Geburtenklinik sehr viel mehr Mütter am Kindbettfieber starben als an einer anderen. Damals wurde die Krankheit, wie zahlreiche weitere, mit der Miasmentheorie erklärt, derzufolge Verunreinigungen der Luft Menschen infizieren. Die Wahrheit sah anders aus. In der weniger geplagten Geburtenklinik arbeiteten Hebammen, die sich vor einer Niederkunft die Hände reinigten, während die Ärzte in der anderen Klinik nicht selten vom Seziertisch direkt ans Kindbett eilten. Die Ärzte höchstpersönlich brachten also den Tod. Semmelweis musste einige Widerstände überwinden, um seine Kollegen von jenen Hygienevorschriften zu überzeugen, die seither unzähligen Menschen das Leben bewahrten.

Gerste gelingt es, die Aufbruchstimmung dieser Zeit zu transportieren, den Optimismus einer Epoche, in der man meinte, alles würde nur immer besser werden. Rechtzeitig bricht er im Jahr 1914 ab, um uns Enttäuschung zu ersparen, und doch darf man das Buch zuversichtlich zuschlagen. Wenn all diese Krankheiten damals in kurzer Zeit erforscht und besiegt wurden, dürfte die Menschheit auch in der Lage sein, ihre ganz aktuellen Probleme zu lösen.

Roland D. Gerste: »Die Heilung der Welt. Das goldene Zeitalter der Medizin 1840–1914«. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2021, 400 Seiten, 24 Euro

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