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Aus: Ausgabe vom 20.10.2021, Seite 15 / Antifa
Faschisten in NRW

Im Geheimdienstsumpf

Dortmunds Neonaziszene in mehrere Mordfälle verstrickt. Fragen über Ausmaß der Kooperation faschistischer Kader mit Behörden mehren sich
Von Markus Bernhardt
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Aufmarsch unter Polizeischutz für den verstorbenen Neonazikader Siegfried Borchardt in Dortmund (9.10.2021)

Nach dem Tod des Dortmunder Neonazikaders Siegfried Borchardt in der Nacht zum 3. Oktober mehren sich Fragen über mögliche Verstrickungen Borchardts in mehrere Mordfälle sowie etwaige Kooperationen von Polizei und Inlandsgeheimdiensten mit dem Faschisten, der bundesweit als »SS-Siggi« bekannt war. So warfen am 4. Oktober die Dortmunder Ruhr-Nachrichten (RN) die Frage auf, inwiefern der dreifache Dortmunder Polizistenmörder Michael Berger auch für einen vierten Mord verantwortlich sein könnte: den an dem Obergefreiten Eckehard Doll in der Hindenburg-Kaserne in Munster in der Nacht zum 1. März 1992.

Berger hatte am 14. Juni 2000 im Raum Dortmund die drei Polizeibeamten Thomas Goretzky, Yvonne Hachtkemper und Matthias Larisch von Woitowitz erschossen und danach sich selbst getötet. Danach rühmte sich die damals unter der Eigenbezeichnung »Kameradschaft Dortmund« agierende Neonaziszene um Siegfried Borchardt ihrer guten Beziehungen zu Berger und verbreitete Aufkleber mit der Aufschrift »3:1 für Deutschland – Berger war ein Freund von uns«.

Bei der Durchsuchung von Bergers Habseligkeiten wurden Mitgliedsausweise der NPD sowie der »Deutschen Volksunion« (DVU) sowie der »Republikaner« gefunden. Dennoch leugnen die Ermittlungsbehörden einen politischen Hintergrund des Dreifachmordes bis heute beharrlich. Auch mehr als 21 Jahre später hält sich das Gerücht hartnäckig, dass der Polizistenmörder selbst im Dienst der sogenannten Verfassungsschutzbehörden gestanden habe.

Auf eine entsprechende parlamentarische Anfrage des früheren Dortmunder CDU-Bundestagsabgeordneten Erich G. Fritz hatte die damalige Bundesregierung aus SPD und Bündnis 90/Die Grünen lediglich geantwortet, dass sie zu Fragen, die den Bereich der operativen Nachrichtenbeschaffung beträfen, Auskunft nur dem zuständigen Parlamentarischen Kontrollgremium erteile. Die Mitglieder des Gremiums, welches für die Überwachung der Geheimdienste zuständig ist, sind jedoch unter Strafandrohung zur Geheimhaltung verpflichtet.

Für Kontakte zwischen dem Inlandsgeheimdienst und dem Dreifachmörder spricht jedoch unter anderem, dass damals in Bergers Portemonnaie eine Visitenkarte des Dortmunder Neonazis und V-Mannes Sebastian Seemann gefunden worden war, dessen Spitzeltätigkeit erst 2007 durch eine Justizpanne aufflog. Die Staatsanwaltschaft Bielefeld behauptete damals sogar, dass Seemann durch seinen »V-Mann-Führer« beim Inlandsgeheimdienst vor polizeilichen Ermittlungen gewarnt worden sei.

Derzeit untersuchen die niedersächsischen Behörden erneut, ob Berger nicht auch als Mörder Dolls in Frage kommt. Bisherigen Erkenntnissen zufolge war Berger zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls in der besagten Kaserne im niedersächsischen Heidekreis stationiert. Nicht nur bezüglich der Ermordung des jungen Soldaten lohnt sich ein Blick in den 2017 veröffentlichten Schlussbericht des parlamentarischen Untersuchungsausschusses des NRW-Landtages zu den Morden des rechtsterroristischen Netzwerks »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU). Dort findet sich zumindest der Hinweis, dass das Polizeipräsidium Dortmund bezüglich der Ermordung des Obergefreiten in Niedersachsen nicht ausgeschlossen habe, dass »Michael Berger die Tat begangen hat«.

Auch bezüglich Siegfried Borchardt mehren sich weiterhin Hinweise auf Kooperationen mit Polizeibehörden und Inlandsgeheimdiensten. So wies die antifaschistische Zeitung Lotta jüngst auf einen Bericht der Ruhr-Nachrichten vom November 2017 hin, wonach Borchardt sich mit dem Verfassungsschutz »für ein paar Flaschen Schnaps« zu Gesprächen getroffen habe. Zwar soll Borchardt, der über Kontakte bis tief hinein ins terroristische Nazimilieu verfügte, nie förmlich als V-Mann verpflichtet worden sein. Aber es soll ein »Arrangement« zwischen ihm und den Behörden gegeben haben, auf »unnötige Demonstrationen« zu verzichten, wie laut RN aus einem Geheimdienstvermerk hervorgehen soll. Auch in einem Beitrag der antifaschistischen Rechercheplattform »Exif« über nicht verfolgte Spuren im NSU-Mordfall Halit Yozgat wird auf Borchardts Rolle im Geheimdienstsumpf verwiesen. So stellt sich die Frage, ob überhaupt ein einziger Mord existiert, in den Angehörige der Dortmunder Naziszene verstrickt und in welchen die Inlandsgeheimdienste nicht involviert sind.

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