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Aus: Ausgabe vom 20.10.2021, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Verruchtes und Unsagbares

Der Schriftstellerin Elfriede Jelinek zum 75. Geburtstag
Von Florian Neuner
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»In Österreich wird kritischen Künstlern die Emigration nicht nur empfohlen, sie werden auch tatsächlich vertrieben, da sind wir gründlich« – Elfriede Jelinek

»Eine Revolution ist wohl nötig. Aber keine, behüte, vom derzeitigen Erfolgsautor.« Die da in einer gemeinsam mit dem Komponisten Wilhelm Zobl verfassten Polemik auf Peter Handke antwortete, der Michael Scharang vorgeworfen hatte, »unempfindliches Zeug« zu schreiben, ist die junge Autorin Elfriede Jelinek. 1969 hatte die Debatte um politisches Engagement in der Literatur, in der die beiden späteren Nobelpreisträger aneinandergerieten, auch die österreichische Literaturzeitschrift Manuskripte erreicht. Eine formal innovative Literatur, die sich mangelnde politische Relevanz vorwerfen lassen musste, stand einer realistischen Ästhetik gegenüber, die von Autoren wie Scharang mit revolutionärer Rhetorik verfochten wurde. Elfriede Jelineks Schreiben aber stemmte sich von Anfang an gegen diesen Frontverlauf. Die 1946 im steirischen Mürzzuschlag geborene und in Wien aufgewachsene Autorin war ästhetisch von den Nachkriegsavantgarden geprägt und davon überzeugt, gerade mit diesen Mitteln politische Sprengkraft erzielen zu können. Politisches Schreiben in diesem Sinne bedeutet, sich kritisch und direkt mit der Sprache von Politik und Medien auseinanderzusetzen, dieser Sprache zu Leibe zu rücken und sie bis zur Kenntlichkeit zu entstellen. Daran arbeitet Jelinek bis heute.

Offen für Trash

Nach der Vorstellung ihrer Mutter sollte Elfriede Jelinek zu einem musikalischen Wunderkind heranreifen und wurde mit 13 ans Konservatorium der Stadt Wien geschickt. Das problematische Verhältnis hat Jelinek 1983 in dem Roman »Die Klavierspielerin« verarbeitet, der auch in der Verfilmung durch Michael Haneke Furore machte. 1970 erschien der erste Roman »wir sind lockvögel, baby!«, »gewidmet dem österreichischen bundesheer« ist dem Buch eine »gebrauchsanweisung« vorangestellt, in der die Leser aufgefordert werden, das Buch »sofort eigenmächtig« zu verändern. In konsequenter Kleinschreibung gehalten, ist dieses Debüt dennoch kein Exerzitium des Experimentellen – im Gegenteil: Die Jelineksche Ästhetik ist von Anfang an offen für Trash, Splatter und Versatzstücke der Trivialliteratur. Der 1972 erschienene »Michael«, ein »Jugendbuch für die Infantilgesellschaft«, kommt dann marxistisch und auch feministisch präziser auf den Punkt, ohne sich weniger spielerisch und sarkastisch zu geben.

»Die Liebhaberinnen« wurden 1975 zum ersten großen Erfolg, Ende der 1970er Jahre begann mit »Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften« auch die Laufbahn der Dramatikerin Elfriede Jelinek. Ein richtig heißes Eisen fasste sie 1985 an, als sie in »Burgtheater« die Nazivergangenheit der Schauspielerin Paula Wessely thematisierte. Das Stück wurde in Bonn uraufgeführt, in Österreich galt die Autorin fortan als Nestbeschmutzerin. In den 1990er Jahren hetzte die FPÖ sogar auf Plakaten gegen Jelinek, Claus Peymann und andere missliebige Künstler. In ihrer Dankesrede zum Heinrich-Böll-Preis sagte Jelinek 1986: »In Österreich wird kritischen Künstlern die Emigration nicht nur empfohlen, sie werden auch tatsächlich vertrieben, da sind wir gründlich.«

Von ihrem 1989 publizierten Roman »Lust« besitze ich einen Raubdruck, der auf dem Umschlag – anders als die offizielle Ausgabe – erotische Zeichnungen bringt. Das Skandalbuch sorgte für Missverständnisse: ein Porno, ein feministischer gar? Oder eine Abrechnung mit der Pornographie? So zumindest scheint das Buch intendiert, in dem in wechselnden, bewusst schiefen, mitunter quälenden Bildern der heterosexuelle Geschlechtsverkehr als demütigende Gewalterfahrung für die Frau beschrieben wird: »So steht die Frau still wie eine Klomuschel, damit der Mann sein Geschäft in sie hineinmachen kann.« Bücher wie »Lust« oder »Gier« sind angesiedelt in einem ausweglosen Karikaturalpenland. Die Frauen sind ihren Ehemännern ausgeliefert, ständig betrunkene Männer in Trachtenanzügen gehen auf die Jagd oder Ski fahren, wenn sie in den finsteren Gebirgstälern nicht gerade ihre Familien terrorisieren – übersteigerte Klischeepanoramen, die Elfriede Jelinek mit grobem Pinsel und nie erlahmender Sprachkraft malt. Ein Marcel Reich-Ranicki konnte das nicht verstehen und sprach von der »Unfähigkeit, die Welt erzählend darzustellen«.

Durch den Fleischwolf

Der Weg vom Staatsfeind zum Staatskünstler ist in Österreich oft erstaunlich kurz. Der Interuniversitäre Forschungsverbund Elfriede Jelinek residiert heute in der Wiener Hofburg; seit dem Nobelpreis 2004 ist das Skandalgeschrei beinahe verstummt. Es könnte aber auch sein, dass die Mittel sich inzwischen abgenutzt haben. Jelinek, die sich seit Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, reagiert beinahe auf alles in Echtzeit – ob es sich um Fukushima handelt, um die Politskandale in Österreich oder um die Wahl Donald Trumps. Sie muss viel Zeit vor dem Fernseher oder im Netz verbringen, um den Sprachmüll sogleich durch den Fleischwolf ihrer Textgenerierungsmaschine drehen zu können. Im »Trump-Stück« »Am Königsweg« heißt es dann etwa: »Na schön. Ruft er halt Verruchtes und Unsagbares, als wollte er sich selbst aus dem Land verstoßen, in dem er nun mal König geworden ist, das will er aber gar nicht, wollte er nie, er will ein neues Hotel bauen, doch wenn er nicht König ist, kriegt er das Kapital dafür nicht und kriegt den Belag für dieses Hotel auch nicht.«

Jelinek, die in den letzten Jahren ausschließlich mit Theatertexten hervorgetreten ist, schreibt keine Stücke, sondern liefert Textflächen mit der Lizenz, damit zu machen, was die Theatermacher wollen. Da sich regelmäßig die allerersten Kräfte der deutschsprachigen Theater mit diesen Texten befassen, geht das selten schief und führt mitunter auch zu grandiosen Ereignissen wie dem von Einar Schleef 1998 auf die Wiener Burgtheaterbühne gebrachten »Sportstück«. Indes scheint leise Resignation sich einzustellen. 2018 schrieb Elfriede Jelinek: »Schon anläßlich der letzten rechts-rechten Regierung und der Proteste dagegen habe ich gesagt, dass ich nicht gedacht hätte, das, was ich immer schon gesagt habe, noch einmal sagen zu müssen.« Sie wird es wohl noch oft müssen.

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