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Aus: Ausgabe vom 20.10.2021, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Monster unterm Bett

Songfragmente, Soundgerippe: Tirzahs neues Album »Colourgrade«
Von René Hamann
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Dark Soul, irgendwie metallisch: Tirzah

Genügend Soul hat das immer noch. Aber es sind seltsame Geräusche, Klangexperimente, Hall. Mal eine schüchterne Gitarre, mal eine männlich scheinende zweite Stimme, die Tirzahs diesmal stets zarten Gesang, tja, ummalen. Und zwar in einem Soundgefüge, das das Gegenteil von Bombast ist: Tirzahs zweite reguläre Platte, »Colourgrade« gerufen, ist purer Minimalismus.

Und das ist auch das, was die Platte interessant macht. Denn die Mischung aus Soul, R ’n’ B und lustig verspulten Indietronica mit einer weiblichen Stimme, die was kann, hat man schon öfter mal gehört in den letzten Jahren. Tirzahs Unique Selling Point könnte aber aufgehen: »Colourgrade«, das Album nach »Devotion« von 2018, hat Songfragmente, Soundgerippe, ist trotzdem hochintensiv und abwechslungsreich, und Tirzah sticht damit wieder einmal heraus aus der Masse der Elektropopdiven in den digitalen Sphären der Musik des 21. Jahrhunderts.

Und hier, zum Beispiel in »Beating«, hustet sie sogar einmal, während eine Art digitaler Staubsauger oder eine Fensterwaschanlage in einem Wellnessbereich neben einem orgelhaften Gewaber den Hintergrund gibt. »Life is beating, growers we are now«, singt sie, die auch auf diesem Album mit Micachu zusammenarbeitet, der zweiten Person mit drittem Geschlecht hinter dem Projekt. Erinnert sich noch jemand an Terence Trent D’Arby? Der hat nach seinem Durchbruch und einer Menge Hitsingles auch ein Album veröffentlicht, damals in den achtziger Jahren, das auf Experiment setzte – und hing damit erst einmal entschieden durch. Kommerziell war das damals ein Desaster – trotz oder gerade wegen all der Kunstfertigkeiten.

Aber die Zeiten, sie ändern sich. Tirzahs Alben erscheinen auf Domino, sie ist also eh indie. Und trotzdem ist dieser minimalistische Soundgarten hörbar – und Masse ist ein Konzept aus der Vergangenheit. Die Single »Tectonic« ist eine Art Gespensterrap mit schlurfendem Beat. »Hive Minds« ist das eine Duett mit Coby Sey und einem rhythmisch bellenden digitalen Hund, das ein wenig an The xx erinnert. »Recipe« bollert los wie irgendwas von Zola Jesus (was macht die denn eigentlich inzwischen?) und wird schnell wieder heruntergeholt, weil Tirzah hier so emotionslos singt wie nur was. Dark Soul, irgendwie metallisch.

»Artschool Pop« und gar »Noise« ist in anderen Medien dazu zu lesen. Es bleibt eine knochentrockene Musik, die ihren spröden Reiz aus der Andeutung des Gegenteils gewinnt: dem Soul, der Tiefe, der Emotion. »When you touch me, I’m out my body (out my sense) / Instinct takes place, instinct (instinct)«, singt Tirzah in »Tectonic«. Auch auf der Wortebene funktioniert das so: Repitition, Wiederholung, Phrase. Ein paar hingetupfte Zeilen, die in der Drehung ihre eigene Magie gewinnen.

Inzwischen ist Tirzah Mastin, die in den Outskirts Londons wohnt, Mutter zweier Kinder, irgendwo in den seelischen Tiefen dieses Albums wird auch das – positiv – verhandelt. Und im Jahr 2021, tatsächlich fast zwanzig Jahre nach ihrer ersten Aufnahme, ist die Gute 33 Jahre alt und kann über die Vorstellung, Popstar zu sein oder noch zu werden, ohnehin nur lachen. Wenn sie nicht Musik macht, macht sie in Mode; dabei sieht sie selbst so uneitel aus wie ihre Musik trotz allen Kunstwillens klingt. Daneben wird sie sich jetzt um die Familie kümmern müssen – »Sleeping« heißt eines der vertracktesten, verrauschten Stücke des Albums: »My baby / Ooh, she’s sleeping tonight … And I hold you / And I hold, I hold you tight.« Schlaf wird auch nötig sein. Hoffen wir, dass keine Gespenster in den Schränken hausen und keine Monster unter dem Bett, auch wenn die Klangfarben dieses guten Albums stark darauf hindeuten.

Tirzah: »Colourgrade« (Domino/Goodtogo)

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