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Aus: Ausgabe vom 20.10.2021, Seite 5 / Inland
Industrie im Wandel

Generalangriff auf Jobs

Autozulieferer Mahle will Tausende Arbeitsplätze vernichten. Beschäftigte demonstrieren gegen Konzernpläne und fordern Zukunftsinvestitionen
Von Selina Böttcher, Stuttgart
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Kämpferisch: Rund 1.300 Beschäftigte protestierten am Dienstag in Stuttgart gegen den drohenden Kahlschlag

Eine klare Botschaft: »Ohne Zukunft sehen wir schwarz!« Unter diesem Leitspruch versammelten sich am Dienstag knapp 1.300 Mahle-Beschäftigte am Standort Feuerbach in Stuttgart, am Nachmittag folgte eine zweite Kundgebung am Standort Bad Cannstatt. Zu beiden Kundgebungen hatte die IG Metall aufgerufen.

Die Forderungen der Demonstrierenden: ein sicherer Arbeitsplatz und eine garantierte Zukunft des Standorts. Der Autozulieferer hat in den vergangenen Jahren einen drastischen Personalabbau vorangetrieben – mehr als 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mussten den Standort bereits verlassen. Mit dem Voranschreiten von zukunftsfähigen Technologien hat Mahle zunehmend zu kämpfen, da seine Produktion traditionell hauptsächlich auf Verbrennungsmotoren ausgerichtet ist. Um dennoch seinen Erhalt zu garantieren, weicht der Konzern verstärkt auf Billiglohnländer aus. Diese Verlagerungen sorgen dafür, dass immer mehr Menschen ihren Job an den deutschen Standorten verlieren. Zudem fordert der Konzern finanzielle Beiträge seiner Beschäftigten, ohne ihnen dafür Investitionen zuzusichern, und schickt immer mehr Arbeiter in Kurzarbeit.

Nun wehren sich die Mahle-Beschäftigten und machen durch die Demonstration am Standort Feuerbach auf ihre Forderungen aufmerksam. Passend zum Motto des Protests waren die meisten Beteiligten schwarz gekleidet und setzten damit ein klares Zeichen: Ohne Veränderung gibt es für sie keine Zukunft. »Wir fordern Investitionen in unsere Standorte, denn ansonsten haben ganze Regionen keine Zukunft«, so Heike Mücke, Vertrauenskörperleiterin der IG Metall in Feuerbach, während der Kundgebung der Demonstration. »Gemeinsam fordern wir: keine Entlassungen, Zukunftsinvestitionen, zukunftsfähige Arbeitsplätze und eine sichere Ausbildung!«

Vor gut einem Jahr hatte das Unternehmen in einem »konzernweiten Transformationsprogramm« seine Kürzungspläne formuliert. Diese beinhalten unter anderem auch Werksschließungen. 7.600 Arbeitsplätze sollen weltweit vernichtet werden, davon 2.000 in Deutschland. Ziel der Demonstrierenden ist es auch, die Vorgänge in dem Konzern an die Öffentlichkeit zu tragen, wie Ljiljana Culjak, Betriebsratsvorsitzende bei Mahle Behr in Feuerbach, am Rande der Veranstaltung erklärte. Weiter betonte Culjak die Bedeutung des Konzerns: »Die Automobilbranche hier ist der Motor dieser Region, und wir kämpfen dafür, dass sie erhalten bleibt und dass hier nicht ein zweites Detroit entsteht.« Viele Produkte des Konzerns seien potentiell krisenfest. »Kühlungssysteme und Klimaanlagen sind nicht abhängig von Verbrennungsmotoren«, betonte Culjak.

Um auch dem Konzern zu zeigen, wie wichtig es ihnen mit ihrem Anliegen ist, versammelten sich die Demonstrierenden aus unterschiedlichsten Stuttgarter Standorten in Feuerbach, um dort auf die Straße zu gehen. Mit insgesamt 15 Bussen kamen Beschäftigte der Mahle-Werke aus Vaihingen-Enz und Mühlacker nach Stuttgart. Ziel der Demonstrierenden sei es, so Culjak, »die Abwärtsspirale zu durchbrechen, eine ehrliche Perspektive für den Standort mit Zukunftsaufträgen einzufordern und gemeinsam lautstark dafür zu kämpfen«.

Bernd Riexinger von der Partei Die Linke sagte, die Beschäftigten erlebten einen »Generalangriff auf Arbeitsplätze, Löhne und Gehälter«. »Was wir hier seit eineinhalb Jahren erleben, hat mit Transformation nichts zu tun«, so Riexinger. Nektaria Christidou, Betriebsratsvorsitzende bei Mahle Behr in Mühlacker, kritisiert auch die Inkonsequenz des Konzerns. »Es kann nicht sein, dass ein Arbeitgeber innerhalb von einem Jahr drei-, viermal die Abbauzahlen ändert. Das ist unseriös und hat nichts mit vertrauensvoller Zusammenarbeit zu tun«, so Christidou. Allein in Mühlacker sollen bis 2025 500 Arbeitsplätze gestrichen werden. »Der Autobranche geht es ja an sich schon schlecht. Die Coronakrise hat ihr übriges getan, jetzt kommen Lieferengpässe und der Chipmangel hinzu«, sagte ein Maschinenbediener vom Standort Mühlacker gegenüber jW. Vom Vorstand fordert er nun, nach Lösungen für die deutschen Standorte zu suchen, statt Arbeitsplätze nach Polen zu verlagern.

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