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Aus: Ausgabe vom 19.10.2021, Seite 7 / Ausland
Anhaltende Gewalt in Afghanistan

Zur Abschreckung

Tadschikistan: 5.000 Soldaten beginnen Militärmanöver an Grenze zu Afghanistan. Blutige Anschlagsserie durch ISIS-K
Von Jakob Reimann
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Beginn der Übungen am Montag im tadschikischen Grenzgebiet zu Afghanistan

Angesichts der anhaltenden Gewalt in Afghanistan hat am Montag im nördlichen Nachbarland Tadschikistan ein Militärmanöver mit über 5.000 Soldaten der von Russland dominierten Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) begonnen, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete. In der größten Übung dieser Art seit Jahren werden zudem mehr als 100 Artilleriegeschütze und Raketenwerfer zum Einsatz kommen, meldete die russische Agentur TASS am selben Tag.

In den vergangenen Monaten gab es unter Führung Moskaus wiederholt kleinere, der Abschreckung dienende Militärmanöver in der Region, da die im Norden an Afghanistan grenzenden Länder nach der Machtübernahme der Taliban im August negative Auswirkungen auf die Sicherheitslage in Zentralasien befürchten. »Im Gegensatz zu den anderen nördlichen Nachbarn Afghanistans, die die Taliban-Führung de facto anerkannt« hätten, schreibt Reuters, »weigert sich Tadschikistan, die islamistische Bewegung anzuerkennen«. Duschanbe begründet dies in erster Linie mit Berichten von Übergriffen der Islamisten gegen die tadschikische Minderheit in Afghanistan, insbesondere im Pandschirtal. Wiederholt drohten sowohl die Taliban-Führung als auch die Regierung in Duschanbe unter Präsident Emomali Rachmon der jeweiligen Gegenseite, zudem kam es zu Truppenaufzügen beiderseits der Grenze.

Dass Afghanistan mit der Machtübernahme der Taliban keineswegs zur Ruhe gekommen ist, zeigt eine blutige Anschlagsserie in weiten Teilen des Landes, die der afghanische Ableger der Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat«, ISIS-K, für sich reklamierte. Zuletzt wurden am Freitag 60 Menschen bei einem Selbstmordattentat auf eine schiitische Moschee im südafghanischen Kandahar getötet. Auch der westliche Nachbar Iran ist angesichts der anhaltenden Gewalt in Afghanistan besorgt. Kommende Woche wird Teheran daher eine Konferenz über die politische Zukunft und die Bildung einer neuen »inklusiven« Regierung Afghanistans ausrichten, an der die Außenminister aller Nachbarstaaten, ein Vertreter Moskaus sowie eine Taliban-Delegation teilnehmen werden, wie das russische Außenministerium am Montag laut dpa mitteilte.

Unterdessen berichtete der SWR, dass sich die Ausreise der letzten aus Kabul evakuierten Afghanen vom US-Luftwaffenstützpunkt im pfälzischen Ramstein aufgrund einiger positiv auf das Coronavirus Getesteter verschieben werde, wie ein Sprecher der Airbase am Montag mitteilte. Insgesamt sind in den Wochen vor dem finalen US-Truppenabzug am 30. August über 39.900 Personen über die Basis in Ramstein in die USA und weitere Drittstaaten ausgeflogen worden. Der größte US-Luftwaffenstützpunkt außerhalb Amerikas diente neben den Flughäfen in Doha und Taschkent als zentrales Drehkreuz für die Evakuierungsmission.

Ein Bericht der US-amerikanischen Investigativplattform The Intercept vom Oktober ließ dabei Rückschlüsse auf die Priorisierung Washingtons zu, welche Personen in den chaotischen Tagen der Evakuierungsmissionen am Flughafen Kabul bevorzugt ausgeflogen wurden. Demnach seien insgesamt über 7.000 Mitglieder der berüchtigten »Zero«-Einheiten und deren Angehörige evakuiert worden. Die afghanischen Spezialeinheiten wurden ursprünglich von der CIA gegründet, um über die Grenze hinweg Geheimoperationen in Pakistan durchzuführen. Später fungierten sie als US-Schattenarmee, mit der die CIA in Afghanistan unter dem Radar Razzien und Tötungen befehligte, und blieben auch nach der formalen Eingliederung in den afghanischen Sicherheitsapparat im Jahr 2010 unter vollständiger Kontrolle der US-Dienste.

Den »Zero«-Einheiten werden schwere Kriegsverbrechen vorgeworfen. So dokumentierte ein Intercept-Bericht vom Dezember 2020 zehn Überfälle in der Provinz Wardak südwestlich von Kabul, bei denen in Zusammenarbeit mit US-Einheiten mindestens 51 Zivilisten teils in Massenhinrichtungen exekutiert wurden; viele Kinder waren unter den Opfern. Während die US-Regierung Tausende mutmaßlicher Kriegsverbrecher in Sicherheit ausgeflogen hatte, wurde unzähligen gefährdeten Journalisten, Aktivistinnen und Oppositionellen jegliche Hilfe verweigert.

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