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Aus: Ausgabe vom 19.10.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Macrons Politik gegen Arme

Chronik der Geringschätzung

Für Soziologen ist Frankreichs Präsident die Verkörperung des bürgerlichen Machtmenschen
Von Hansgeorg Hermann
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Für sie macht er Politik: Frankreichs Staatschef Macron bei der Wiedereröffnung eines Paris Luxuskaufhauses (21.6.2021)

Im März des Jahres 2019, der aktuelle Staatschef war zwei Jahre im Amt, veröffentlichte das in Frankreich – je nach politischer Überzeugung – wahlweise als »berühmt«, »berüchtigt« oder auch »linksextrem« gelobte oder gescholtene Soziologenehepaar Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot ein 170 Seiten langes Essay. Es beschrieb Emmanuel Macron schon im Buchtitel als den »Präsidenten der Ultrareichen« und klagte ihn in der Unterzeile – »Chronique de mépris de classe dans la politique d’Emmanuel Macron« – als einen bourgeoisen Führer an, der für die unteren Gesellschaftsschichten nur Verachtung und Geringschätzung übrig habe. Macron als Erfüllungsgehilfe der »Ultrareichen«, das war eine beachtliche Steigerung des Titels, den die beiden Wissenschaftler rund zehn Jahre zuvor dem rechtskonservativen Nicolas Sarkozy verliehen hatten: »Le Président des riches«, eine »Untersuchung zur Oligarchie in Frankreich«, die nach Meinung der Pinçons in Sarkozy ihren besten Assistenten gefunden hatte.

Was die Pinçons in Macron entdeckten, bestätigte ihnen ein knappes Jahr später der dem eher bürgerlich-konservativen Lager zugerechnete Anthropologe und Sozialwissenschaftler Emmanuel Todd. Auf mehr als 360 Seiten beschreibt Todd in seinem Bericht über den »Klassenkampf im Frankreich des 21. Jahrhunderts« Macron als einen Anführer, der sich seit 2016 im Präsidentschaftswahlkampf als Politiker der »Rupture« – des »Bruchs mit der alten (politischen) Welt« – präsentierte, und als gewählter Staatschef »nichts anderes als die hysterisierte, endgültige Form der Bewegungslosigkeit verkörpert«. Die »Oligarchen« der Kollegen Pinçon heißen bei Todd »Superieurs«, Höhergestellte, die – mit unvorstellbarem Reichtum ausgestattet – in Macrons Frankreich die Fäden ziehen. Wenn auch getrennt in die ein Prozent der »Reichen« und die 0,1 Prozent der »Ultrareichen«.

Letztere, schreibt Todd, »haben einen spürbaren Einfluss auf die Wirtschaft, die Kapazität, politische Aktionen zu finanzieren (gemeint ist nicht zuletzt die Unterstützung des Kandidaten Macron und seiner neuen Partei im Winter 2016/17, jW) und die Macht, Leute zu korrumpieren«. Sie könnten zwar »nicht die Meinung dirigieren«, aber, indem sie »die beherrschenden Medien des Informationssystems kontrollieren«, dazu beitragen, »einen großen Teil der gesellschaftlichen Realität zu verbergen«. Nicht nur das. Ultrareiche wie Bernard Arnault, Besitzer des weltweit handelnden Luxusgüterkonzerns LVMH und Macron-Unterstützer der ersten Stunde, können sich sogar als »Wohltäter« der Gesellschaft inszenieren. Todd: »Sie können auch die (abgebrannte, jW) Kathedrale Notre-Dame reparieren, in solchen Momenten ungeschickt die grausame Materialität ihres Reichtums demonstrierend.«

Monique Pinçon-Charlot kommt über den Präsidenten Macron, der sich gern als Monarch sieht, den »das Volk herbeisehnt«, wie er in seinem ersten Amtsjahr öffentlich sinnierte, zu dem Urteil: »Von Anfang an stand die Geringschätzung der Gelbwesten im Vordergrund, viel mehr als die (wegen der Proteste ausgesetzte) Erhöhung der Benzinsteuer«, erklärte Pinçon-Charlot im März 2019 gegenüber der Wochenzeitung ­Marianne. »Für ihn ›ist man nichts‹, ist man ›Untermensch‹ und ›Sklave‹ – das sind die Meinungen, die wir, Michel und ich, auf Demonstrationen gesammelt haben.«

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