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Aus: Ausgabe vom 16.10.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Legal, illegal, Pottwal

Von Sebastian Carlens
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So geht alles los: Rauschmittel, sozialer Abstieg, sexuelle Verlotterung. München, 1969

In den 50er und 60er Jahren gab es Aufklärungsfilme, die die Gefahren von Haschisch und Marihuana in ausgesprochen drastischen Bildern schilderten: Enthemmte Abhängige, die – wenn sie nicht nonstop masturbieren – jede Frau anfallen, die das Pech hat, ihnen über den Weg zu laufen. Niederste Formen der Beschaffungskriminalität, suchtinduzierte Raub- und Morddelikte. Delirierende Irre auf den Straßen. Eine Zombie-Invasion mit der Fähigkeit, das Gemeinwesen in den Abgrund zu reißen.

Es hat wenig gebracht. Natürlich sind harte Zahlen zum Rauschkonsum dieser sogenannten weichen Droge schwer zu ermitteln, denn noch immer ist der Besitz von Cannabisprodukten mit einem THC-Gehalt über einem bestimmten Schwellenwert illegal. Jeder dritte Berliner soll, mehr oder weniger regelmäßig, zum Kraut und seinen Derivaten greifen. Weed hat sich einen Platz neben den (harten) Drogen Nikotin, Alkohol und Stilnox gesichert. Was nicht bedeutet, dass alle Ammenmärchen über den Stoff ebenfalls der Vergangenheit angehören. In den »Ampel«-Sondierungsgesprächen zwischen SPD, Grünen und FDP spielt die – seit Jahren diskutierte – Legalisierung von Cannabis zwar eine Rolle, doch der Kenntnisstand ist mitunter erschütternd niedrig. Schattengesundheitsminister Karl Lauterbach beispielsweise warnt vor einer perfiden Masche: In den USA werde heimlich Heroin auf Joints gesprüht, verriet er gegenüber Zeit online: Solche Zusatzstoffe machten »schneller abhängig«. Das leuchtet vordergründig ein, Nonsens ist es trotzdem. Warum sollte eine teurer gehandelte Droge unwissenden Konsumenten eines anderen, günstiger zu bekommenden Stoffes untergejubelt werden? Das macht ebenso wenig Sinn wie der billige Eimer Sangria, der auf Mallorca heimlich mit Veuve Clicquot Brut zu 39 Euro die Flasche aufgegossen worden ist.

Der Mann mit der Fliege würde gut in die Filme aus der Mitte des letzten Jahrhunderts passen. Er könnte mit Schockbildern warnen (So jung, schon tot – und die Haschischspritze noch im Arm!). Und dennoch: Selbst Lauterbach ist neuerdings für eine Legalisierung. Er mahnt an, dass sich so die Qualität des verkauften Stoffes erhöhen und die fiese Streckerei mit Heroin verhindern ließe. An ersterem ist was dran. Doch auch die Milliarden Euro, die aktuell noch in die Niederlande oder in den Schwarzmarkt fließen, könnte der Staat gut gebrauchen. Alkohol- und Tabakbesteuerungen machen bereits keinen geringen Teil seiner Einnahmen aus. In den USA haben sich auch Opioide, völlig legal und millionenfach verschrieben, hinlänglich bewährt. Heimliches Besprühen harmloser Joints war völlig unnötig; Ärzte fungierten als Dealer, die die Kundschaft der Zukunft anfixten.

FDP und Grüne sind für eine Gras-Legalisierung und den »Verkauf in lizenzierten Fachgeschäften«. Die Jungliberalen fordern gar, bei einer Reform weit über Cannabis hinauszugehen. Klar, in bestimmten Milieus sind andere Substanzen beliebter: Nasen-Ata bei den Managern, K.-O.-Tropfen im Bundestag – oder auch halluzinogener Eierlikör, schamanischer Zaubersalbei und Zirbeldrüsenextrakt aus Walgehirnen. Es gibt ja nichts, was es nicht gibt. Nur Polizei und CDU warnen, schließlich ist die Jagd auf Kleinkonsumenten und Dealer im Park ein probates Mittel, endlose Mittelaufstockungen (und Abschiebungen) zu rechtfertigen.

Doch jede Zeit hat ihre Rauschmittel. Cannabis steht im Ruch, die individuelle Leistungsbereitschaft tendenziell zu senken. Das passt nicht recht zum Turbokapitalismus und zur Bundeswehr, von der Einsatzfreude und Hingabe an den Dienst verlangt wird. Die Wehrmacht ist schließlich auch nicht mit dem Joint zwischen den Lippen, sondern mit Panzerschokolade bis nach Stalingrad gekommen. Insofern: Eher wird Pervitin (chemisch nichts anderes als Crystal Meth) wieder legal, als dass deutsche Soldaten in den gefährlichen Sumpf aus Love, Peace und Harmony abrutschen.

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  • Leserbrief von Joachim Seider (18. Oktober 2021 um 11:13 Uhr)
    Es gehört zu den beliebtesten Kindereien von Linken, grundsätzlich alles für falsch halten zu wollen, was der bürgerliche Staat tut. Natürlich ist der Staat das Machtinstrument der herrschenden Klasse, und es gibt allen Anlass, jede seiner Handlungen aufmerksam zu verfolgen. Es ist aber falsch, ihm zu unterstellen, er würde ganz grundsätzlich immer nur Falsches tun. Eine solche einseitige Sicht wird der Vielfalt der Aufgaben, die ein Staatsgebilde in einer sehr komplexen Gesellschaft zu lösen hat, einfach nicht gerecht. Muss man als Linker dagegen sein, dass der Staat die Regeln für den Straßenverkehr festlegt, nur weil er ein bürgerlicher Staat ist? Sind Bauordnungen, die Energieeffizienz sichern sollen, oder Regeln, die das Einstürzen von Häusern verhindern sollen, Nonsens? Oder sind sie nicht auch Teile eines Regelwerkes, das eine Gesellschaft braucht, um überleben zu können? Ist die Eindämmung von Suchtgefährdungen wirklich etwas so Schlimmes, dass sich Linke immer wieder daran aufräufeln sollten? Was für eine »linke« Forderung ist es, die die »Freiheit des Rausches« will, statt sich für eine Welt einzusetzen, der man nicht durch einen Rausch entfliehen muss?
    Wie recht hat Friedrich Engels mit seiner Feststellung (die ihr auf derselben Seite abgedruckt habt, wie den Schwarzen Kanal von Sebastian Carlens), dass es unter den Sozialisten auch solche gäbe, die lediglich darum bemüht sind, der Gesellschaft von ihnen festgestellte Übel austreiben zu wollen. »Zu diesem Zweck schlagen die einen bloße Wohltätigkeitsmaßregeln vor, die anderen großartige Reformsysteme, welche unter dem Vorwand, die Gesellschaft zu reorganisieren, die Grundlagen der jetzigen Gesellschaft und damit die jetzige Gesellschaft beibehalten wollen.«

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