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Aus: Ausgabe vom 16.10.2021, Seite 5 / Inland
IG Bauen, Agrar, Umwelt

Heute hier, morgen dort

Tarifeinigung für Bauhauptgewerbe sieht Entschädigung für lange Anfahrtswege vor. Ost-West-Angleichung bis 2026
Von Susanne Knütter
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Auf dem Weg zur Baustelle: mal zusammengepfercht im Auto oder im ÖPNV, mal per Fahrrad

Am Dienstag, kurz vor den zweiten Schlichtungsgesprächen, hatte die IG Bauen, Agrar, Umwelt (IG BAU) noch einmal ihre Forderungen wiederholt und betont: »Wenn es jetzt nicht zu einem vernünftigen Abschluss kommt, ist Arbeitskampf angesagt.« In der Nacht zu Freitag wurde dann eine Einigung erzielt. Und, das ist beiden Seiten wichtig, es handelt sich nicht um einen Schlichterspruch. »Wir haben uns bewusst für einen Tarifvorschlag in freien Verhandlungen entschieden, damit die Entscheidung über Annahme oder Ablehnung bei den Mitgliedsverbänden liegt«, erklärte Uwe Nostitz, Verhandlungsführer der Kapitalseite und Vizepräsident des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes, am Freitag. Die Verbände haben nun 14 Tage Zeit dem Vorschlag zuzustimmen.

Die Pressemitteilung der IG BAU zum Tarifabschluss klingt wenig enthusiastisch. »Unsere Vorstellungen für eine gerechtere Entlohnung der Beschäftigten lagen durchaus höher, aber mit diesem Kompromiss können wir leben«, erklärte der IG-BAU-Chef Robert Feiger. Die Gewerkschaft hatte 5,3 Prozent bei einer Laufzeit von einem Jahr gefordert. Nun sollen die Gehälter der rund 890.000 Beschäftigten bei einer Laufzeit von 33 Monaten in drei Stufen angehoben werden. Die prozentualen Steigerungen im Osten sind dabei jeweils höher als im Westen. Zum 1. November 2021 gibt es drei Prozent mehr (West: zwei Prozent) und zum 1. April 2022 dann 2,8 Prozent (West: 2,2 Prozent). Ein Jahr später greift die dritte Stufe von 2,7 Prozent im Osten und zwei Prozent für die Westbeschäftigten, die zum Ausgleich zusätzlich zwei Einmalzahlungen erhalten – nämlich 400 Euro im Mai 2022 und 450 Euro ein Jahr darauf. Die Coronaprämie soll für die Kollegen im Westen 500 Euro und 220 Euro im Osten betragen.

»Die Einkommenssteigerung liegt damit insgesamt über der Inflationsrate«, betonte Feiger. Und die Angleichung von Ost- und Westlöhnen sei »endgültig festgeschrieben« worden. Betrage der Lohnunterschied derzeit noch etwa fünf Prozent, solle er 2024 bei 2,5 Prozent liegen. Bis 2026 sollen dann die letzten 2,5 Prozent wettgemacht werden, sagte am Freitag IG-BAU-Pressesprecher Frank Tekkilic im Gespräch mit jW. Im Rahmen einer früheren schuldrechtlichen Vereinbarung hatten die Tarifparteien eine Ost-West-Angleichung bereits für das Jahr 2022 ins Auge gefasst. Die war im Gegensatz zu der im jetzt erzielten Tarifvertrag aber nicht gleichermaßen verbindlich.

Natürlich könne man sich immer mehr vorstellen, sagte Tekkilic. Dafür wurde aber ein »Riesenpaket« geschnürt, das Tariferhöhungen und – das war den Beschäftigten besonders wichtig – die Wegezeiten berücksichtigt. Nach Gewerkschaftsangaben fahren die Bauarbeiter im Schnitt 60 Kilometer zu ihren Einsatzorten. Einfluss haben sie darauf in den seltensten Fällen. »Heute hier, morgen dort«, betonte am Freitag nochmals Carsten Burckhardt, im IG BAU-Vorstand zuständig für das Bauhauptgewerbe. Auch bei den Wegentschädigungen sieht die IG BAU noch Luft nach oben, »aber der Einstieg ist gemacht«, so Burckhardt.

Als Ausgleich für den zeitlichen Aufwand müssen die Firmen neben etwaigem Spritgeld ab 2023 Pauschalen zahlen, die nach der Entfernung vom Betriebssitz gestaffelt sind. Für bis zu 50 Kilometer soll es vom 1. Januar an sechs Euro geben, ein Jahr später sieben Euro. Bei 51 bis 75 Kilometer gibt es acht Euro (2024: neun Euro) und über 75 Kilometer elf respektive neun Euro am Tag. Bei nur gelegentlichen Heimfahrten über lange Strecken soll es für jede Einzelfahrt zwischen neun und 39 Euro geben.

Was in der langen Auseinandersetzung, die im Frühjahr dieses Jahres begann, immer wieder als Argument für die gewerkschaftlichen Forderungen angeführt wurde, scheint mit dem jetzt erzielten Tarifabschluss gewährleistet: Rund 400.000 Wohnungen müssten pro Jahr in Deutschland entstehen, große Infrastrukturprojekte warteten auf ihre Vollendung, die Auftragsbücher der Bauunternehmen sind voll. Dafür sei der Weg nun frei, lautete das Resümee der IG BAU am Freitag.

Und auch, so ist das bei Kompromissen, die Bauindustrie ist zufrieden: »Es ist uns gelungen, ein umfangreiches Paket« zu »einem Ergebnis zu bringen, welches mit einer langen Laufzeit für Planungssicherheit in den Unternehmen sorgen kann«, erklärte Jutta Beeke, Vizepräsidentin des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie.

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