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Aus: Ausgabe vom 16.10.2021, Seite 1 / Titel
Verdrängung in der Hauptstadt

Kapital stürmt Køpi

Berlin: Polizei räumt mit Großeinsatz Wagenplatz. Wieder wird eine Kiezinstitution unter »rot-rot-grünem« Senat zerstört
Von Annuschka Eckhardt
Robocops in Aktion: Landnahme im Dienst der Immobilienspekulanten
Mit festem Tritt gehen die Polizisten gegen die Demonstranten bei der Solidaritätskundgebung in der Köpenicker Straße vor
Ein Polizist ringt einen Unterstützer während der Kundgebung nieder und fixiert ihn schmerzhaft
Räumfahrzeug der Polizei vor dem Wagenplatz
Der Kampf geht weiter: Bewohner des Wagenplatzes werden von der Polizei abgeführt

Es riecht nach Feuerwerk und Rauch, die schrillen Töne von Kettensägen und Schweißgeräten zerschneiden die kühle Luft. Laute Schreie sind aus den umstehenden Bäumen zu hören: »Das ist unser Zuhause!« Zwischen Herbstlaub wehen einige Flugblätter in Richtung der Polizeiabsperrung. Darauf zu sehen: das grinsende Konterfei des Investors Siegfried Nehls.

Am Freitag vormittag wurde in der Köpenicker Straße in Berlin-Mitte der linke Bauwagenplatz »Köpi« (Eigenschreibweise: Køpi) geräumt. 2.000 Polizisten aus verschiedenen Bundesländern »unterstützten« die Berliner Beamten dabei, einer Gerichtsvollzieherin Zutritt zu verschaffen. Die wiederum setzte einen gerichtlichen Räumungsbeschluss im Sinne des Grundstückseigentümers, Siegfried Nehls, um – und schickte die Bewohnerinnen und Bewohner in die Wohnungslosigkeit.

Ab zehn Uhr fuhren die Einsatzkräfte mit schweren Geschützen auf. Mehrere blaue Polizeipanzer rissen mit Abschleppseilen Teile der errichteten Barrikaden ab. Hinter dem Wellblech kamen Holzpaletten, Fahrradreifen und Gitterzäune zum Vorschein, in die grüne Polizeibagger ihre riesigen Schaufeln rammten. Nur wenige Meter weiter kletterten mit bajonettartigen Speeren bewaffnete Beamte auf mobile Gerüste, um die Zäune zu überwinden. Die Bewohner des »Köpi«-Wagenplatzes riefen die mit ihren Lanzen wild stochernden Polizisten zur Vorsicht auf: »Hinter den Barrikaden sitzen Personen auf Bäumen. Wenn ihr sie einreißt, gefährdet ihr Menschenleben.«

Das beeindruckte die Behelmten nicht. Nachdem sie sich kurz nach elf Uhr Zugang verschafft hatten, führten sie die rund 40 Bewohner an Handschellen wie auf dem Präsentierteller an den anwesenden Pressevertretern vorbei, die eifrig Fotos machten. »Das ist entwürdigend für die Bewohner und verletzt ihre Persönlichkeitsrechte«, kritisierte Moritz Heusinger, Anwalt der »Köpi«-Aktivisten, am Freitag gegenüber jW das Verhalten der Polizisten.

Nach dem »Syndikat«, der »Liebig 34« und der »Meuterei« ist die »Köpi« der nächste linksalternative Ort in Berlin, der unter dem Senat von SPD, Linke und Grünen geräumt wurde. »Die ›rot-rot-grüne‹ Landesregierung ist letztlich mit ihren Senatoren für die Räumung mitverantwortlich«, empörte sich Heusinger. Der SPD-geführte Innensenat habe daran mitgewirkt, dass es so schnell zu einer Räumung gekommen sei. Die momentane »Machtvakuumphase«, in der die alte Regierung nach der Abgeordnetenhauswahl am 26. September nur noch formal an der Macht sei und die neue behaupten könne, damit nichts zu tun zu haben, sei »eine günstige Situation für Politiker, die nicht in die Verantwortung genommen werden wollen«, so Heusinger.

Janis Ehling, Mitglied im Bundesvorstand der Partei Die Linke aus Berlin, zeigte sich am Freitag gegenüber jW unzufrieden: »Die Räumung des ›Köpi‹-Wagenplatzes ist falsch.« Seine Partei bekenne sich zum Erhalt von selbstbestimmten Wohnformen. Dass dieses Bekenntnis nicht dazu geführt hat, linke Wohnprojekte trotz Regierungsbeteiligung seiner Partei zu erhalten, zeigte sich an diesem Freitag einmal mehr.

Vielleicht kann die Linke-Politikerin Elke Breitenbach, bislang Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales und damit zuständig für den Umgang mit Wohnungslosen in Berlin, bald Verantwortung übernehmen. Schließlich brauchen die vor der kalten Jahreszeit obdachlos gewordenen Bewohner des »Köpi«-Wagenbauplatzes dringend Unterstützung.

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