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Aus: Ausgabe vom 14.10.2021, Seite 15 / Medien
Auszeichnung für Journalisten

Vom Westen diktiert

Russischer Journalist Dmitri Muratow bekommt Friedensnobelpreis. Zeitungsprojekt Nowaja Gaseta erhielt kräftige Finanzierung für den Anschub
Von Reinhard Lauterbach
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Gefeiert für seine prowestliche Haltung: Dmitri Muratow am Freitag in Moskau nach Bekanntgabe seiner Auszeichnung

Dmitri Muratow hat den Friedensnobelpreis am vergangenen Freitag in erster Linie für seine Tätigkeit an der Spitze der russischen Onlinezeitung Nowaja Gaseta (NG) erhalten. Er gehörte auch zu der Gruppe ehemaliger Redakteure der einstigen sowjetischen Komsomolzeitung (also gewissermaßen des sowjetischen Pendants zur jungen Welt in der DDR) Komsomolskaja Prawda, die dort 1993 ausstiegen und das Projekt Nowaja Gaseta gründeten. Finanzielle Starthilfe kam von Michail Gorbatschow, der einen Teil des Geldes von seinem eigenen Friedensnobelpreis verwendete, um die ersten acht Computer für die damals etwa 30 Redakteurinnen und Redakteure zu kaufen. Gorbatschow stand über seine Stiftung immer im Hintergrund; 2006 erwarb er gemeinsam mit dem Geschäftsmann Wladimir Lebedew die Mehrheit an dem Verlagshaus, inzwischen haben beide ihre direkte Beteiligung reduziert: Aktuell gehören noch 14 Prozent dem besagten Lebedew, Gorbatschow persönlich zehn Prozent, die restlichen 76 Prozent der Anteile der Belegschaft. Seit einigen Jahren versucht die Zeitung, über den Verkauf von Anteilen an Leser ihre finanzielle Basis zu erweitern und zu stabilisieren.

Die Zeitung war nie wählerisch, was ihre Geldgeber angeht. 2002 wurde bekannt, dass die Stiftung von George Soros der Zeitung unter die Arme gegriffen hatte, 2010 wurde der NG ein Medienpreis der US-Demokraten verliehen, und Anfang des vergangenen Jahrzehnts erhielt das Projekt Geld von der niederländischen Regierung. Chefredakteur Dmitri Muratow bestätigte 2015 gegenüber der Zeitung Iswestija den Erhalt niederländisches Geldes, bestritt aber, dass dieses Einfluss auf die Redaktionslinie gehabt hätte. Nach Angaben der Iswestija gehörte vor der Übernahme der Mehrheit durch Gorbatschow und Lebedew die Anteilsmehrheit am Verlag seit 1994 einer »Research and Technology Corporation NV« mit Sitz auf der niederländischen Antilleninsel Curaçao. Diese karibische Muttergesellschaft wurde im August 2014 aufgelöst, kurz bevor in Russland ein Gesetz in Kraft trat, das den zulässigen ausländischen Besitz an russischen Medien auf 20 Prozent reduzierte.

Es liegt nahe, dass diese halböffentliche Förderung aus dem westlichen Ausland nicht ganz uneigennützig erfolgte. So brachte die Nowaja Gaseta 2014, wenige Tage nach dem Abschuss der malaysischen Boeing über dem ostukrainischen Bürgerkriegsgebiet, eine Titelseite mit einem Foto der Särge der Absturzopfer und der Schlagzeile »Vergeef ons, Nederland« (Vergebt uns, Niederlande). Das heißt, die Nowaja Gaseta übernahm sehr frühzeitig das westliche Narrativ über eine angebliche russische Verantwortung für den Abschuss. Weitere Recherchen der Nowaja Gaseta gingen ebenfalls in diese Richtung: So Texte über eine Häufung tödlicher Unfälle von Soldaten in Pskow, die die Zeitung als Indiz für eine Beteiligung der in der Stadt stationierten 76. Luftlandedivision am Krieg in der Ostukraine deutete. Auch die Existenz der Söldnertruppe »Wagner« und die Rolle des »Kremlkochs« Jewgeni Prigoschin als deren Finanzier wurde durch die Nowaja Gaseta enthüllt.

Kenner der russischen Medienszene vermuten, dass die Zeitung trotz ihrer ostentativ »kremlkritischen« Haltung für ihre diversen Recherchen immer wieder diskrete Hinweise auch aus Regierungskreisen erhalten muss. Ein Indiz dafür könnte sein, dass die Zeitung 2009 als erstes Moskauer Blatt ein Interview mit dem damals als liberale Alternative zu Wladimir Putin gehypten Interimsstaatschef Dmitri Medwedew erhielt. Auch die Tatsache, dass Miteigentümer Wladimir Lebedew eine Zeitlang für die als Konkurrenz zur Kommunistischen Partei gegründete Gruppierung »Gerechtes Russland« im Parlament saß, sehen manche als Hinweis in diese Richtung.

Tatsache ist aber auch, dass die Nowaja Gaseta sich mit ihrer investigativen Arbeit Feinde gemacht hat. Feinde, die so mächtig waren, dass sie zum Beispiel die Nowaja-Reporterin Anna Politkowskaja, ein Urgestein des prowestlichen Journalismus in Russland, 2007 ermorden lassen konnten – angeblich führte die Spur des Anschlags nach Tschetschenien, wo sich Politkowskaja mit Recherchen über die finstere Seite des dortigen Krieges unbeliebt gemacht hatte. Autoren der Nowaja Gaseta spekulierten, dass der Mord an Politkowskaja ein spezifisches Präsent an Putin gewesen sei, weil er an dessen Geburtstag geschah. Bewiesen wurde dies aber nie.

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