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Aus: Ausgabe vom 14.10.2021, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Das »Rashomon«-Muster

Ridley Scotts neuer Film »The Last Duel« handelt von einer Frau, die in einer Welt männlicher Willkür überleben muss
Von Felix Bartels
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Mehr feudaler Esel denn Homme dʼhonneur: Matt Damon als Jean de Carrouges

Ein weiteres Kapitel Ridley Scott also, und mehr vom Selben. Vielleicht war der Schatten, den »Alien« (1979) und »Blade Runner« (1982) geworfen hatten, so groß, dass Scott sich seither nur noch Licht gestattet. Es fehlt die Erlaubnis zur Untiefe, zum Rauen, zur besonderen inszenatorischen Idee. Sein mittleres bzw. spätes Werk zeigt Gutgemachtes, ist aber selten mehr als groß aufgezogene TV-Ästhetik, was selbst für einen Geniestreich wie »Der Marsianer« (2015) gilt. Auch »The Last Duel« tanzt hier nicht aus der Reihe. 152 Minuten und ein extra breites Format (2.39:1) – trotzdem vermisst man die Werbepausen.

Vielleicht aber ist die geradlinige Inszenierung genau das, was dieses kühl kalkulierte Drehbuch braucht. Wir befinden uns im späten 14. Jahrhundert, dem Frankreich Karls VI. Der Feudalismus wütet allenthalben, und es wird noch ein knappes Jahrhundert dauern, ehe das Land unter Ludwig XI. seinen ersten großen Schritt zur Etablierung staatlicher Zivilisiertheit vollzieht. Die Ritter Jean de Carrouges (Matt Damon) und Jacques Le Gris (Adam Driver) kehren nach einem Feldzug auf ihre Liegenschaften zurück. Le Gris wird dem Lehensherren Pierre d’Alençon (Ben Affleck) bei den Finanzen behilflich und steigt politisch auf; de Carrouges steckt in finanziellen Schwierigkeiten und sinkt in der Gunst des Fürsten. Die Freundschaft der beiden Ritter leidet darunter. Als Marguerite de Carrouges (Jodie Comer) ihrem Mann berichtet, dass sie von Le Gris vergewaltigt wurde, kommt es zu einem Prozess, der durch ein sogenanntes Gottesurteil entschieden werden soll: einen Zweikampf auf Leben und Tod, dessen Ausgang im Mittelalter als Zeichen einer göttlichen Entscheidung verstanden wird. Wer den Kampf gewinnt, hat die Wahrheit gesprochen.

Die eigentliche Story des Films ist nicht, wie sein Titel nahelegt, die zweier Haudegen, er handelt von einer Frau, die in einer Welt männlicher Willkür überleben muss. Dabei überrascht die Erzählstruktur. »The Last Duel« bespielt das bekannte »Rashomon«-Muster: Drei Beteiligte erzählen die gleiche Begebenheit, doch jeder von ihnen anders. Sofern nicht rein komödiantischen Zwecken dienend – wie in »Eine Nacht bei McCool’s« (2001) oder »Hoodwinked: Die Rotkäppchen-Verschwörung« (2005) –, provoziert dieses Mittel ein »postmodernes« Weltverständnis. Ein Geschehen als solches könne es nicht geben, alles sei bloß Perspektive oder Erzählung. Hier allerdings scheint das Muster auf anderes hinauszuwollen. Durch die Art, wie die Perspektiven von Jean, Jacques und Marguerite nacheinander plaziert werden – sie revidieren sich nicht bloß, sondern ergänzen sich gleich einem Puzzle –, erlangt der Zuschauer eine Erkenntnis über gesellschaftliche Wirklichkeit. Das »­Rashomon«-Muster wird zum Mittel des Realismus.

Die drei Versionen stehen nämlich durchaus nicht gleichberechtigt nebeneinander. Mit jedem Schritt kommen wir dem tatsächlichen Geschehen näher. Am Ende bleiben weder Ungewissheit noch Ambivalenz. Wir wissen, was wirklich passiert ist und wie man es zu bewerten hat. Das mag weniger hermachen als sibyllinisches Geraune, scheint aber hier der richtige Griff. Bei einer Vergewaltigung gibt es keine Zwischentöne, kein Kommt-drauf-an, keine Entschuldigung durch Umstände.

Die erste Story erzählt, wie de Carrouges das alles erlebt hat. Er betrachtet sich als unschätzbar wertvollen Krieger und durch Unglück und Intrige in den Ruin gestürzten Ehrenmann. In der Beziehung zu seiner Frau nimmt er sich als warmherzig wahr, im Kampf gegen ihren Vergewaltiger als loyalen Protektor.

Der zweite Bericht, der von Le Gris, vermittelt nicht bloß dessen Sicht, er bringt uns im Widerschein zur ersten Erzählung der Wahrheit schon etwas näher. De Carrouges war nicht annähernd so gut im Feld wie behauptet, mehrere militärische Niederlagen gehen auf sein Konto. Politisch agierte er einfältig-rural, gesellschaftlich ist er mehr ein feudaler Esel denn Homme d’honneur. Le Gris dagegen steigt durch Tugenden auf, die den Hofadel gegenüber dem Landadel auszeichnen und die aufkommende Kultur der Bourgeoisie bereits vorzeichnen: weltläufige Bildung, Geschäftsfähigkeit, moralische Flexibilität.

Letzteres deutet Le Gris’ Bericht schon an, unmissverständlich wird es, wenn sich die Erzählung von Marguerite de Carrouges diesem entgegensetzt. Le Gris sieht Le Gris als manchmal etwas stürmischen Liebhaber, der den Frauen entlockt, was sie ohnehin wollen. Die Vergewaltigung müssen wir zweimal ertragen: In der ersten Version leistet Marguerite ein wenig Widerstand, empfindet aber schließlich Lust; die Szene in ihrer eigenen Erinnerung ist von kalter Brutalität.

Auf dieser dritten Ebene, der Erzählung des Opfers, scheint alle Schminke abgefallen. Ein Galan ist zum ordinären Vergewaltiger geworden, ein rechtschaffener Ritter zum polternden, mitleidlosen Narzissten, dem es um seine Ehre statt um seine Ehe geht. Der im Moment, da er von der Vergewaltigung erfahren hat, seine Frau zum Beischlaf zwingt, damit sein Erzfeind nicht der letzte Mann war, der sie »erkannte«. Marguerite wird zerrieben, nicht allein von ihrem Peiniger, sondern auch von ihrem Ehemann. Sie erlebt den gleichen Hass in zwei Gestalten. Hinzu kommt die Verweigerung der Solidarität durch andere Frauen. Eine Freundin deutet die Vergewaltigung als Ehebruch. Marguerites Schwiegermutter verweigert sich mit der Begründung, auch sie sei einmal vergewaltigt worden. Die Unterwerfung als Identifikation mit dem Aggressor oder als simples: Warum soll sie es jetzt besser haben als ich damals?

Gewiss lässt all das sich als scharfsinnige Sektion einer Rape Culture verstehen, mit deren Ausläufern wir auch heute zu tun haben. Indessen ist gerade der Rahmen des Zweikampfes mehr als bloß ein Aufhänger. Er vertieft die Schnitte. Die Urteilsfindung in die Hand Gottes, des Zufalls gewissermaßen, zu legen, erscheint als Willkür, als kaltschnäuzige Gleichgültigkeit. Tatsächlich bedeutet diese Rechtsform die Vorherrschaft des Bizeps. Rohe Gewalt wird zum Maßstab für Wahrheit. Wir sehen eine Gesellschaft, in der Recht bekommt, wer die Stärke hat, es durchzusetzen. Der Primat der Praxis, auf das Äußerste gebracht.

»The Last Duel«, Regie: Ridley Scott, USA/UK 2021, 152 Min, Kinostart: heute

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