Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Freitag, 22. Oktober 2021, Nr. 246
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 14.10.2021, Seite 8 / Ansichten

An Putin liegt es nicht

Energiekrise in der EU
Von Jörg Kronauer
imago0113293650h.jpg
Speicher für Flüssiggas in Qingdao, China

Wer ist schuld, wenn in Deutschland die Energiepreise steigen, wenn vielleicht sogar, sollte der nächste Winter wirklich besonders kalt werden, das Erdgas knapp zu werden droht? Na klar: Dann ist Russland schuld, wahrscheinlich Wladimir Putin höchstpersönlich – so lautet die gängige Meinung. Weiß man denn nicht, wer auf der Erdgasversorgung Deutschlands und der EU den Daumen drauf hat, wer Erdgas sowieso schon immer als Waffe benutzt? Na also. Die jahrelange antirussische Stimmungsmache, mit der man in Deutschland wie auch in allen anderen westlichen Ländern beschallt wird, verfehlt ihre Wirkung nicht.

Man muss nicht besonders tief bohren, um den wirklichen Ursachen für die heftig gestiegenen Erdgaspreise ein wenig näher zu kommen. Der Hauptpunkt, da sind sich die Spezialisten weithin einig: Der Erdgasverbrauch in Ostasien steigt rasant. Allein in China wird er dieses Jahr um mindestens ein Achtel höher liegen als 2020. Das liegt nicht bloß daran, dass die Wirtschaft nach den Einbrüchen in der Pandemie erheblich schneller wieder angesprungen ist als gedacht, sondern auch daran, dass die Volksrepublik sich von der Kohle abwendet und deshalb größere Mengen an Erdgas braucht. Das treibt den Preis in die Höhe. Der Anstieg wird in der EU recht ungebremst an die Verbraucher weitergegeben, da Brüssel – klar: Der Markt macht’s – langfristige Lieferverträge zugunsten des Handels an den Energiebörsen zurückgedrängt hat.

Hinzu kommt: Da der vergangene Winter lange kalt blieb, waren die Erdgasspeicher in der Bundesrepublik im Frühjahr ziemlich leer. Weil das Gas aber schon damals recht teuer war, haben die Betreiber das Nachfüllen in der Hoffnung auf günstigere Preise verschleppt. Jetzt eilt es auf einmal; ob der eigentlich nötige Füllstand von 90 Prozent erreicht wird, das ist ungewiss. An Russland liegt es nicht: Nach einhelliger Auskunft von Branchenvertretern hat Gasprom alle seine Lieferverträge penibel erfüllt. Zurückgegangen sind freilich die Flüssiggaslieferungen aus den Vereinigten Staaten, Experten zufolge in den ersten acht Monaten 2021 um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der simple Grund: In Ostasien konnte man, weil es dort recht wenig Pipelines gibt, schon immer höhere Flüssiggaspreise erzielen. In der aktuellen Lage kann man das erst recht. US-Flüssiggaskonzerne machen das Geschäft des Jahrhunderts – in Asien.

Und nun? Russlands Energieminister Nikolai Schulginow hat am Mittwoch bestätigt, Russland sei – im Gegensatz zu den US-Konzernen – ohne weiteres bereit, seine Erdgaslieferungen aufzustocken; es müssten nur die entsprechenden Verträge geschlossen werden. Vielleicht ist auch eine raschere Bearbeitung der letzten Genehmigung für Nord Stream 2 notwendig. Moskau wird sich kaum für Deutschland und die EU krummlegen, wenn es fürchten muss, von ihnen im nächsten Zug schachmatt gesetzt zu werden. Geschäft ist eben Geschäft.

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

Ähnliche:

  • Russlands Staatschef Wladimir Putin erwartet am Sonnabend seinen...
    02.06.2021

    Symbolischer Tropfen

    Belarus: Lukaschenko hat von Gipfel mit Putin praktisch nichts nach Hause gebracht. EU befürchtet wachsenden »Integrationsdruck« aus Moskau
  • »Politbüro 2.0«: Mit Raub von Sowjeteigentum und Ausbeutung der ...
    20.10.2014

    Nicht über einen Kamm scheren

    Trotz staatsmonopolkapitalistischer Strukturen: Russland setzt dem Hegemonieanspruch des US-Imperialismus und dessen Satelliten eine multipolare Weltordnung ohne Krieg entgegen.

Regio: