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Aus: Ausgabe vom 13.10.2021, Seite 8 / Ansichten

Strahlender Wahnsinn

Frankreich setzt auf Atomenergie
Von Raphaël Schmeller
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Gefährdet: Das am Atlantik gelegene Atomkraftwerk Blayais ist wegen des steigenden Meeresspiegels von Überschwemmungen bedroht

Der Möchtegernmonarch Macron hat wieder mal im Alleingang entschieden: Frankreich wird im Kampf gegen den menschengemachten Klimawandel alles auf die Nuklearenergie setzen. Das kündigte der Staatspräsident am Dienstag in einer Rede in Paris an. Bis 2030 soll eine Milliarde Euro in die Produktion neuer, kleinerer Atomkraftwerke investiert werden. Damit baut Frankreich seine Führungsposition in diesem Bereich weiter aus; das Land betreibt bereits 56 Meiler, nur die USA haben mit 95 Reaktoren mehr betriebsfähige Anlagen. Macron begründet nun das Vorhaben mit der »klimafreundlichen Bilanz«. Doch dieses Argument – das auch hierzulande immer wieder ins Spiel gebracht wird – ist völliger Unfug. Berücksichtigt man alle Produktionsschritte inklusive Wiederaufbereitung ist diese Art der Energiegewinnung ein regelrechter Klimakiller.

Rund 65 Jahre nach der Inbetriebnahme der ersten Atomkraftwerke bleibt die Frage der Endlagerung radioaktiver Abfälle ungeklärt. Niemand will das Zeug haben, die Länder schieben es per Castortransport hin und her. Verständlich: Von dem strahlenden Müll gehen viele Gefahren für Mensch und Umwelt aus – und zwar für Hunderttausende Jahre. Es ist mehr als fraglich, ob die Spezialbehälter, in denen der Müll aufbewahrt wird, so lange dicht bleiben. Falls nicht, sind die Möglichkeiten, defekte Behälter zu reparieren, nur sehr unzureichend, wie der Fall »Asse« zeigt. Die Gefahr, dass der Müll mit ­Grundwasser in Kontakt kommt, ist durchaus real. Die Folgen können für Menschen tödlich sein.

Ungeklärt ist zudem auch die Frage, was eigentlich passiert, wenn es wie in Fukushima zu einem GAU kommt. Wenn sich ein solcher Unfall im Kernkraftwerk von Nogent-sur-Seine unweit von Paris ereignen würde, müssten mehr als zwölf Millionen Menschen evakuiert werden. Pläne für so ein Szenario gibt es nicht. Beunruhigend, zumal die Wahrscheinlichkeit eines solchen Unfalls mit der Klimakrise immer weiter zunimmt. Bereits jetzt ist das am Atlantik gelegene Atomkraftwerk Blayais wegen des steigenden Meeresspiegels von Überschwemmungen bedroht. Außerdem: Auch ohne Naturkatastrophen kann es zu einer Kernschmelze kommen, das hat Tschernobyl 1986 bewiesen.

Schließlich ist auch der Atombrennstoff Uran alles andere als nachhaltig. Der Abbau des Rohstoffs zerstört Landschaften und hinterlässt riesige verseuchte Gebiete, die nicht mehr saniert werden können; das frackingähnliche Verfahren vergiftet Grundwasser und Boden. Kontrolliert wird der Abbau von wenigen Konzernen wie dem französischen Areva, der auf dem afrikanischen Kontinent sein Unwesen treibt.

Es ist höchste Zeit, sich von dieser gefährlichen und umweltschädlichen Technologie zu verabschieden. In Deutschland hat man immerhin das nach der Katastrophe von Fukushima 2011 verstanden. Dafür aber auf Kohleenergie zu setzen war der komplett falsche Weg. Sinnvoll ist nur der drastische und konsequente Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energieträger.

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