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Aus: Ausgabe vom 13.10.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Dortmunder Neonazis

»Szene wandelt sich, Brutalität nimmt zu«

»Die Rechte« orientiert sich stärker am Kameradschaftsmilieu. Gespräch mit Iris Bernert-Leushacke
Von Markus Bernhardt
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Siegfried Borchardt (5. v. l.) im Kreise weiterer Neonazis in Wuppertal (20.4.2019)

In der Nacht zum 3. Oktober ist der bundesweit unter dem Spitznamen »SS-Siggi« bekannte Neonazi Siegfried Borchardt in einem Dortmunder Krankenhaus verstorben. Welche Folgen hat der Todesfall für die Neonaziszene in Dortmund und darüber hinaus?

Mit Borchardts Tod ist ein »Maskottchen« der Szene verstorben. Allerdings war er bis zuletzt immer pöbelnd und gewaltbereit. Trotz seiner politischen Bedeutungslosigkeit war er aber die Verbindungsfigur zwischen verschiedenen Naziszenen.

Borchardt soll auch über ausgeprägte Kontakte zu militanten Faschisten, etwa aus dem internationalen Netzwerk »Blood & Honour«, verfügt haben. Welche Erkenntnisse haben Sie diesbezüglich?

An dem »Trauermarsch« für ihn nahmen zwar »nur« knapp 480 Nazis teil, aber bei genauem Hinschauen waren sehr viele führende Köpfe der internationalen »Blood & Honour«-Szene dabei, alte NPD-Kader, aber auch der kürzlich aus Dortmund nach Sachsen verzogene Michael Brück. Daran zeigt sich, welche Verbindungen Borchardt hergestellt hat.

Immer wieder tauchten auch Hinweise auf Kooperationen Borchardts mit Verfassungsschutzbehörden bzw. der Polizei auf. Existieren dazu gesicherte Informationen?

Nun, darüber wird der Verfassungsschutz NRW die besseren Erkenntnisse haben. In der antifaschistischen Zeitschrift Lotta, Nr. 69, gibt es einen kurzen Hinweis dazu, dass Borchardt möglicherweise ein Informant gewesen sein könnte.

2017 sorgte Borchardt für Schlagzeilen, weil er Leistungen vom Dortmunder Jobcenter bezog, ohne im Gegensatz zu anderen Leistungsbeziehern zu Terminen erscheinen zu müssen. Was haben die Dortmunder Ämter und Behörden im Umgang mit Borchardt falsch gemacht?

Statt konsequent zu sein, haben sie ihm den roten Teppich ausgerollt. Verstanden hätte ich, wenn er seine Termine zu speziellen Uhrzeiten erhalten hätte, so dass er andere Menschen weder bedrohen noch anpöbeln hätte können, aber ganz auf das Erscheinen zu verzichten, war grundlegend falsch.

Unabhängig vom Tod Borchardts ist die Dortmunder Neonaziszene, die maßgeblich aus Mitgliedern und Anhängern der faschistischen Splitterpartei »Die Rechte« besteht, beileibe nicht mehr so erfolgreich wie noch vor einigen Jahren. Wie wird sich die rechte Szene in Dortmund zukünftig entwickeln?

Als Partei ist sie spätestens nach den Kommunalwahlen in NRW in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, sie hat nur wenige Mandatsträger in Dortmund. Die Szene hat sich verändert und scheint sich von dem Setzen auf parlamentarische Beteiligung zurück zu den »Kameradschaften« zu entwickeln. Allein mit Aufmärschen sind auch weniger Beteiligte zu locken, da sind eher »Events« jedweder Art gefragt. Dortmunder Kader sind dabei federführend und organisieren Kampfsport oder Konzerte. Indem sich die Szene wandelt, nimmt auch wieder die Brutalität und Unberechenbarkeit zu.

Das heißt, der von den Rechten ausgerufene »Nazikiez« in Dortmund-Dorstfeld hat sich mittlerweile als Mythos entpuppt?

Dieser »Kiez« beschränkt sich auf wenige Wohnhäuser, in denen sie wohnen. Mit kraftvollen Demonstrationen dagegen ist dieser »Mythos« längst Geschichte geworden. Viele engagierte Menschen zeigen deutlich Flagge gegen Nazis, auch in Dorstfeld. Ein besonders guter Einfall war, Sitzbänke, auf denen auch Borchardt gerne saß, mit Regenbogenfarben und antirassistischen Sprüchen zu versehen. In sozialen Medien hat er noch kurz vor seinem Tod darüber Gift und Galle gepostet, die Bänke wurden auch beschädigt, erstrahlen aber bereits wieder in leuchtenden Farben. Auch so können vermeintliche Mythen geknackt werden.

Iris Bernert-Leushacke ist Pressesprecherin des antifaschistischen Dortmunder Bündnisses »Blocka-Do« www.blockado.info

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  • Leserbrief von René Osselmann aus Magdeburg (18. Oktober 2021 um 11:10 Uhr)
    Wenn eine rechtsextreme Partei wie die AfD in sämtlichen Räten sitzt – bis hin zum Bundestag –, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Rechte hier ihren Freifahrtschein sieht zur Radikalisierung! Aber wirklich eine Radikalisierung? Nach meiner Meinung nicht, ich sag nur: in den 90ern Rostock-Lichtenhagen, Mölln oder Solingen und so weiter – bis hin zum NSU von den 2000er Jahren an! Nein, sie waren immer gewaltbereit, und nun fühlen sie sich bestätigt in ihrem Tun mit einer Partei wie der AfD! Aber wir können noch froh sein, dass die rechten Parteien noch kein gemeinsames Sprachrohr gefunden haben, ansonsten würde es ziemlich finster aussehen mit der sogenannten Freiheit und Gerechtigkeit!

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