Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Freitag, 22. Oktober 2021, Nr. 246
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 12.10.2021, Seite 12 / Thema
Digitale Ökonomie

Pest und Potential

Unter den gegenwärtigen Verhältnissen ein Mittel verschärfter Ausbeutung – in einer sozialistischen Gesellschaft eines der gesellschaftlichen Planung. Zur politischen Ökonomie der »Plattformen«
Von Annette Schlemm
12_13.jpg
Befehlsempfänger des Algorithmus. Essenslieferanten in Beijing, September 2017

Das Zeitalter der Vernetzung durch das Internet war ein großes Versprechen. Freie Software wurde entwickelt, und die Art und Weise, sich global vernetzt kooperativ zu Produktionszwecken zu organisieren, wurde zum Vorbild für eine nachkapitalistische Produktionsweise. Dann platzte um die Jahrtausendwende die sogenannte Dotcom-Blase, weil im Internet noch keine Gewinne generiert werden konnten. Mit dem späteren Web 2.0 änderte sich vieles.

Die »meisten Neuerungen der Digitalisierung sind äußerst kapitalintensiv und das meiste kollektive Wissen entsteht immer noch durch hoch spezialisierte Lohnarbeit und ist unter das Kapitalverhältnis subsumiert«.¹ Dadurch verändert sich auch die Struktur des Ganzen: Das Netzwerk wird so gestaltet, dass mit ihm primär Profite generiert werden. Ökonomische Tendenzen zur Monopolisierung und Kapitalkonzentration kommen hier zusammen mit Effekten, die selbst in der Netzwerkstruktur angelegt sind: Ein Netzwerk, an dem viele Akteure beteiligt sind, hat für alle deutlich mehr Nutzen (durch Kontakte mit den vielen anderen) als ein Netzwerk mit nur wenigen Akteuren. Deshalb zieht ein schnell genug wachsendes Netzwerk immer mehr Akteure an, während Alternativen eher ausgetrocknet werden. »Auf Basis einer – eigentumsrechtlich – abgesicherten Verfügung über technische Infrastruktur (Software, Server) und Arbeitskräfte (Innovation, Marketing etc.) gelingt es einer geringen Zahl kommerzieller Unternehmen, Netzwerkeffekte auszunutzen und Aufmerksamkeit und Kommunikationsprozesse zu kanalisieren.«²

Auf diese Weise entstanden die »Plattformen«, »digitale Infrastrukturen, die es zwei oder mehr Gruppen ermöglichen zu interagieren«.³ Diese Interaktion kostet für die Beteiligten im wesentlichen nichts. Wie finanzieren sich die Plattformunternehmen dann? Am bekanntesten sind wohl die Werbeplattformen wie Google und Facebook, die aus den Daten, die Nutzer generieren, Informationen für Werbetreibende erstellen und an diese verkaufen. Sie nutzen ihren Zugriff auf die Daten der Interaktionen der Nutzer. Die Datenspeicherungskosten wurden in den letzten Jahren in extremem Maße günstiger, und im gleichen Maße erhöhte sich auch die Menge gespeicherter Daten. Gleichzeitig entwickelten sich mehr und mehr Methoden, diese Daten (Big Data) auswerten zu können. Auf Grundlage dieser Voraussetzungen entstand eine »neue gesellschaftliche Betriebsweise, in der Extraktion, Auswertung und Verwertung von Daten ins Zentrum der ökonomischen Aktivität gerät«.⁴ Dabei werden durch die Plattformen nicht nur Daten abgeschöpft und »kommerzialisiert«, sondern sie selbst setzen und kontrollieren die Spielregeln. Da sie ihren Nutzen aus der Menge der Nutzer maximieren wollen, tendieren sie dazu, sich als »Torwächter« zu positionieren und ihre Systeme abzuschotten.

Auch in anderen wesentlichen Bereichen setzen sich Plattformen und damit deren »Logik« durch. Sie durchdringen mehr und mehr auch die klassischen Wirtschaftszweige wie Fahrdienste, Landwirtschaft und sogar das Gesundheitswesen, Städte müssen »smart« werden, Staaten ebenfalls. Mit den Visionen von »lean government« und »smart state« werden »die Errungenschaften der digitalen Kommunikationswelt und Plattformökonomie auf die Ebene des Politischen« appliziert.

Wer arbeitet noch wie?

Die Folgen der Plattformökonomie für das gesellschaftliche Leben sind vielfältig. Das Problem des Verlusts der Privatsphäre gehört dazu. Aber sehr bedeutsam sind auch die Veränderungen in der Arbeitswelt. Im Mittelpunkt der Debatten über diese neuen ökonomischen Akteure steht häufig die Technik und die Tatsache, dass durch technische Mittel immer mehr Arbeitskräfte ersetzt werden könnten. Was dabei verdeckt wird, ist die Tatsache, dass sich die Arbeit und das Leben der Menschen selbst verändern. Zu analysieren wären hier einerseits die neuen Anforderungen im Bereich der eher hochqualifizierten Arbeit bei der Gestaltung der neuen technischen Systeme. Hierbei entsteht die Perspektive von »echtzeitkritischer Arbeit im Telepräsenzmodus, die eine weltweit verteilte Produktionsanlage betreut«, was für die Arbeitenden zu einem »entwicklungsförderlichen Widerspruch von schöpferischer Anarchie und Produktionsdisziplin« und zu einer aus der Selbstorganisierung erwachsenden Widerständigkeit führen kann.⁵

Andererseits entstehen vor allem im Bereich prekärer Arbeit neue ausbeuterische Arbeitsformen. Menschen, die für Uber und für Essenslieferketten fahren, müssen jede freie Minute nutzen, um zu clickworken. Crowdworker hinter den »Mechanical Turks« müssen nachts bei jeder Meldung ihres Smartphones mit neuen Aufträgen aufspringen. Es ist wieder mal ein böser Witz der Weltgeschichte, dass die Menschen, die aus der Fabrikarbeit »freigesetzt« wurden oder die erst neuerdings in den Kapitalismus integriert werden, sich nun für derartige Jobs hergeben müssen.

Denn eine offensichtliche, auch direkt angestrebte Folge ist die Verbilligung von Arbeit. Als Clickworker werden jene die Aufträge bekommen, die im globalen Vergleich mit den geringsten Vergütungen zurechtkommen. Bei den Uber- und Essenslieferdiensten wurden die Fahrer teilweise erst mit ausreichenden Einkommen geködert, und als dann viele ihre andere Lohnarbeit hingeschmissen hatten, wurden ihre Einnahmen systematisch verringert. Begrenzungen der Arbeitszeit, Mindestlöhne, Arbeitsschutz- und andere Rechte sind ausgesetzt, weil die Jobs als selbständige Tätigkeit geführt werden. Die Menschen werden zu »Wegwerfarbeitskräften«. Durch die digitale Vermittlung »erweitern und entgrenzen Plattformen den Zugriff auf Arbeitskraft und erlauben, scheinbar unbegrenzte Produktivitätspotentiale zu erschließen«.⁶

Dies passt in den gegenwärtigen Trend der Entwicklung des Kapitalismus, den »Zwang zur Verwertung von Mensch und Natur ›absolut‹ zu setzen«.⁷ Offensichtlich wird das auch in Amazons Logistikzentren, in denen die Menschen auf schier unerträgliche Weise »ausgequetscht« werden. Natürlich muss die so ausgebeutete Arbeit auch kontrolliert werden. Das geschieht durch technische Tools. Die Aufgabenverteilung beruht ebenso wie die Sanktionen und Anreizsysteme auf Algorithmen. Bei Uber entscheidet ein Algorithmus über die Zuordnung der Fahrer zu Kunden, es gibt ein dynamisches Preissystem, und für die Fahrer gibt es ein Rating. Bei Amazons Dienst »Mechanical Turk« sind die Arbeitenden »den durch algorithmische Verlaufsbahnen festgelegten Arbeitsschritten und Koordinierungsweisen unterworfen«. »Neu ist, dass die betriebliche Herrschaft dem Individuum als neutrale, technologische Gestalt gegenübertritt.«⁸ Man kann feststellen, dass sich dabei neue Formen der Subsumtion der Arbeit und damit auch der Entfremdung entwickelt haben.

Eine Gegenwehr der Arbeitenden wird von der algorithmischen Form der Herrschaft wie auch der Individualisierung der Arbeit erschwert. Allerdings kann das auf Dauer nicht verhindern, dass sich vor allem bei den Fahrdiensten die Arbeiter verbünden, machtvoll protestieren, Gewerkschaften gründen und schließlich auch Gesetzesänderungen erreichen, die ihnen ein Angestelltenverhältnis ermöglichen. Die Streikwellen bei Amazon zeigen auch, dass der schon für tot erklärte Klassenkampf an den unerträglichsten Stellen des »absoluten Kapitalismus« wieder auflebt.

Nutzen für das Kapital

Hält nun die Plattformökonomie wenigstens aus kapitalistischer Sicht das, was sie verspricht? Die bei den Plattformen angestellten Arbeiter mögen eine »notwendige Funktion des industriellen Kapitals«⁹ darstellen. Sie setzen jedoch nicht immer Wert hinzu. Marx macht für Arbeit, die mit dem Handeln der Güter verbunden ist, wichtige Unterscheidungen. Es gibt Bereiche, die als Teil des Produktionsprozesses zählen können, wie der Transport. Hier wird Wert (und Mehrwert) erzeugt. Bei den reinen Kauf- und Verkaufshandlungen dagegen wird der Wert nicht erzeugt, sondern nur »realisiert«. Hier wird der »unmittelbare Produktionsprozess unterbrochen«. Die hierfür nötige Zeit gehört nicht zur Produktionszeit, sondern zur Umlaufzeit. Die Profite des Kaufmanns kommen daher, dass ihm das industrielle Kapital »einen Teil seines Profits gänzlich an den Kaufmann abtreten« muss.

In unserem Fall sind es Werbetreibende und Plattformen, an die er Profitanteile abtritt. Auch wenn die Plattformaktivitäten in den Produzentenfirmen stattfinden, muss das hierfür zusätzlich aufgewendete Kapital »aus dem Wert der Waren ersetzt werden«. Zu fragen wäre nun, welche Arbeiten in und für die Plattformen gegebenenfalls wie die Transporte als kapitalproduktiv angesehen werden können. Die Programmierung der Algorithmen, die Arbeit an der Umwandlung der Daten in nutzbare Informationen dürften hier zu nennen sein, aber ein enormer Anteil an Arbeit eben nicht, der daher die Profitrate nicht erhöht, sondern verringert, obgleich ein Nutzen für das Kapital geschaffen wird. Ein Nutzen ist beispielsweise die Abkürzung der Zirkulationszeit, insofern kann das Kapital in der Zirkulationssphäre »indirekt« kapitalproduktiv wirken. Hier gilt: »Soweit es (das Kaufmanskapital) den Markt ausdehnen hilft und die Teilung der Arbeit zwischen den Kapitalisten vermittelt, also das gesellschaftliche Kapital befähigt, auf größerer Stufenleiter zu arbeiten, befördert seine Funktion die Produktivität des industriellen Kapitals und dessen Akkumulation.«¹⁰

Dass die Plattformwirtschaft allerdings kaum die erwarteten Produktivitätsschübe mit sich bringt, zeigt die trotz des Aufschwungs dieser Plattformen stagnierende Weltwirtschaft. Mit Marx kann man das verstehen: »Mit Bezug auf das Gesamtkapital der Gesellschaft kommt dies tatsächlich darauf hinaus, dass ein Teil desselben für sekundäre Zwecke reproduziert werden muss. Für den einzelnen Kapitalisten und für die ganze industrielle Kapitalistenklasse wird dadurch die Profitrate vermindert, ein Resultat, das aus jeder Hinzufügung von Zusatzkapital folgt, soweit dies erforderlich ist, um dieselbe Masse variablen Kapitals in Bewegung zu setzen.«¹¹

Die Arbeit in der Zirkulation ist zwar »selbst keine mehrwertschaffende Arbeit«, verschafft aber dem Kapital der Unternehmen in dieser Sphäre »Anteil an bereits erzeugtem Mehrwert«. Auf diese Weise kann ein Zirkulationsunternehmen »Profit« machen, ohne direkt »Mehrwert« zu beziehen. Aus dieser Tatsache erklärt es sich auch, warum diese Arbeiten so unsichtbar werden.

Neben den direkt bei den Plattformen wie Google und Facebook angestellten, relativ privilegierten Arbeitern sowie den offensichtlich ausgebeuteten Arbeitern in Amazons Logistikzentren basiert die Funktion insbesondere der schlanken Plattformen vor allem auf der Ausbeutung von Menschen, die ihre Arbeitskraft fast im Sekundentakt als Crowdworker vermieten. Einerseits wird hier wieder mehr absoluter Mehrwert abgeschöpft, indem die Arbeitszeit von immer mehr Menschen erhöht wird, und gleichzeitig nimmt die Erzwingung von relativem Mehrwert durch eine extreme Arbeitsverdichtung und -intensivierung ein historisch wohl unerreichtes Ausmaß an. Computer sind häufig nicht wegen der Ersetzung von Arbeitskräften wichtig, sondern wegen der durch sie möglichen Kontrolle der Arbeitsintensität und -länge.

Das Besondere an diesem »Plattformkapitalismus« ist also nicht die Digitalisierung, sondern die Erhöhung der Ausbeutung durch Ausweitung und Intensivierung von Arbeit. Es zeigt sich auch hier, dass die Produktivkraftentwicklung im Kapitalismus auch in der Phase der vordergründigen Digitalisierung lediglich als Mittel der Erhöhung der Profitrate stattfindet.

Die Plattformökonomie erscheint »letztlich eher als Zuflucht für Überschusskapital in einer Zeit ultraniedriger Zinsen und trüber Investitionsaussichten und nicht so sehr als eine Avantgarde, die den Kapitalismus neu beleben wird«.¹² Insbesondere für die industriellen Plattformen muss festgestellt werden, dass hier »aufwendigere Prozesse (…) einer stagnierenden gesamtgesellschaftlichen Nachfrage« gegenüberstehen.¹³

Funktionen von Plattformen

Neben dieser Ausbeutungsfunktion erfüllen die Plattformen für die Unternehmen die Funktion, möglichst Monopole werden zu können, immer eine Tendenz kapitalistischer Unternehmen. Ökonomisch sind weitere Funktionen dieser Plattformen zu finden: Die Transaktionskosten von Kaufen/Verkaufen werden gesenkt; das Kerngeschäft der Unternehmen wird tendenziell entmaterialisiert (was beides eine schnelle Expansion im Interesse der Monopolisierung ermöglicht).

Fast alle Plattformen bringen Produzierende und Konsumierende zusammen. Dies schließt auch die Vermittlung über Werbung bzw. die gegenseitige Vermittlung von produzierenden Unternehmen ein. Die Funktion von Werbung ist es, Produkte und Dienstleistungen bekannt zu machen. In einer global arbeitsteiligen Welt muss es Informationen darüber geben, woher Konsumenten und auch produzierende Einheiten Ressourcen und Vorprodukte bekommen können und was eigentlich hergestellt und dann verteilt werden muss. Das ist letztlich das Vernünftige an dem, was heutzutage als »Werbung« läuft.

Friedrich von Hayek, der das Profitstreben im Kapitalismus verschleiert, stellt die Marktwirtschaft so dar, als gehe es dabei vorwiegend um einen Umgang mit verteilter Information. Dass es ein solches Informationsproblem gibt, stimmt jedoch wirklich. Es ist »ein Problem, wie man den besten Gebrauch von Ressourcen sicherstellt, die jedem der Mitglieder der Gesellschaft bekannt sind, für Zwecke, deren relative Wichtigkeit nur diese Individuen kennen. Oder, um es kurz zu sagen, es ist ein Problem der Nutzung von Wissen, das niemandem in seiner Gesamtheit gegeben ist.«¹⁴

Dieses Informationsverteilungs- und Nutzungsproblem wird bei von Hayek durch den Markt gelöst: Niemand muss alles wissen, aber über die Preise stellt sich eine Abstimmung zwischen Angebot und Bedarf her, die noch dazu zur Minimierung der Kosten bei allen führt. Insofern von Hayek dem Markt eine optimale Ressourcenallokation zuschreibt, könnte er durch die Plattformalgorithmen ersetzt werden. Dass der Amazon-Algorithmus künftige Bestellungen antizipiert, dementsprechend bei den Herstellern ordert und seine Logistik darauf einrichtet, kann als grundsätzlich sinnvoll angesehen werden, ebenso die Bereitstellung von Software oder Rechenleistung über Clouds. Auch das Teilen von Fahrzeugen, Freizeitanlagen und vielen anderen Produkten ist mehr als vernünftig, nicht minder eine flexible Umstellung der Produktionsprozesse und die Verbindung von Produkten und Dienstleistungen. Dass die Dinge Informationen über den Produktionsprozess, den Verschleisszustand und z. B. ihre Recyclingfähigkeit tragen können, sollte auch zweckmäßig sein. Die Senkung der Arbeits-, Energie- und Wartungskosten und die Senkung von Stillstandszeiten verweist auf große Potentiale, insofern sie nicht durch Erwerbslosigkeit und die Erhöhung der Arbeitsintensität in ihrem Nutzen für die Menschen konterkariert würden.

Nick Srnicek bewertet das, was industrielle Plattformen erfüllen können, allerdings eher negativ, »weil das industrielle Internet die Produktion nicht von Grund auf verändert, sondern lediglich Kosten und Stillstandszeiten reduziert. Statt die Produktivität zu verbessern oder neue Märkte zu erschließen, scheint das industrielle Internet die Preise weiter nach unten zu treiben und den Wettbewerb um Marktanteile zu verschärfen, wodurch ein Haupthindernis für weltweites Wachstum noch höher wird.«¹⁵

Postkapitalistische Plattformen?

Unter Berücksichtigung, dass für eine Gesellschaftsformation die Eigentumsform an den wichtigsten Produktionsmitteln das wesentliche Kennzeichen ist, gilt für den aktuellen Kapitalismus auf Basis von Plattformen, dass die zu den wesentlichen Produktionsmitteln gehören. Produktion ist hier im Sinn der Gesamtheit von Produktions-, Konsumtions-, Distributions- und Austauschprozessen gedacht und umfasst die gesamte Reproduktion des menschlichen Lebens, einschließlich ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse und der gesellschaftlichen Subjekte in sinnlich-vitaler und in gesellschaftlicher Hinsicht. Die Plattformen erweisen sich in besonderem Sinne als Distributions- und Austauschmittel, sie bilden eine »Vergesellschaftungstechnologie produktiver Arbeit«.¹⁶

Nick Srnicek diskutiert verschiedene Möglichkeiten, Plattformen aus privater Unternehmerschaft in die Verantwortung der Gesellschaft zu legen. So könnte der Staat die Kontrolle über Plattformen übernehmen – das vernachlässige aber »die strukturellen Bedingungen, die beim Aufstieg der Plattformen eine Rolle spielen«.¹⁷ Angesichts der aus sachlichen Gründen einsehbaren Notwendigkeit, viele Bereiche der Lebensgrundlagen der kapitalistischen Privatwirtschaft zu entreißen, wie etwa das Gesundheitswesen, sollte auch der Gedanke naheliegen, zumindest für den öffentlichen Bereich der alltäglichen Versorgung wie Gesundheit, Bildung, Wohnen, Energie etc. eine plattformbasierte Wirtschaftsplanung zu entwickeln.

Evgeny Morozov fordert: »Socialize the means of feedback production!«¹⁸ Kämpfe sollten also nicht nur um den Besitz von Daten geführt werden (»Meine Daten gehören mir!«), sondern es muss auch um den Besitz und den Betrieb der Mittel zur Produktion von »Feedbackdaten« gehen. Kämpfe für Datenschutz, Privatheit und gegen Überwachung sind in diesem Sinne auch Klassenkämpfe, die Kämpfe der Click- und Techworker erst recht. Von den vorhandenen Ansätzen dazu ist der Weg noch recht weit zu Forderungen, die »logistischen und planerischen Machtzentren« von z. B. Walmart und Amazon anzueignen und umzuwidmen: »Amazon bietet Produktions- und Vertriebstechniken an, die nur darauf warten, beschlagnahmt und umgewidmet zu werden.«¹⁹

Warum sollten wir die Plattformen nicht einfach als kapitalistische Infrastrukturen abschaffen? Wir brauchen sie sicher nicht als Werbeplattformen im jetzigen Sinn, wir würden der nicht selbstbestimmten Clickworkerei ein Ende setzen. Aber wir sollten »uns wieder trauen, darüber nachzudenken, was mit diesen Technologien angestellt werden könnte, wenn sie von Arbeitern statt von Kapitalisten produziert, organisiert und kontrolliert werden würden«.²⁰ Das heißt z. B., dass die Industrien digital automatisiert werden könnten, wo es sachlich sinnvoll ist, um Arbeitszeit und Ressourcen zu sparen, und flexible Anpassungen an sich ändernde Bedürfnisse bei eventuell recht unplanbaren Zugriffen auf die notwendigen natürlichen Ressourcen zu ermöglichen. »Mit der Digitalisierung wäre es möglich, die Herstellung und Verteilung der Güter vernünftig zu planen. Dies muss allerdings gewollt und gemacht werden.«²¹

Plattformen könnten die Grundlage sein, über ökonomische Entscheidungen auf allen Ebenen mit allen betroffenen Menschen zu diskutieren und »freie Vereinbarungen für freie Menschen« zu treffen. Sie ermöglichen es, »situatives Wissen und Erfahrungen sehr schnell und unter Einbezug aller Personen mit allgemeinen gesellschaftlichen Anforderungen abzugleichen und zu diskutieren«²², und damit könnte dem früheren Problem begegnet werden, dass nie alle betroffenen Menschen direkt miteinander verhandeln können. Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der letzten Sozialismusversionen sollte keine Überlegung über nachkapitalistische Gesellschaftsformen die Alternative vernachlässigen, »in der der Markt ersetzt wäre durch ein soziales Arrangement, das kybernetische Steuerungsprozesse nutzt, um möglichst ressourcenschonend und arbeitssparend zu produzieren«.²³

Allerdings kann die Plattform-, wie jede andere Technologie ihre subversiven und emanzipativen Aspekte nur ausbreiten, wenn gleichzeitig die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändert werden. Und hierzu ist die Technik nicht unbedingt der Haupthebel: »Der Sozialismus ist keine App und kann nicht aus dem Internet heruntergeladen werden.«²⁴

Anmerkungen

1 Christopher Wimmer: Befreiung durch Technik? »General Intellect« und »kapitalistische Produktionsweise« bei Karl Marx. In: Timo Daum, Sabine Nuss (Hg.): Die unsichtbare Hand des Plans. Koordination und Kalkül im digitalen Kapitalismus, Berlin 2021, S. 157–170, hier S. 165

2 Sebastian Sevignani: Digitale Arbeit und Prosumtion im Kapitalismus. In: Florian Butollo, Sabine Nuss (Hg.): Marx und die Roboter. Vernetzte Produktion, Künstliche Intelligenz und lebendige Arbeit, Berlin 2019, S. 293–310, hier S. 300

3 Nick Srincek: Plattform-Kapitalismus, Hamburg 2018, S. 46

4 Timo Daum: Künstliche Intelligenz als vorerst letzte Maschine des digitalen Kapitals. In: Butollo, Nuss, a. a. O., S. 311–312

5 Christof Ohm, Manfred Bürger: Ausblicke auf Industrie 3.0 und ihr Kybertariat. In: Das Argument 311/2015, S. 17–31, hier S. 25 f.

6 Christine Gerber: Alte Herrschaft in neuen Gewändern? Der Arbeitsprozess auf Crowdwork Plattformen. In: Butollo, Nuss, a. a. O., S. 256–275, hier 257

7 Katja Maurer, Thomas Rudhof-Seibert: Die Konferenz »(Re)-Konstruktion der Welt« traf den Nerv der Zeit. In: medico international-rundschreiben 1/21, S. 40–53, hier S. 50

8 Felix Gnisa: Das Maschinensystem des 21.Jahrhunderts? Zur Subsumtion der Kommunikation durch digitale Plattformtechnologien. In: Butollo, Nuss, a. a. O., S. 276-292

9 Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band. In: Karl Marx, Friedrich Engels Werke, Band 25, Berlin 1964, S. 300

10 ebd., S. 291

11 ebd., S. 303

12 Srnicek, a. a. O., S. 93

13 Florian Butello, Patricia de Paiva Lareiro: Digitale Revolution? Widersprüche der Produktivkraftentwicklung im Postwachstumskapitalismus. In: Das Argument 335/2021, S. 82–102, hier S. 86

14 Friedrich August von Hayek: The Use of Knowledge in Society. The American Economic Review 35 (4), 1945, S. 519–530, S. 520

15 Srnicek, a. a. O., S. 116

16 Ohm, Bürger, a. a. O., S. 24

17 Srnicek, a. a. O., S. 126 f.

18 Evgeny Morozov: Digital Socialism. In: New Left Review 116/117, March–June 2019

19 Leigh Phillips, Michal Rozworski: People’s Republic of Walmart. How the world’s biggest Corporations are laying the foundations for socialism. London 2019, S. 239

20 »Ich bin derzeit etwas pessimistisch«. Nick Srnicek im Gespräch mit Philipp Frey über Plattformkapitalismus, die Macht der digitalen Giganten und eine Linke, die wieder mehr von Technik verstehen muss. www.oxiblog.de, 2018

21 Wimmer, a. a. O., S. 170

22 Sevignani, a. a. O., S. 298

23 Timo Daum, Sabine Nuss: Einleitung – die faszinierende Logistik des Kapitals. In: Daum, Nuss, a. a. O., S. 9–24, hier S. 16

24 Christian Fuchs: »Der Sozialismus ist keine App und kann nicht aus dem Internet heruntergeladen werden« – Marx’ Vision der befreiten Gesellschaft bleibt im digitalen Zeitalter aktuell. Interview. In: Das Argument 335/2021, S. 254–264, hier S. 262

Annette Schlemm ist Physikerin und Philosophin und arbeitet an der Universität Bonn im Projekt »Gesellschaft nach dem Geld«.

Stark gekürzte Fassung des Essays »Plattformen aneignen!?«, der kürzlich als Beilage in Heft 5/2021 der Zeitschrift Marxistische Blätter erschienen ist. Wir danken Autorin und Verlag für die Abdruckgenehmigung. Bezug des Hefts unter info@neue-impulse-verlag.de

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Hagen R. aus Rostock (13. Oktober 2021 um 14:43 Uhr)
    Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Artikel! Mir kommt ein Aspekt in der Betrachtung von Datensammelkonzernen manchmal ein bisschen kurz: die Bedeutung der Daten und Algorithmen für Investitionserfolg am Finanzmarkt. Man kann sich z. B. vorstellen, dass es ungeheuer nützlich ist, aus Echtzeitdaten als erster von einem Katastrophenereignis zu erfahren, um auf fallende Kurse potentiell betroffener Unternehmen zu wetten. Sind diese Datenkraken letztlich Goldesel, die ihren Eignern die besten Renditeoptionen verraten? Wie groß könnte die Bedeutung von Big Data und KI für Investitionsentscheidungen momentan schon sein? Das hat auch einen volkswirtschaftlichen Aspekt: Der Finanzmarkt ist, wenn ich das richtig verstehe, ja quasi die »Plankommission« des Kapitalismus, er teilt Kapital an Unternehmen der Realwirtschaft zu. Die Zukunft wird dabei freilich nicht absichtlich geplant, sondern eine wahrscheinliche Zukunft wird angenommen, sie ergibt sich letztlich spieltheoretisch aus möglichen Handlungsoptionen verschiedener Big Player. Aus den angenommenen Renditechancen in dieser vorhergesehenen Zukunft ergibt sich letztlich der implizit entstehende »Wirtschaftsplan«. Und das sicher auch heute schon unter Einfluss der Plattformdaten. Der entscheidende Schritt zum Sozialismus ist es aus meiner Sicht, die Zielfunktion dieser ökonomischen Optimierung zu ändern, und zwar weg von den Zielen der Kapitaleigner und hin zu den Zielen/Bedürfnissen der Bevölkerung. Letztere sind im kapitalistischen »Wirtschaftsplan« ja nur zufällig und als Nebeneffekt mitberücksichtigt. Die Big-Data-Algorithmen können sicher für beide möglichen Ziele genutzt werden.
  • Leserbrief von Joachim Seider (12. Oktober 2021 um 13:47 Uhr)
    Auch wenn dieser Artikel nicht ganz einfach zu lesen war: Er bestätigt eindrucksvoll die Marxsche Feststellung, dass die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte im Schoße der alten Gesellschaft bis nahe an jene Grenze heranführt, ab der neue Verhältnisse naturgesetzlich zwingend erforderlich werden. Es sind also nicht Träumereien, die eine neue Gesellschaft herbeiführen, sondern die materiellen Verhältnisse, die erzwingen, dass eine Gesellschaft vom Kopf auf die Füße gestellt werden muss. Ja, wir sollten »uns wirklich wieder trauen, laut darüber nachzudenken, was mit diesen hochentwickelten Technologien angestellt werden könnte, wenn sie von Arbeitern statt von Kapitalisten produziert, organisiert und kontrolliert würden«.

Ähnliche:

  • Whistleblowerin Frances Haugen bei ihrer Anhörung vor dem Senats...
    07.10.2021

    Feindnetzwerk Facebook

    Störungen legen Internetdienste des Konzerns lahm. Neue Enthüllungen über gefährliche Firmenstruktur
  • Immer mehr Kubaner sind online unterwegs: Tänzer vor ihrem Auftr...
    20.08.2021

    Kuba rüstet technisch auf

    Inselrepublik will Informatisierung ihrer Bevölkerung vorantreiben. Subversive Nutzung von Kommunikationsmitteln soll verhindert werden