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Aus: Ausgabe vom 23.10.2021, Seite 15 / Geschichte
Dynastisches Europa

Habsburgs letzter Versuch

Vor 100 Jahren scheiterte die erneute Besteigung des ungarischen Throns durch den österreichischen Exkaiser
Von Christian Stappenbeck
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Karl Habsburg mit ihm treu ergebenen ungarischen Truppen im Vorfeld der »Operettenschlacht«

Die Verlockung war groß für den Exkaiser von Österreich, der in seiner Heimat nach Abschaffung aller Adelsprivilegien nur noch Karl Habsburg hieß (den seine Anhänger im Exil aber weiterhin »Seine Majestät« titulierten). Er dünkte sich immer noch Herrscher von Gottes Gnaden, nur durch nichtsnutzige Demokraten zeitweilig verhindert. Mit Wohlwollen hatte er aus Budapest vernommen, dass sich nach einem glücklosen Republikintermezzo sein treues ungarisches Volk – vielmehr dessen rechtsextreme Parlamentsmehrheit – eine neue Verfassung gegeben und sich wieder zum Königreich erklärt hatte. Vorläufig noch eine Monarchie mit leerem Thron.

Ärgerlich nur, dass er, der ja bis zum Kriegsende 1918 die ungarische Stephanskrone trug, noch immer nicht den erwarteten Anruf seines früheren Flottenchefs, des Admirals Miklos Horthy, erhalten hatte, der jetzt als Reichsverweser im königlichen Burgpalast von Buda residierte. Dabei wusste der Admiral spätestens seit Mai 1920, dass Karl nach Unterzeichnung des Friedensvertrages von Trianon baldmöglichst wieder die königliche Macht zu übernehmen gedachte, um »seinen Anteil am Wiederaufbau des Landes« zu leisten. Das ganze Jahr 1920 über hatte Horthy ihn mit der Begründung vertröstet, die außenpolitischen Verhältnisse – nämlich die Auflagen der Siegermächte – erlaubten zur Zeit noch keine Rückkehr eines Habsburgers auf den ungarischen Thron.

An Geldmitteln fehlte es Karl nicht, hatte er doch vor seiner Absetzung aus der Wiener Schatzkammer noch sämtliche Kronjuwelen, Perlengarnituren sowie zwei Kronen entwenden und in die Schweiz schaffen lassen (wobei er vergaß, dass es sich um Staats-, nicht um Privateigentum handelte und er acht Monate zuvor selbst per Gesetz die Verbringung von Juwelen und Edelmetall ins Ausland unter Strafe gestellt hatte). Jetzt lagerten die Kronjuwelen in einem Züricher Banksafe und ermöglichten eine hohe Kreditaufnahme. Außerdem hatte man sich auch noch bei dem gut dotierten Familienfürsorgefonds bedient, bis Österreichs neue Regierung dieses Konto einfrieren ließ.

Mit falschem Bart

Zu Ostern 1921 hielt es den einstigen Herrscher nicht länger im noblen Palais Prangins im Schweizer Exil. Mit falschem Bart und falschen Pässen reiste er inkognito über Wien nach Budapest und begehrte Einlass. Gerade hatte sich Horthy im familiären Kreis zum festlichen Sonntagsmahl gesetzt, als die Ordonnanz allerhöchsten Überraschungsbesuch meldete. Frau Magda, so wird berichtet, blieb gefasst und nötigte ihren Mann energisch, zumindest die Suppe ungestört aufzuessen. Dann zog sich der Reichsverweser zurück und erlebte »die schwersten Momente meines ganzen Lebens«. In seinem Arbeitszimmer musste er sich zwei Stunden lang anhören, dass er seinem Herrscher einst Gehorsam geschworen habe und unverzüglich die Regierungsgeschäfte übergeben müsse. Für kurze Zeit wurde der Admiral schwankend, als Karl ihm den Fürstentitel und die Verleihung des Maria-Theresien-Ordens, des lang schon gewünschten, in Aussicht stellte. Aber dann besann sich Horthy und wurde mannhaft: Er werde die Macht nicht übergeben, weil andernfalls »binnen 24 Stunden das Land besetzt und aufgeteilt würde«. Er wusste und erklärte seinem Besucher nachdrücklich, die Siegermächte und die Kleine Entente ließen nicht mit sich spaßen. Karl möge vorerst zurückkehren und nichts Eigenmächtiges unternehmen. Er, Horthy würde als sein treuer Diener schon dafür sorgen, dass die Rethronisierung gelingt. Sie schieden voneinander mit einer Absprache, an die sich keiner von beiden hielt.

Es vergingen fünf Monate, in denen der Schweizer Bundesrat den ungeliebten Gast scharf beobachten ließ. Am 20. Oktober 1921 entwischte Karl und bestieg mit Ehefrau Zita eine brandneue Junkers F-13 (die Maschine steht heute im Verkehrsmuseum Budapest). Zita, damals 29jährig und zum achten Mal schwanger, wollte unbedingt mit dabei sein. Nach der Landung bei Sopron (Ödenburg) stellte sich heraus, dass das königstreue Regiment von Baron Antal Lehar, einem Bruder des Komponisten Franz, noch nicht marschbereit war. Es gab weitere Verzögerungen – der Zug nach Budapest kam infolge vieler Huldigungszeremonien nur langsam voran –, so dass sich die Truppe Karls erst am 23. Oktober der Hauptstadt näherte. Hier fand nun die denkwürdige »Schlacht von Budaörs« statt, genau genommen ein Scharmützel mit immerhin 19 Toten. Indes, richtig verbissen wurde nicht gekämpft, viele Beteiligte schossen in die Luft statt auf lebende Ziele, für einen Bürgerkrieg waren sie nicht bereit. Karl hatte sich seinen triumphalen Einzug in die Hauptstadt anders vorgestellt. Er verlor die Nerven und blies, gegen den Rat seiner Getreuen, das Unternehmen ab und befahl den Rückzug.

Operettenschlacht

Wer waren die Teilnehmer der Ope­rettenschlacht? Auf Karls Seite standen die Legitimisten, die königstreuen Ungarn. Ihnen gegenüber standen Studentenmilizen und einige wenige Horthy-Einheiten. Der wegen Karls Anmarsch erschrockene Reichsverweser und seine Kamarilla waren sich ihrer eigenen »Nationalen Armee« nicht sicher: War sie loyal oder am Ende mehrheitlich eher royal-königstreu eingestellt? Schließlich hatten viele der Offiziere Karl einst den Treueid geschworen – solch ein Eid wog bei den adligen Kommissköppen schwer. Darum bewaffnete man einige Hundertschaften Studenten mit dem Bemerken, es ginge gegen österreichische und tschechische Abenteurer zu Felde.

Nun aber, nach dem Rückzug der Putschistentruppe, griff Admiral Horthy energisch durch. Zahlreiche führende Legitimisten wanderten für einige Monate ins Gefängnis, Lehar konnte fliehen. Karl und Zita wurden zunächst auf der malerischen Halbinsel Tihany interniert. Dort holten britische Offiziere sie ab und beförderten sie auf dem Schlachtschiff »Glowworm« (Glühwürmchen) die Donau hinab ins neue, endgültige Exil, nach Madeira. Karl war froh, dass er nicht nach St. Helena verbannt wurde.

Ein ungarisches »Dethronisationsgesetz« erklärte bald darauf das Haus Habsburg für abgesetzt. Ungarn blieb Königreich ohne König. Als sich Karls ältester Sohn Otto nach der »Rendszervaltas« (der Systemwende 1990) noch einmal Hoffnungen machte, zeigten ihm Ungarns Parlamentarier die kalte Schulter.

Ein seliger Trottel

Dürfen wir den »Diener Gottes Karl«, den Seligen, den allerletzten Kaiser von Österreich und König von Ungarn, Böhmen usw., einen »seltsamen Heiligen« nennen? Niemand will sich in die inneren Angelegenheiten der katholischen Kirche einmischen. (…)

Bereits 1926 hatte der christlich-germanische Dichter Richard von Kralik in weiser Voraussicht seinen Hymnus auf den unglückseligen Habsburger-Regenten geschlossen: »Für ihn und seine Sache muss noch einmal eine glorreiche Auferstehung kommen. Wann? Das steht in Gottes Hand.« Die Sache dauerte immerhin 78 Jahre, und die 1925 gegründete Kaiser-Karl-Gebetsliga hatte einiges zu beten. (…)

Während kaisertreue Biographen eifrig am Märtyrermythos des »Dieners Gottes Karl« arbeiteten, so die korrekte kirchliche Terminologie, gelangte die historische Zunft zu eher gemischten Ansichten. Kaiser Karl war zweifellos außergewöhnlich fromm (…). Durchgehend wurden Karl indes Mangel an politischer Klugheit sowie Wankelmut bescheinigt, bei aller Sympathie für seine »Gutejungenhaftigkeit« (Karl Kraus). (…)

Dem Schweizer Bundesrat gegenüber, der ihm 1919 Asyl gewährt hatte, verhielt sich der nunmehrige Exkaiser nicht unbedingt als Gentleman. Zweimal brach er sein Wort und heimlich nach Ungarn auf, um in Budapest wieder jener Apostolische König Karl IV. zu sein (…), für den er sich weiterhin hielt. Er scheiterte kläglich, die Unternehmungen zeigten Züge von tragischen Operettenputschversuchen. Karl Kraus schrieb, mittlerweile frei von Mitgefühl: »Gewiss, ein Monarch kann auf Regierungsdauer ein Trottel sein, das widerstreitet nicht dem monarchischen Gedanken. Wenn er sich aber auch in der Zeit, da er kein Monarch mehr ist, wie ein Trottel benimmt durch die Art, wie er wieder Monarch werden möchte, so sollte man doch meinen, dass auch die Anhänger des monarchischen Gedankens ihm die Eignung hierzu absprechen müssten.« Hier irrte Kraus.

Ein seltsamer Heiliger. Kommentar von Ulrich Weinzierl vom 28.9.2004 in der Tageszeitung Die Welt anlässlich der Seligsprechung des Habsburgers Karl durch Papst Karol Wojtyla (Johannes Paul II.) am 3. Oktober 2004

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