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Aus: Ausgabe vom 11.10.2021, Seite 7 / Ausland
Françafrique

Neues Lied, alte Leier

»Afrikagipfel« in Montpellier: Frankreichs Präsident will Beziehungen zu Völkern des Kontinents »neu erfinden«
Von Hansgeorg Hermann
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Plan nicht aufgegangen: Macron stößt bei seinem »Neuen Afrikagipfel« am Freitag in Montpellier auf deutliche Kritik

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will die Beziehungen der alten Kolonialmacht zu den bis heute ausgebeuteten afrikanischen Völkern »neu erfinden«. Das versprach er jedenfalls am Freitag auf dem sogenannten Afrikagipfel in der Mittelmeerstadt Montpellier. Macron hatte nicht, wie bisher im Jahrestakt üblich, die mehr als 50 Staats- und Regierungschefs des Kontinents eingeladen, sondern junge Vertreter der »Zivilgesellschaft«. Elf Afrikanerinnen und Afrikaner im Studentenalter waren, selbstverständlich in Paris, ausgesucht worden, um vor einem nahezu 3.000 Teilnehmer starken Publikum mit dem Präsidenten zu diskutieren. Auf dem Prüfstand der interessierten Gäste: Die Folgen eines seit Jahrzehnten systematisch durch Korruption und Machtverteilung geprägten Beziehungsgeflechts zwischen den politischen und wirtschaftlichen Eliten beider Seiten – genannt »Françafrique«. Fazit der Veranstaltung: Der Mann aus dem Élyséepalast in Paris spielt ein neues Lied auf der alten Leier.

Zufall oder nicht, zur Eröffnung der Konferenz erschien am Freitag im Pariser Verlag Seuil ein dickes Buch zum Thema. Es enthält die ellenlange Beschreibung des Systems »Franç­afrique«. Die Verfasser – Amzat Boukari-Yabara, Thomas Borrel, Benoît Collombat und Thomas Deltombe (respektive Historiker, Sprecher der »Association Survie«, Journalist und Verleger) – brauchten 1.008 Seiten, um zu dokumentieren, wie sich alle Präsidenten seit Charles de Gaulle und deren Helfer aus Wirtschaft, Kultur und Militär prächtig mit den meist von ihnen selbst in Stellung gebrachten Diktatoren und sogenannten demokratisch gewählten Herrschern der ehemaligen Kolonien verstanden. Der Titel des Buches ist gleichzeitig die knappe Schlussfolgerung, die den Autoren am Ende ihrer Recherchen blieb: »­L’­empire qui ne veut pas mourir« – »Das Imperium, das nicht sterben will«.

Ein Resümee, das offenbar auch die geladenen Gäste zogen. Macron, der sich seinen Franzosen und den Eliten beider Seiten mit einer Politikshow präsentieren wollte, die seinem bisherigen, von seinen Bewunderern als »innovativ« oder gar »nie dagewesenen« (inédite) bezeichneten Regierungsstil entsprach, bekam das zu hören. Der Diskussionsbeitrag der jungen Eldaa Koama aus Burkina Faso brachte auf den Punkt, was die heranwachsende Generation vom am Wochenende viel zitierten »Paternalismus« der französischen »Gönner« hält: »Wäre die Beziehung zwischen Afrika und Frankreich ein Kochtopf, dann wäre er verdreckt von Korruption, Undurchsichtigkeit und Machtmissbrauch.« Den verblüfften Staatschef, der nach Angaben des Élysée im beginnenden Wahlkampf wohl von einem eher »harmonischen« Treffen mit jungen Menschen geträumt hatte, forderte Koama auf – Ovationen im Saal – diesen Topf endlich »abzuwaschen«. Sonst werde Afrika nicht mehr daraus essen: »Damit du Bescheid weißt.« Der Entschuldigungsversuch Macrons: »Wir sind die Erben einer Geschichte und Geographie, die wir uns nicht ausgesucht haben«, zog nicht. Den Vorwurf, er kollaboriere mit Diktaturen, versuchte der Präsident mit einer Frage zu entschärfen: »Welche sollen das sein?« Im Chor antwortete das Publikum: »Kamerun, Tschad, Côte d’Ivoire, Mali«.

Nur einmal konnte Macron gelinden Beifall und ein paar Pluspunkte ernten. Einer Empfehlung des in Frankreich und Europa wegen angeblich antisemitischer Äußerungen zuletzt heftig kritisierten kamerunischen Intellektuellen Achille Mbembe folgend, versprach der Präsident ein bisschen von dem zu geben, was die alte Macht im Zweifelsfall immer zur Hand hat: Bakschisch. 30 Millionen Euro sollen einen neu zu gründenden »Fonds d’innovation pour la démocratie« speisen. Der soll nicht näher definierte Akteure des »Wechsels« in der Politik des afrikanischen Kontinents unterstützen und – offenbar nach dem Vorbild des »Institut du monde arabe« in Paris – ein Haus der »afrikanischen Welten und der (in Frankreich lebenden, jW) Diaspora« finanzieren.

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