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Ein Leben lang Revolutionär

Zum Tod des »Move 9«-Mitglieds Chuck Africa
Von Mumia Abu-Jamal
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Vor einigen Tagen erreichte uns eine niederschmetternde Nachricht. Der Revolutionär Chuck Africa, das jüngste Mitglied des Gefangenenkollektivs der »Move 9« und der letzte Freigelassene der neun Männer und Frauen, ist am 20. September an Krebs gestorben.

Chuck, der am 2. April 1960 als Charles Sims in West Philadelphia geboren worden war, war die treibende Kraft der Move-Organisation und ein knallharter Kämpfer im Gefängnis. In den 1980er Jahren nahmen Chuck und Delbert Africa an einem Boxprogramm für Häftlinge teil. Damals war es den Boxteams aus einer Haftanstalt noch erlaubt, in eins der rund zehn anderen Gefängnisse Pennsylvanias verlegt zu werden, um sich dort mit anderen Teams fesselnde Boxkämpfe zu liefern. Chuck und Delbert waren so stark, dass sie als dynamisches Duo galten, das seine Gegner jederzeit mit harten Körpertreffern zu Boden schicken konnte.

Aber auch außerhalb des Rings war Chuck in der Lage, harte Punches auszuteilen. Das bewies er irgendwann in den 1990er Jahren, als er im pennsylvanischen Staatsgefängnis Dallas eine Angelegenheit mit einem »Weißhemd«, einem ranghohen Beamten der Knastverwaltung, diskutierte. Wahrend des Gesprächs nahm Chuck Anstoß an einer Antwort, die ihm der Beamte gab, und versetzte dem Mann einen so harten Schlag, dass dieser bewusstlos auf dem Boden aufschlug.

Wie so oft vorher und nachher wurde Chuck für längere Zeit in die »das Loch« genannte Strafzelle gesperrt. Das bot ihm zwar die ausgezeichnete Gelegenheit, mit anderen Häftlingen zu sprechen, aber gleichzeitig war der Aufenthalt im »Loch« mit dem dauerhaften Entzug von frischer Luft und Sonnenlicht verbunden. Er nutzte die Zeit jedoch zum Studieren von Geschichte und Politik und las unersättlich.

Als er in seinen Dreißigern war, veröffentlichte Chuck unter dem Titel »From Darkness to Gray« (etwa: »Aus dem Dunkel ins Grau«) einen Essay über seine Gedanken und Beobachtungen aus den Jahrzehnten im Gefängnis. Darin zeigte er sich scharfsinnig und nachdenklich und brachte die Sachen auf den Punkt. »In Gedanken ging ich die anstehenden Rechtsfragen und meine Strategie für die Gerichtsverhandlung durch«, schrieb Chuck. »Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, wie die Wärter, die mich angegriffen hatten, bei ihrer Geschichte bleiben sollten. Ich war deshalb überzeugt davon, den Prozess zu gewinnen. Die Fakten waren unwiderlegbar. Es gab mehrere Augenzeugen und darüber hinaus auch Aufnahmen einer Überwachungskamera. Unmittelbar nachdem ich aus dem Knast Camp Hill in ein Bundesgefängnis verlegt worden war, sind meine Verletzungen dokumentiert worden. Ich bin jedoch auf das Schlimmste vorbereitet, denn ich habe noch nie einen Cop oder Gefängniswärter getroffen, der seine Missetaten zugegeben hätte. Vor allem dann nicht, wenn sie brutale Gewalt angewendet hatten.«

Soweit die Worte Chuck Africas, der sein Leben lang ein Revolutionär war. Nach über 40 Jahren im Gefängnis wurde er im Alter von 59 Jahren im Februar 2020 freigelassen und konnte noch zwei Sommer in Freiheit erleben. Chuck Africa war ein Mann aus den Elementen Feuer und Eis, der seine Briefe an Freunde und Angehörige stets mit den Worten »Liebe und Wut« schloss.

Übersetzung: Jürgen Heiser

Die Trauerfeier für den 61jährigen Chuck Africa fand am 3. Oktober 2021 in einem Park im Süden Philadelphias statt. Wie das Bündnis »Mobilization for Mumia« berichtete, nahmen »Angehörige, Freundinnen und Freunde sowie politische Gefährten aus seinem langjährigen Kampf gegen das unterdrückerische rassistische System mit bewegenden Worten Abschied von ihm«. Auf die Frage, wie er in Erinnerung bleiben möchte, soll Chuck Africa einmal geantwortet haben: »Als einer, der versucht hat, mit all seiner Kraft zu lieben.«

Zusammen mit acht Move-Mitgliedern war Chuck Africa am 8. August 1978 im Alter von 18 Jahren bei einem gewaltsamen Polizeiüberfall auf das damalige Haus der Move-Kommune in Philadelphia verhaftet worden. Wegen eines vermutlich im »Friendly fire« seiner Kollegen zu Tode gekommenen Polizisten wurden sie alle zu Strafen von 30 Jahren bis lebenslänglich verurteilt. Zwei von ihnen starben in der Haft. Die sieben Überlebenden waren seit Juni 2018 nach und nach auf Bewährung freigekommen. (jh)

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