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Aus: Ausgabe vom 07.10.2021, Seite 8 / Ansichten

Zynische Bilanz

Pseudodebatte um Krieg in Afghanistan
Von Jörg Kronauer
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Kaum jemand kam: Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) während der Konferenz zum Afghanistan-Einsatz

Die Bundeswehr evaluiert sich selbst, und niemand geht hin: Die Berliner Politszene hat sich am Mittwoch einen zynischen Ausflug nach Absurdistan gegönnt. Dabei hätte der Anlass, der Beginn der »Bilanzdebatte« des Verteidigungsministeriums zum Einsatz in Afghanistan, eigentlich besondere Aufmerksamkeit, besondere Sorgfalt verdient: Immerhin geht es um die Frage, was die Streitkräfte der westlichen Mächte, darunter die deutschen, am Hindukusch eigentlich angerichtet haben. 20 Jahre Krieg, Hunderttausende, vielleicht mehr als eine Million Todesopfer, viele Millionen Flüchtlinge, die Wirtschaft verheerend am Boden, die Gesellschaft zerrüttet. Und am Ende die chaotische Evakuierung westlichen Personals, weil die Kräfte, die man vor zwei Jahrzehnten im Gestus kolonialer Überlegenheit vertrieben hatte, die Macht blitzartig wieder an sich reißen konnten: Krachender und vor allem für die einheimische Bevölkerung verhängnisvoller kann eine Niederlage kaum ausfallen. Keine Frage: Eine schonungslose Aufarbeitung dessen, was da verbrochen wurde, ist nötiger denn je.

Was tut das Verteidigungsministerium? Am Mittwoch luden die Ministerin und ihr Generalinspekteur zur Diskussion. Die Themen: die Folgen des Einsatzes für die Bundeswehr, für die Soldaten und für ihre Angehörigen, die Auswirkungen des Kriegs auf die deutsche Gesellschaft und schließlich noch die Frage, wie man’s künftig besser macht. Die dramatischen Folgen für die afghanische Bevölkerung kamen allenfalls am Rand vor. Wie auch: Da debattierten Brigadegeneräle, Oberstabsfeldwebel, Einsatzveteranen, Reservisten, Militärpolitiker und Ministerialbürokraten. Kaum eine Handvoll Personen aus der vielgepriesenen Zivilgesellschaft wurde um ihre Meinung gebeten. Mehr als billige Manöverkritik ist da nicht drin, ist aber auch nicht gewünscht: Ernste Zweifel am Krieg an sich machen für Herrschaftsapparate, die ihre Truppen in allerlei Ländern mehr stationiert haben und sich jetzt gegen Großmächte wie Russland und China militärisch in Stellung bringen, wenig Sinn.

Betrieben also das Militär und sein Anhang vor allem Nabelschau, so blieben die meisten Parlamentarier, die die Truppe in Einsätze schicken, und der Außenminister, der die politische Flankierung zu leisten hat, der Veranstaltung gleich gänzlich fern. Der Zeitpunkt der Debatte sei schlecht, war zu hören: Schließlich wird in diesen Tagen über die nächste Regierung verhandelt, über Posten und Pöstchen im weiteren Umfeld der Macht, über Einfluss und Geld für die eigene Fraktion und für die eigene Klientel. Na klar: Was ist schon die Bilanz eines 20jährigen Krieges gegen die Frage, wer künftig den Staatssekretärsposten im Familienministerium innehaben wird? Man muss Prioritäten setzen; nichts anderes haben die eingeladenen Abgeordneten und der Außenminister am Mittwoch getan.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Michael M. aus Berlin ( 7. Oktober 2021 um 21:07 Uhr)
    »Was ist schon die Bilanz eines 20jährigen Krieges gegen die Frage, wer künftig den Staatssekretärsposten im Familienministerium innehaben wird?« Das Familienministerium ist u.a. auch für Soldat*:Innenzeugung zuständig, Herr Kronauer! Das sollten Sie bedenken.

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