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Aus: Ausgabe vom 04.10.2021, Seite 5 / Inland
Arbeitskampf

Pranke von Gorillas

Lieferdienst teilt aus: Streikbrecher eingesetzt, Arbeitsdruck erhöht. Beschäftigte behandelt wie »neue Gastarbeiter«
Von Simon Zamora Martin
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Für die Bosse gab es kein Durchkommen: Die Fahrerinnen und Fahrer im Berliner Bergmannkiez standen am Freitag zusammen

Seit Freitag werden die Berliner Warenhäuser von Gorillas im Bergmannkiez und Schöneberg bestreikt, am Samstag abend legten die Beschäftigten auch am Standort Gesundbrunnen die Arbeit nieder. Die Forderungen sind die gleichen wie bei früheren Ausständen: Löhne sollen pünktlich und vollständig gezahlt, Schichtpläne verbessert und genug Equipment für eine sichere Arbeit gestellt werden. Doch es scheint einen wichtigen Unterschied zu geben zu den Streiks im Sommer: Zumindest im Bergmannkiez sind die Rider viel besser organisiert.

»In den letzten Wochen ist der Frust sehr stark gewachsen«, sagte Duygu, die als Kurierfahrerin im Warenhaus Bergmannkiez arbeitet, gegenüber jW. Das Unternehmen probiere gerade, einen Plan zur Intensivierung der Arbeit durchzusetzen. Weniger Beschäftigte sollen mehr Lieferungen schaffen. »Projekt ACE« lautet der Name für die Arbeitsverdichtung. Eine andere Auswirkung der »Reform« sind neue Schichtmodelle. Ein Computerprogramm soll errechnen, zu welchen Zeiten am meisten Personal gebraucht wird. Statt acht Stunden am Stück sind die Schichten viel kürzer geworden und beginnen jeden Tag zu einer anderen Uhrzeit. So intelligent, um zu wissen, dass es in Deutschland eine gesetzliche Ruhezeit von mindestens elf Stunden gibt, ist das Programm aber offenbar nicht. Duygu zeigte jW Dienstpläne, in denen die Freitagsschicht um Mitternacht endet und die Samstagsschicht bereits um sieben Uhr beginnt.

Den Konflikt angeheizt hat die Entlassung eines Kollegen am letzten Tag seiner Probezeit. »Mit einem Anruf am Samstag«, erzählte Duygu. Die App zu Schichtplanung sei eine Katastrophe und habe viele Fehler. Kollegen bekämen an arbeitsfreien Tagen automatisierte Abmahnungen, weil sie nicht zur Schicht erschienen. Diese falschen Abmahnungen würden dann als Gründe für Entlassungen angeführt. »Wir sind die neuen Gastarbeiter«, sagte Duygu. »Die Geschichte wiederholt sich. Verkleidet, unter dem Deckmantel der Startupmentalität.«

Aber auch auf einer größeren Ebene gibt es viel Unmut bei Gorillas. Vor wenigen Wochen wurde einer der wichtigsten Social-Media-Kanäle der Beschäftigten auf Instagram gelöscht. Auf der Seite »Gorillas Rider Life« wurden neben Witzen über den Arbeitsalltag im Unternehmen immer wieder auch kritische Berichte von Beschäftigen veröffentlicht; teilweise auch Beweise für offene Rechtsverstöße von Gorillas. Im Dienst des Unternehmens blockierte die zum Facebook-Konzern gehörende App Instagram den Kanal. Zum zweiten Mal und erneut ohne Angabe von Gründen.

Vergangenen Donnerstag verschickte das Unternehmen dann plötzlich Überleitungsverträge an alle Beschäftigten im operativen Geschäft. In Berlin betrifft das 1.700 von 2.000 Gorillas-Beschäftigten. Bereits im Oktober soll der Betriebsübergang in eine neu gegründete Tochter erfolgen, ohne dass ein konkretes Datum genannt wurde. In dem Vertrag, der jW vorliegt, wird festgestellt, dass es im derzeitigen Unternehmen keinen Betriebsrat gibt, sondern lediglich ein Verfahren zur Wahl eines Betriebsrates eingeleitet wurde. Im Anschluss heißt es: »Zum Übergangsstichtag wird das Verfahren voraussichtlich noch nicht abgeschlossen sein.« Es liegt die Vermutung nah, dass die Gründung eines neuen Tochterunternehmens ein Manöver sein könnte, um die Bildung eines Betriebsrates zu verhindern.

Doch statt auf den fünf Punkte umfassenden Forderungskatalog der Streikenden einzugehen, setzt Gorillas auf Eskalation. Am Freitag schickte das Unternehmen Manager aus der Firmenzentrale als Streikbrecher in den Bergmannkiez. Am Samstag erhöhte es nochmals den Druck und entließ einen der besten Fahrer des Lagers fristlos. »Das ist eine Drohung an alle indischen Rider«, erzählte ein Kollege des entlassenen Danny gegenüber jW. Im Gegensatz zu Danny ist er noch in der Probezeit und möchte daher seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. »Bei den letzten Streiks waren wir Inder nicht dabei«, erzählte er. »Wir werden das nicht hinnehmen und fordern jetzt auch seine Wiedereinstellung. Und werden so lange streiken, bis alle unsere Forderungen erfüllt sind!«

Zeitung gegen Profite mit der Gesundheit

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