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Aus: Ausgabe vom 02.10.2021, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Der Mann mit dem Timing

Und seine beste Story: Der Dokfilm »Walter Kaufmann – Welch ein Leben!«
Von Ronald Weber
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Immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Der Weltreisende Walter Kaufmann (Ankunft in New York, 1963)

Als der Schriftsteller Walter Kaufmann am 15. April dieses Jahres im Alter von 97 Jahren in seiner Geburtsstadt Berlin verstarb, war das den bürgerlichen Medien mehr als eine Meldung wert. Andreas Platthaus rühmte Kaufmann in der FAZ gar als »unbeugsam und unbequem«. Das ist für einen DDR-Autor, der wie viele andere nach dem Ende des sozialistischen Staates mehr oder weniger in der Versenkung verschwunden ist, ein ungewöhnliches Lob. Woher die Aufmerksamkeit?

Sie erklärt sich aus Kaufmanns Biographie, war dieser als weitgereister Reporter und Schriftsteller doch auch ein Weltbürger, stets zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort: Sei es in den USA, wo er Angela Davis interviewte und die DDR-Kampagne für die Freilassung der schwarzen Revolutionärin mit anschob, sei es auf Kuba, wo er nach der gescheiterten Konterrevolution in der Schweinebucht durchs Land reiste und zufällig Tamara Bunke kennenlernte – jene deutsche Genossin, die nach der Revolution in den Dienst des kubanischen Geheimdiensts trat und an der Seite von Che Guevara in Bolivien den Tod fand. Dass Kaufmann sich für seine mehr als 40 Bücher auf fast allen Kontinenten umtun konnte, verdankte er einem australischen Pass und den wiederum einem Zufall.

Fenster zur Welt

Als jüdisches Kind aus ärmsten proletarischen Verhältnissen war er von einer bürgerlichen Duisburger Familie adoptiert worden. 1939 ermöglichten ihm die neuen Eltern mit einem Kindertransport die Flucht aus Nazideutschland nach Großbritannien und dort den Besuch einer guten Schule; sie selbst wurden in Auschwitz vergast. Als die britische Regierung nach dem deutschen Angriff auf die aberwitzige Idee kam, auch deutsche Juden als »feindliche Ausländer« zu internieren, wurde Kaufmann eingesperrt und schließlich nach Australien verschifft. Dort trat er als Bausoldat der Armee bei, schlug sich mit Gelegenheitsjobs als Wäscheausfahrer und Hochzeitsfotograf durch und landete schließlich im Hafen und bald als Matrose auf hoher See. Von der Hafengewerkschaft zur Kommunistischen Partei Australiens war es dann nur noch ein kleiner Schritt. Die delegierte den nunmehr schreibenden Arbeiter 1955 zu den Weltfestspielen der Jugend nach Polen, wo er einen Lektor kennenlernte, der ihn schließlich in die DDR einlud, wo man ihm alle Türen öffnete. Wenig später ging er mit seiner australischen Frau nach Ostberlin – und schrieb: über Widerstand und Repression in Lateinamerika, die israelische Friedensbewegung, Obdachlose in den USA oder den Unabhängigkeitskampf in Nordirland. Für die Leserinnen und Leser in der DDR wurde er so zu einem Fenster zur Welt.

Kaufmann über Kaufmann

Der nun in den Kinos angelaufenen Film von Karin Kaper und Dirk Szuszies »Welch ein Leben!«, der kurz vor Kaufmanns Tod fertiggestellt wurde, berichtet das alles chronologisch in Form eines ausführlichen, mit vielen historischen und gegenwärtigen Aufnahmen der Originalschauplätze bebilderten Interviews. Denn das ist das Besondere an dieser sehenswerten Schriftstellerdokumentation: ein Film über Kaufmann, erzählt von Kaufmann. Fasziniert schaut und hört man dem abenteurerprobten Autor und überzeugten Kommunisten zu, der bis zuletzt für diese Zeitung schrieb. Es ist ein Jahrhundertleben, das Kaper und Szuszies in Szene gesetzt haben – und eines mit Happyend, auch wenn Kaufmann keinen Hehl daraus macht, dass ihn die neuen Nazis im Parlament und auf den Straßen ängstigen und er lieber in einem sozialistischen Land gestorben wäre. Holen Sie also Ihren Impfpass oder Ihre Testbescheinigung heraus und gehen mal wieder ins Kino. Es lohnt sich.

»Walter Kaufmann – Welch ein Leben!«, Regie: Karin Kaper und Dirk Szuszies, BRD 2021, 102 Min, bereits angelaufen

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