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Aus: Ausgabe vom 02.10.2021, Seite 8 / Inland
Gegen den Mietenwahnsinn

»Immobilienkonzerne ignorieren das Votum«

Berlin: Heimstaden kauft 14.000 Wohnungen, während Mehrheit für Enteignungen stimmte. Ein Gespräch mit Luca Niefanger
Interview: Jan Greve
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Protest gegen den Konzern Heimstaden in Berlin-Mitte (27.1.2021)

Während am zurückliegenden Sonntag der Berliner Volksentscheid von »Deutsche Wohnen und Co. enteignen« mehrheitlich angenommen wurde, bereitete der schwedische Immobilienkonzern Heimstaden die Verkündung des Kaufs von 14.000 Wohnungen in der Hauptstadt vor. Noch gehören sie dem Unternehmen Akelius. Sie sind in der Mieterinitiative »Stop Heimstaden« aktiv. Was haben Sie gedacht, als Sie von dem Kauf erfuhren?

Es war ein klares Zeichen, dass die transnationalen Immobilienkonzerne das eindeutige Votum der Berlinerinnen und Berliner ignorieren. Leider hatten sie vor der Abstimmung genug Signale aus den meisten politischen Lagern erhalten, dass Investoren auf keinen Fall abgeschreckt werden sollen. Wir halten jedoch an unserer Forderung fest: Wohnraum darf keine Ware und kein Spekulationsobjekt sein. Es kann nicht sein, dass wir mit unserer Miete die Dividende für Aktionäre finanzieren.

In einem offenen Brief an die bisherigen Mieter von Akelius teilte Heimstaden mit, man sei ein Vermieter, »auf den man sich verlassen kann«. Zudem hieß es: »Wir freuen uns auf Sie!« Aus Ihren Erfahrungen: Worauf dürfen sich die neuen Heimstaden-Mieter freuen?

Heimstaden ist ein renditeorientierter Investor wie alle anderen auch. Dabei versucht er, sich ein nettes Image zu geben. Er betreibt »Greenwashing«, pflanzt einen Baum für jeden neuen Mietvertrag. Allerdings mussten Zugeständnisse des Konzerns an Mietende bislang immer hart erkämpft werden. Heimstaden hält sich unserer Erfahrung nach in vielen Fällen nicht an die Mietpreisbremse. Wenn es darum geht, die Miete auf die zulässige Obergrenze zu senken, ist das Unternehmen ebensowenig kooperativ wie die anderen Großvermieter. In der Folge müssen Mieter dann etwa Klagen einreichen. Trotzdem wollen wir alle ermutigen, das Instrument der Mietpreisbremse zu nutzen. Einige Nachbarn konnten so erfolgreich ihre Miete senken, was sich wiederum positiv auf den Berliner Mietspiegel auswirkt.

Sie haben Ihre Initiative vor rund einem Jahr gegründet, als Heimstaden mehr als 130 Häuser in Berlin gekauft hat. Waren Sie damals auch davon betroffen?

Ja. Wir und unsere Nachbarn wohnen in einem dieser Häuser. Dort wurde erkennbar nie viel Geld in die Instandhaltung gesteckt. Häufig gibt es Probleme mit Wasserschäden, zum Beispiel durch das undichte Dach. Viele von uns haben Staffelmieten: Die Miete steigt jedes Jahr automatisch um fünf Prozent, und das, obwohl sie bereits jetzt häufig über der Schmerzgrenze liegen. Bei uns sind es zur Zeit über 11,50 Euro kalt pro Quadratmeter.

Welche Möglichkeit des Widerstands hat man als Mieter gegen einen Immobilienkonzern, wenn man die Kündigung der eigenen Wohnung fürchten muss?

Wir raten zum Beitritt in einen der Mietervereine. Dort gibt es juristischen Rat und Beistand. Vor allem braucht es aber die Selbstorganisierung und Solidarität. Wenn wir kollektiv handeln, hat der Vermieter weniger Handhabe, um einzelne Mietparteien zu drangsalieren. Bei der Gründung unserer Initiative wurden wir von der »Initiative Mieter*innengewerkschaft Berlin« unterstützt. Übrigens besteht für viele der Häuser, die jetzt von Heimstaden erworben werden, nun das bezirkliche Vorkaufsrecht. Damit gibt es eine Chance, zu einem gemeinwohlorientierten Vermieter zu wechseln und die Häuser dem renditeorientierten Wohnungsmarkt zu entziehen.

Der aktuelle Deal von Heimstaden umfasst auch mehr als 3.000 Wohnungen in Hamburg. Europaweit besitzt der Konzern rund 116.000 Wohnungen. Vernetzen Sie sich auch mit Mietern in anderen Städten?

Ja, das tun wir. Wir hatten bisher Kontakt zu Heimstaden-Mietenden in Norwegen, Schweden und in der Tschechischen Republik. In dieser Woche haben wir uns mit Leuten der »­Akelius-Vernetzung« getroffen. Diese arbeiten eng mit anderen Akelius-Mieterinitiativen zusammen, etwa in Hamburg, London oder New York. Wir werden so europa- und weltweit eine starke und widerständige Mieterinnen- und Mieterbewegung schaffen.

Luca Niefanger ist aktiv in der Mieterinitiative »Stop Heimstaden«

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