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Aus: Ausgabe vom 27.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
Film

Eine effektive Waffe

Am Samstag endete das 69. Filmfestival San Sebastián
Von Jone Karres Azurmendi
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Düsterer Sommer: »Es war einmal im Baskenland«

Das Filmfestival in San Sebastián führte auch in diesem Jahr ein sehr politisch engagiertes Kino auf. Themen wie der baskische Konflikt, die Folgen des Neoliberalismus, Klimakrise und eine sozial engagierte Jugend zogen sich durch die Woche. Problematische Familienbeziehungen wurden hingegen als Thriller oder im Horrorgenre inszeniert.

Eine riskante und mit Spannung erwartete Produktion war »­Maixabel«. Die spanische Regisseurin Iciar ­Bollaín schildert die wahre Geschichte des Treffens zwischen Maixabel Lasa, Witwe eines Anschlagopfers der früheren baskischen Untergrundorganisation ETA und dem Mörder ihres Ehemanns. Die Zusammenkunft fand mit Hilfe von Mediatoren der Initiative »Via Nanclares« statt, die Häftlinge unterstützen, die den Wunsch äußern, sich bei den Opfern zu entschuldigen. Es ist eine wichtige Geste von beiden Seiten, die zum Friedensprozess und zur Heilung der noch offenen Wunden im Baskenland beitragen soll.

Im Oktober vor 10 Jahren hat die ETA ihren bewaffneten Kampf aufgegeben. Derzeit sitzen etwa 170 Häftlinge im Gefängnis. Bis in den Kinosaal wurde man daran erinnert, dass die Auswirkungen des baskischen Konflikts noch immer präsent sind. Während der Pressevorführung in der Altstadt hörte man Musik von den wöchentlichen Demonstrationen von Familienangehörigen der ETA-Häftlinge. Sie protestieren seit Jahren für eine Verlegung der Häftlinge in nahegelegene, baskische Gefängnisse. Bollaín wurde für ihre respektvolle Regie gelobt, zumal sie jeden Sentimentalismus im Hollywoodstil vermied. Täter wie Opfer waren als Berater direkt an den Dreharbeiten beteiligt.

Bei der baskischen Gala wurde mit »Erase una vez en Euskadi« (Es war einmal im Baskenland) noch ein weiterer Film zum Thema präsentiert. Er ist eine gelungene Fabel, die fast beiläufig das düstere, politisch aufgeladene Klima der 80er Jahre zum Gegenstand hat. Regisseur Manu Gómez schildert einen Sommer in einem Provinzdorf aus der Sicht vier zwölfjähriger Jungen aus spanischen Einwandererfamilien.

In aller Munde war der Film »El buen Patron« (Der gute Chef) von Fernando León de Aranoa. Die spanische Produktion ist mit Javier Bardem in der Titelrolle des Vorgesetzten hochkarätig besetzt. Es handelt sich um die bitterböse Parodie eines zynischen Unternehmers, der sich als großen Paten inszeniert und mit paternalistischer Kontrolle seiner Angestellten alle Grenzen überschreitet. Es kommt zu allerhand absurden Situationen. Humor ist bekanntlich eine effektive Waffe der Kritik.

Auffällig präsent war das Horrorgenre mit spanischen Werken zum Thema Mutterschaft. »La Hija« (Die Tochter) von Manuel Martin Cuenca ist ein dramatischer Thriller über zwei Frauen, die von Instinkten getrieben bis zum Äußersten gehen.

Ein Leitmotiv vieler Filme war das Porträt der Generation der »Millennials«. Die argentinische Produktion »Camila comes out tonight« von Ines Barrionuevo erzählt von einer Jugend, die schneller erwachsen wird als frühere Generationen. Eine selbstbewusste, feministische Protagonistin mischt den Laden auf, macht den Zuschauer aber auch zum Komplizen ihrer Unsicherheiten und Sorgen. Sie engagiert sich für das Recht auf Abtreibung in Argentinien. Hier wird implizit der Vormarsch der rechten Partei im Land thematisiert.

Das französische Drama »Arthur Rambo« von Laurent Cantet thematisiert die Gefahr der sozialen Netzwerke und jugendlichen Leichtsinns im Umgang mit Twitter. Deutlich wird die soziale Kluft zwischen dem Pariser Zentrum, wo mediale Macht entsteht, und der Banlieue, wo ein aufstrebender Influencer um soziale Anerkennung kämpft. Cantet erzählt vom Klassenkampf im digitalen Zeitalter. Wer hat das Wort, und was steckt möglicherweise wirklich hinter provokanten Aussagen?

Grandios spielt Jessica Chastain im Biopic »The Eyes of Tammy Faye« die Titelfigur, eine exzentrische evangelikale TV-Predigerin und Unternehmerin. Chastain hat den Film auch koproduziert. Tammy Faye Messner baute mit ihrem damaligen Ehemann Jim Bakker in den 70er Jahren ein evangelikales Medienimperium auf, das schließlich skandalumwittert bankrott ging. Allerdings wird Faye bis heute als sexuell ambivalente Camp-Figur von der LGTBQ-Community durchaus geschätzt. Chastains Leistung wurde mit der Silbernen Muschel prämiert. Sie teilt sich die Auszeichnung mit Flora Ofelia Hofmann Lindahl (»Du som er i himlen/Wie im Himmel«).

Der Donostia-Preis des Festivals für das Lebenswerk ging an Marion Cotillard. Sie nutzte die Plattform, um den von ihr produzierten Dokumentarfilm »Bigger than us« von Flore Vasseur vorzustellen. Erneut wird hier eine engagierte Jugend gezeigt, die im Zeichen von Klimakrise und sozialer Ungerechtigkeit für eine bessere Zukunft kämpft. Um bessere Aussichten geht es auch zwei Schwestern Anfang 20, die in »Crai Nou« (Blauer Mond) ihrer zerstrittenen Großfamilie entfliehen wollen. Die rumänische Regisseurin Alina Grigore erhielt für ihr Debüt den Hauptpreis des Festivals, die Goldene Muschel.

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