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Alles Fake

Von Helmut Höge
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»Fake it until you make it« – »Tu so als ob, bis du es kannst« – ist eine Art Leitmotiv in der Startupszene des Silicon Valleys. Um Investoren anzuziehen, beschönigen viele Gründer ihre Erfolgsaussichten, hieß es am 6. September in der Neuen Zürcher Zeitung über die »erfolgreichste Gründerin im Silicon Valley«, Elizabeth Holmes. »Doch statt mit ihrem Startup Theranos Bluttests zu revolutionieren, betrog sie Investoren um Hunderte Millionen Dollar.« Ihr drohen nun »zwanzig Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe von mehreren Millionen Dollar«.

»Tu so als ob, bis du es kannst oder bis du als Nichtkönner auffliegst« – dieses Leitmotiv könnte auch für die Plagiatoren unter den Verfassern von wissenschaftlichen Haus-, Diplom und Doktorarbeiten gelten, allemal für die vor einiger Zeit aufgeflogenen Topjournalisten der Süddeutschen Zeitung und des Spiegels, die Interviews und Ereignisse in ihren Artikeln erfanden.

Über den mit Preisen geehrten Spiegel-Reporter Claas Relotius hieß es am 1. Juni in der FAZ: Er habe »in der unverrückbaren Überzeugung geschrieben, es würde bei der Erzählform Reportage keinen Unterschied machen, ob alles eins zu eins der Realität entspricht oder nicht«. Über den SZ-Holly­woodreporter Tom Kummer schrieb der Spiegel (28.3.2017): Er weiß, »dass dieser Riesenskandal, über den Chefredakteure stolperten, für den Rest seines Lebens im Raum stehen wird wie ein Elefant in einer Einzimmerwohnung«. In der SZ muss man seitdem als Autor jeden Text fünfmal beglaubigen. Ihr ehemaliger Starjournalist, der heute Tennislehrer ist, schrieb ein Buch über sein aktives Leben, das als »Tenniscoach beim TC Weiß-Rot Neukölln« begann, und seine Hollywood-Fakes, über das der Spiegel urteilte: »Der Lügenquatsch kommt darin vor, relevant ist er in seinem ›intensiven‹ Roman nicht.«

Anders als in der ehrpusseligen Wissenschaft und im wahrheitsgetreuen Journalismus ist der Fake in der Kunst ein anerkanntes Verfahren, mindestens gibt es eine »Kunst des Fakes«, über die der Westberliner Künstler Ernst Volland dieses Jahr ein Buch unter dem nämlichen Titel veröffentlicht hat. Diese »Kunst« versteht sich als eine Form der Aufklärung – und zwar von unten.

In der Verlagsankündigung heißt es über das Buch »Die Kunst des Fake«: »Der Künstler Ernst Volland beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Fake. Er beobachtet sie im Alltag, findet sie in den Medien oder entwirft selbst einen Fake. Dafür schickt er vermeintliche Kinderzeichnungen an Politiker und Bischöfe oder schenkt der Nationalgalerie das Bild eines fiktiven Künstlers. Sein Ziel: mit subversiven Nadelspitzen die Mächtigen herausfordern.«

Bei einem Fake, in dem es um einen dritten »Fettstuhl« von Joseph Beuys in Amsterdam ging, erzählt der Künstler in seinem Buch, dass der Fake nicht realisiert werden konnte, weil er an den Umständen scheiterte. »Wichtig ist es bei einem Fake, eine Spur zu legen mit einer glaubwürdigen Legende« – das heißt mit plausiblen »Facts«. Die Pressesprecherin des damaligen US-Präsidenten Trump prägte in diesem Zusammenhang das schöne Wort von den »alternativen Fakten«.

Derzeit ist viel von »Fake News« die Rede, also von falschen Nachrichten, die im Internet verbreitet werden – und alle, die es besser wissen, rufen sofort empört: »Fake News!« Der Sender ­N-TV meldete am 6. September empört: »Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock will nicht Haustiere verbieten – doch diese und andere Falschnachrichten über die Politikerin verbreiteten sich in sozialen Netzwerken und Medien.« Demnach habe das Kampagnennetzwerk Avaaz in einer Studie herausgefunden, dass vor allem die Grünen-Chefin von solcher Desinformation betroffen sei. 71 Prozent der falschen oder irreführenden Angaben über die drei Bewerber für das Kanzleramt seien auf Baerbock entfallen.

Diese in den »sozialen Netzwerken« nach Fakes fahndende Gruppe hat einen Kampagnendirektor, der laut N-TV alle Akteure aufforderte (nicht die Fake-News-Produzenten sondern die wahren News-Macher!), sich die Frage zu stellen, ob sie nicht »gerade den Verbreitern von Falschnachrichten in die Hände« spielten, wenn sie »ihre Lügen aus Facebook-Gruppen und Telegram-Chats auf die Fernsehbildschirme und Handydisplays von Millionen deutschen Wählern und Wählerinnen bringen«. Direkt in ihre Gehirne.

Aber ob nun wahre oder gefakte News – ich glaube einfach: »Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock will nicht Haustiere verbieten.« Warum auch?!

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