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Aus: Ausgabe vom 27.09.2021, Seite 15 / Politisches Buch
Geschichte der Arbeiterbewegung

Beeindruckender Fundus

Jürgen Hofmann zur Geschichte des Zentralfriedhofs Friedrichsfelde
Von Günter Benser
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Who is who des Sozialistenfriedhofes: Jürgen Hofmanns Buch besticht auch als biographisches Nachschlagewerk (Liebknecht-Luxemburg-Demonstration, Berlin 9.1.1994)

Gerade hat der Zentralfriedhof Berlin-Friedrichsfelde seinen 140. Jahrestag begangen. Es ist erfreulich, dass seine Geschichte, besonders die der hier errichteten Gedenkstätte der Sozialisten, über Jahrzehnte hinweg solide erforscht und dargestellt wurden. Nachdem Rudi Liening seit 1968 erste Studien vorgelegt hatte, war 1982 von Heinz Voßke (unter Mitarbeit von Elisabeth Ittershagen) eine für ihre Zeit mit Dokumenten ungewöhnlich gut belegte, reich illustrierte Geschichte der Gedenkstätte erschienen, die sich auf die Auswertung der Bestände des von Voßke geleiteten Zentralen Parteiarchivs der SED stützen konnte. Nach der »Wende« nahm sich Joachim Hoffmann dieser Thematik an und bettete sie in die Entstehung und den Werdegang des gesamten Zentralfriedhofs ein. Diese 1996 erschienene Publikation war auch die Grundlage eines von ihm verfassten kulturhistorischen Reiseführers, in dem er den Grabstätten in Berlin-Friedrichsfelde die Bedeutung eines »deutschen Nationalfriedhofs« zuschrieb.

Seit Jahren widmet sich Jürgen Hofmann der Erforschung der Geschichte des Zentralfriedhofes. Als langjähriger Abgeordneter der Bezirksversammlung Berlin-Lichtenberg, Mitbegründer und Schatzmeister des Fördervereins Erinnerungsstätte der deutschen Arbeiterbewegung in Berlin-Friedrichsfelde gehört er zu den aktivsten Akteuren der Pflege und der Besucherbetreuung dieses Friedhofs. Wie kein anderer ist er berufen, das Wissen darüber zu vermitteln. Einer 2006 erschienenen Publikation ließ er nun eine aktualisierte und erweiterte Fassung folgen. Deren Titel »Ein Friedhof für alle Bekenntnisse« deutet an, wie das Verständnis für den Rang dieser letzten Ruhestätte zahlreicher Menschen mit unterschiedlichsten Biographien gewachsen ist. Im Zentrum dieser Schrift stehen selbstverständlich nach wie vor die Arbeiterbewegung und die Antifaschisten.

Der Autor beginnt seine auf einen beeindruckenden Fundus ungedruckter und gedruckter Quellen gestützte, gut illustrierte Darstellung mit einer Skizze der Geschichte des Friedhofes. Diese damals noch weit vor den Toren Berlins gelegene Anlage sollte allen Schichten der Bevölkerung und Anhängern aller Bekenntnisse offenstehen. Zum bevorzugten letzten Ruheort der Sozialisten wurde sie vor allem durch das Begräbnis Wilhelm Liebknechts, das im August 1900 unter riesiger Anteilnahme der Berliner Arbeiterbevölkerung stattfand. Die Beisetzung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs sowie das hier errichtete, von Mies van der Rohe entworfene Revolutionsdenkmal, das dann von den Nazis geschliffen wurde, unterstrichen diese Bedeutung. Der Bau der heutigen Gedenkstätte der Sozialisten erfolgte übrigens auf Beschluss des 1948 noch einheitlichen Berliner Magistrats. Ihre Einweihung, die zahlreiche Umbettungen erforderte, erfolgte im nun schon geteilten Berlin am 14. Januar 1951. Begangen wurde sie mit einer Demonstration, die fürderhin das alljährliche Gedenken einleitete.

Den Hauptteil dieser vom Kommunalpolitischen Forum herausgegebenen Schrift bildet ein »biographischer Führer«. Hier finden wir nicht nur die Namen, sondern eine Fülle von Kurzbiographien der in den jeweiligen Bereichen bestatteten Personen: Gedenkstätte der Sozialisten, Pergolenweg, VdN-Anlage, Künstlerabteilung, Einzelgräber. So erweist sich diese verdienstvolle Publikation zugleich als ein biographisches Nachschlagewerk zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und des Antifaschismus.

Jürgen Hofmann: Ein Friedhof für alle Bekenntnisse. Der Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin. Kommunalpolitisches Forum e. V., Berlin 2021, 148 Seiten, 10 Euro

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  • Leserbrief von Cornelia Praetorius aus Berlin (29. September 2021 um 12:17 Uhr)
    Das Buch habe ich mir sofort bestellt. Hochinteressant in seiner Komplexität und gut beschrieben von Günter Benser. Dieser jedoch hat einen »lustigen« Fehler gemacht, auf den Sie ihn bitte mal hinweisen mögen: Mies van der Rohes Revolutionsdenkmal wurde von den Nazis leider nicht geschliffen, sondern geschleift. Es steht leider nicht poliert in Hochglanz da … Das Schleifen kommt aus der alten Kriegskunst, als man die Mauern einer belagerten Stadt mit Haken herunterriss und weg-schleifte.

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