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Aus: Ausgabe vom 27.09.2021, Seite 12 / Thema
Zweiter Weltkrieg

Vereint gegen den Feind

Vor 80 Jahren wurde die griechische Nationale Befreiungsfront gegründet. Sie organisierte den Kampf gegen die deutschen Besatzer, unterlag aber im anschließenden Bürgerkrieg
Von Hansgeorg Hermann
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Kämpferinnen und Kämpfer der Volksbefreiungsarmee (ELAS), des militärischen Arms der griechischen Nationalen Befreiungsfront

Die Geschichte des Ethniko Apeleftherotiko Metopo (EAM), der griechischen Nationalen Befreiungsfront, begann nicht erst mit seiner Gründung in der Nacht vom 27. auf den 28. September 1941. Sie begann eigentlich schon ein Jahr früher, im Morgengrauen des 28. Oktober 1940. Gegen drei Uhr hatte Emanuele Grazzi, der Botschafter des italienischen Faschistenführers und Diktators Benito Mussolini, dem griechischen Staatschef Ioannis Metaxas ein Ultimatum übergeben, das bereits drei Stunden später ablaufen sollte. Wie die Legende es will, hatte der überraschte General selbst die Tür seines Hauses im Athener Vorort Kifissia geöffnet und die Note des Diplomaten im Schlafrock entgegengenommen. Die vagen Forderungen Mussolinis, das Recht auf Besetzung strategisch wichtiger Punkte auf griechischem Territorium, beantwortete Metaxas, seit 1936 selbst diktatorischer Herrscher und Kommunistenfresser, kurz und bündig mit »Nein«.

Der Historiker Hagen Fleischer, Emeritus der Athener Kapodistrias-Universität beschreibt die Szene in seinem jüngsten Buch »Krieg und Nachkrieg« so: »Bis heute dauert der innergriechische Streit an, wer nun tatsächlich das historische ›Nein‹ (seitdem ist dieser ›Tag des Nein‹ zweiter griechischer Nationalfeiertag neben dem Unabhängigkeitstag am 25. März) dem italienischen Botschafter Grazzi ›ins Gesicht geschleudert‹ hatte – war es der Diktator oder war es ›das griechische Volk‹? Doch um drei Uhr morgens hatte das Volk noch geschlafen und so war Metaxas der einzige, der die Möglichkeit gehabt hätte (…) der Bevölkerung die Möglichkeit zum aktiven Widerstand vorzuenthalten und das Land dem Feind auszuliefern. Tatsächlich entschied sich das Regime für das damals schwache, im wesentlichen nur aus Briten bestehende Lager der antideutschen Allianz. Spontan reagierte die griechische Bevölkerung in nationaler Geschlossenheit und mit überwältigender Zustimmung.«

Sieg über die Italiener

Drei Monate später trugen die Griechen den unerwartet verstorbenen Metaxas daher »mit echter Trauer und Respekt, aber ohne Liebe« zu Grabe – »auf gleiche Weise, wie man den Tod eines äußerst nützlichen Geschäftspartners bedauert«, amüsierte sich später der Athener Schriftsteller Giorgos Theotokas in seinen Tagebuchaufzeichnungen. Die Folgen des »Nein« sind bekannt: Die zerlumpten, schlecht bewaffneten Soldaten der griechischen Armee jagten Mussolinis Truppen, die am 28. Oktober über Albanien in ihre Heimat eingefallen waren, aus dem Land. Der deutsche Diktator Adolf Hitler schickte »Hilfe«, und am 6. April 1941 marschierte die Wehrmacht in Griechenland ein. Nach drei Wochen erbitterter Kämpfe erreichte sie die Hauptstadt Athen.

Englische Historiker loben den Kampf der Griechen gegen die Italiener bis heute geradezu überschwenglich. Einig sind sie sich in ihrer Einschätzung, dass die Hellenen die zahlenmäßig und technisch haushoch überlegenen italienischen Divisionen nicht wegen ihrer militärischen Führung, sondern trotz ihres Generals Metaxas zurückschlugen und an der Front sogar die Initiative übernahmen. Der griechische Historiker Leften Stavros Stavrianos beschreibt in seinem Hauptwerk »A Global History« den Kampf als einen »Volkskrieg, der die Züge eines Religionskriegs« getragen habe. Der griechische Soldat habe leidenschaftlich für sein Land und seine Freiheit gekämpft, weil es gegen eine faschistische Armee ging, er habe gespürt, dass sein Einsatz auch ein Schlag gegen die Faschisten im eigenen Land gewesen sei.

Der englische Brigadier Edmund »Eddie« ­Myers, später Kommandant der britischen Militärmission in Südosteuropa, charakterisierte den griechischen Widerstand in seinen 1955 unter dem Titel »Entanglement« erschienen Erinnerungen mit einem Enthusiasmus, den die Briten wenig später verloren: »In diesem Feldzug kämpfte einzig das Volk von Griechenland, und zwar hervorragend, trotz der regulären Armee. Der Wille des Volkes zwang die reguläre Armee zu kämpfen, wenn sie nicht vor Scham das Gesicht verlieren wollte. Das Volk kämpfte und ging sogar zur Offensive über, trotz der (meist royalistischen, H. H.) Berufsoffiziere, die nicht nur nicht kämpfen wollten und unfähig dazu waren, sondern auch den Mut nicht hatten, die Armee gegen die Angreifer zu führen.«

König Georg II., der 1936 Metaxas an die Macht in Athen geputscht hatte, und seine faschistische Ministerriege flohen Ende April 1941 nach Kreta und von dort nach Ägypten. Mit dem Überfall des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion klärten sich für die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE), die auf dem ideologisch schwer verminten Terrain des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts zunächst die Orientierung verloren hatte, die Fronten. Aufatmend verlangte das 6. Plenum des Zentralkomitees Anfang Juli, »schnellstens die Phase der Auflösung, der Verwirrung, des Denunziantentums und der Zersplitterung zurückzulassen und sich neu zu formieren«. »An das griechische Volk, all seine Parteien und Organisationen« erging der Aufruf, sich in einer Nationalen Befreiungsfront zusammenzuschließen, »um die deutsch-italienischen Besatzer aus Griechenland zu vertreiben«.

Breitester Widerstand

Angefeuert von den Kommunisten gründeten die bedeutendsten Gewerkschaften am 16. Juli die Nationale Arbeiterbefreiungsfront Ethniko Ergatiko Apeleftherotiko Metopo (EEAM). Der Historiker Fleischer: »Deren Statut schrieb, außer dem aktiven Einsatz für den täglichen Bedarf und die gewerkschaftlichen Rechte der Arbeiterklasse vor allem die Schaffung einer breitestmöglichen Widerstandsfront fest. Für dieses Ziel zeigte man sich gegenüber fast allen politischen Gruppierungen gesprächsbereit. In den meisten Fällen kam eine kühle Antwort zurück: entweder eines ideologischen Vorbehalts wegen oder weil man jegliche Widerstandsinitiative zumindest für verfrüht oder anderes für prioritär hielt.« Die KKE blieb fest. Sie verlangte eine »ideologisch neutrale« Befreiungsfront, in die alle aufgenommen würden – auch »anständige Royalisten«.

Am 27. September 1941 konstituierte sich die EAM schließlich aus den Kommunisten und drei linken Splittergruppen: Die von Lefteris Apostolou, dem Bevollmächtigten der KKE verfasste Charta unterschrieben die Bauernpartei Griechenlands (Agrotiko Komma Ellados, AKE), die Sozialistische Partei Griechenlands (Sosialistikon Komma Ellados, SKE) und die neu gegründete Union für Volksdemokratie (Enosi Laïkis Dimokratias, ELD).

Ihr Ziel beschrieb die neue Front so: 1. Befreiung der Nation vom Joch ausländischer Mächte und Erlangung vollständiger Souveränität unseres Landes; 2. Bildung einer provisorischen Regierung der EAM unmittelbar nach der Vertreibung der Besatzer mit dem einzigen Auftrag, Wahlen zu einer Nationalversammlung nach dem Verhältniswahlrecht auszuschreiben, damit das Volk sich als Souverän zur Regierungsform äußern kann; 3. Sicherung der Grundrechte des griechischen Volks gegen jeden reaktionären Anschlag.

Es war ein Manifest, das den »britischen Freunden« bereits zu Beginn der »partnerschaftlichen Beziehungen« zwischen dem über weite Strecken von linken politischen Formationen getragenen Widerstand und den Alliierten schwer im Magen lag. Obwohl, wie der Historiker Fleischer betont, »demonstrativ jegliche klassenkämpferisch anmutende Terminologie vermieden wurde«, – was »nicht auf die drei Juniorpartner zurückging, sondern auf die KKE«. Der KKE war daran gelegen, »durch das Zusammenwirken möglichst vieler bürgerlicher Parteien eine breite Akzeptanz für die EAM zu schaffen, wobei in einer späteren Phase der Entwicklung eben diese Parteien unter Umständen abgedrängt werden könnten – keine der angesprochenen politischen Formationen reagierte jedoch auf diese Herausforderung.«

Statt dessen antworteten die bürgerlichen Zirkel mit der Gründung einer eigenen »Front«, die, wie sich bald herausstellte, allerdings nicht so sehr den Widerstand gegen die deutsch-italienischen Besatzer zum Ziel hatte, sondern die Vorbereitung der Nachkriegszeit und die damit verbundene Wiederherstellung und Sicherung der Macht nach altem, oligarchischem Muster. Ihr Mann war der rechtsnationalistische Oberst Napoleon Zervas, ein selbsternannter Vertreter der politischen Bewegung des 1936 im Pariser Exil verstorbenen ehemaligen Ministerpräsidenten und Erfinders der »Megali Idea« – der Idee vom Groß-Griechenland –, Eleftherios Venizelos. Am 9. September 1941 unterzeichneten er und zwei Gesinnungsgenossen die Statute ihres neuen Nationalen Republikanischen Griechischen Verbands (Ethnikos Dimokratikos Ellinikos Syndesmos, EDES), in denen gefordert wurde, »in Griechenland eine republikanische Staatsform sozialistischer Prägung zu schaffen, gleich welchen Ausgang der Krieg hat«, sowie »mit allen Mitteln unmissverständlich den Verrat des ehemaligen Königs Georg II und seiner diktatorischen Clique aufzudecken und deren abscheuliche Verbrechen mit strengen Sanktionen zu belegen«.

Eine Verschleierung der wahren Ziele, nämlich die Rückeroberung der Macht nach dem Krieg – sogar, wenn es denn »geboten« schien, in Zusammenarbeit mit den Besatzern und den streng antikommunistischen, imperialistischen britischen Helfern. Fleischer: »Bemerkenswert an diesem heute fast immer noch unbekannten – und zur späteren Ausrichtung der EDES konträren – Dokument ist die unverhohlen antiroyalistische und ›sozialistische‹ Verve; der Begriff der Résistance hingegen findet nicht einmal Erwähnung. In beiden Punkten wird der kolossale Unterschied zur EAM-Charta deutlich.«

Kooperation mit dem Feind

Während Zervas sich in den Bergen erste Scharmützel mit kleineren italienischen Einheiten lieferte, verwarf man im großen Athener EDES-Quartier »jeden Gedanken an Widerstand gegen die übermächtigen Besatzer als Hirngespinst« (Fleischer). Vielmehr sei es Gebot der Stunde, den doppelten Kampf gegen die Monarchie und den Kommunismus aufzunehmen. Fleischer: »Irgendwann würden die Besatzer ja abziehen, worauf eine Machtübernahme durch Royalisten und/oder Kommunisten drohe, der man zuvorkommen müsse. Dafür war diese Gruppierung im Einvernehmen mit den putscherfahrenen Generälen Theodoros Pangalos und Stylianos Gonatas bereit, notfalls sogar mit dem vergleichsweise kleineren, weil vorübergehenden Übel zu kooperieren – nämlich den Besatzern.«

Damit war nicht nur die »schrittweise Spaltung« der EDES eingeleitet, wie Fleischer feststellt, sondern – noch während die deutschen Besatzer das Land plünderten, ganze Dörfer niederbrannten und ihre Bewohner abschlachteten – die Spaltung des ganzen Volkes, die 1945 in einen blutigen Bürgerkrieg mündete.

Ganz anders formierte sich der Widerstand im linken politischen Lager. Fleischer: »Hervorzuheben ist der hohe Anteil an Studenten, Intellektuellen, Beamten und sogar Geschäftsleuten, meist männlichen Geschlechts«, die in kleinbürgerlichen, nachbarschaftlichen »Widerstandszirkeln« mit der EAM und deren militärischem Arm, der Ethnikos Laïkos Apeleftherotikos Stratos (Nationale Volksbefreiungsarmee, ELAS) zusammenarbeitete. »Der hohe Frauenanteil an der EAM«, schreibt der Historiker, »vor allem bei der von ihr ins Leben gerufenen Eniaia Panelladiki Organosi Neon (Vereinigte Panhellenische Organisation für Jugendliche, EPON) und der Ethniki Allilengi (Nationale Solidarität, EA) war im bürgerlichen Spektrum nicht anzutreffen. Sonderfälle waren allerdings das von Lela Karagianni koordinierte »bemerkensert effiziente Spionagenetzwerk ›Bouboulina‹ oder die Frauenorganisation ›Spitha‹ (Funke)«.

Einen anderen, ungeheuer wichtigen Aspekt des von der EAM organisierten Widerstands erwähnen die meisten Historiker gar nicht oder nur am Rande: Der Kampf gegen die Besatzer und insbesondere die SS-Einheiten bot den Griechen jüdischen Glaubens Schutz und Solidarität, die sie, etwa in der großen, jüdisch geprägten Hafenstadt Thessaloniki nicht hatten. In einem Gespräch mit dem Autor beschrieb die Pariser Historikerin Henriette Asséo im Oktober 2007, wie ihre Familie im Widerstand überlebte: »Die Intellektuellen in der Familie, und nicht nur die, waren Kommunisten. Mein Vater war schon vor Ausbruch des Krieges nach Frankreich gegangen, nach Paris. Er wollte dieser Atmosphäre entfliehen, die der griechische Faschismus auch nach Saloniki gebracht hatte, er wollte nicht ersticken. Er wollte Politik machen; in seinem Freundeskreis bewegten sich Männer wie Palmiro Togliatti. Mein Onkel war Mitglied der jüdisch-griechischen Partisanengruppe, die gegen die Deutschen kämpfte. Er hatte Glück, denn als seine Gruppe gefasst wurde, hatte er sie gerade verlassen, um seine Mutter zu besuchen.«

Massaker auf dem Syntagmaplatz

Als die Wehrmacht 1944 begann, sich aus Griechenland in Richtung Norden zurückzuziehen, weil inzwischen nicht mehr erobert, sondern die »Heimat verteidigt« wurde, war den Griechen nur vage bewusst, wieviel schlimmere Tage ihnen noch bevorstanden. Die Besatzer hatten längst begonnen, mit den Führern des reaktionären griechischen Lagers zusammenzuarbeiten, an der Spitze Napoleon Zervas. Waffenruhen wurden ausgehandelt und von den »britischen Freunden« offenbar geduldet; der Weltkriegsheld Winston Churchill begann darüber nachzudenken, ob er den Griechen und ihren kommunistischen »Andarten« (Widerstandskämpfer, H. H.), der EAM und der ELAS also, noch trauen durfte. Es gab, wie Hagen Fleischer vermutet, »eine unausgesprochene Koinzidenz britischer und deutscher Interessen angesichts des gemeinsamen, aber nicht koordinierten Ziels, den sowjetischen Vormarsch zu den warmen Meeren zu stoppen. Denn eben diese Eventualität beunruhigte Churchill in jener Phase weit stärker als die längst abgeschriebene Wehrmacht.« In der Tat notierte der Leibarzt des Lords in sein Tagebuch: »Winston spricht in diesen Tagen niemals von Hitler. Er reitet ständig auf den Gefahren des Kommunismus herum. Er träumt von der Roten Armee, die gleich einem Krebsgeschwür von Land zu Land metastasiert.«

Am 2. November 1944 überquerte der letzte deutsche Festlandverband »geordnet« die griechische Nordgrenze, um die Front in Jugoslawien zu verstärken. Einen Monat später, am 3. Dezember 1944, wurde ein unbewaffneter Demonstrationszug der Befreiungsfront EAM auf dem Syntagmaplatz von griechischen Polizeikräften, Soldaten und Panzern der britischen Armee zusammengeschossen, auf dem Pflaster blieben mehr als 20 Tote und Hunderte Verletzte. Die Briten wollten, kurz gesagt, die Kommunisten, die den erfolgreichen Widerstand gegen die Wehrmacht und die SS organisiert und geleitet hatten, endlich loswerden, die EAM und deren bewaffneten Arm ELAS ausschalten. Dem Massaker in Athen folgte die Eskalation – gewalttätige, blutige Auseinandersetzungen zwischen den Verbänden der ELAS und den von britischer Seite unterstützen »Sicherheitsbataillonen« der reaktionären griechischen Partner.

Während die Führung der EAM den Konflikt – den bevorstehenden Bürgerkrieg – zu vermeiden suchte, war Churchills militärischer Befehlshaber in Athen, General Ronald MacKenzie Scobie, in keiner Phase der Auseinandersetzungen zum Nachgeben bereit. Als Churchill über die Tragödie vom 3. Dezember unterrichtet wurde, reagierte er auf »charakteristische Weise«, wie der Mannheimer Historiker Heinz A. Richter in seinem Buch »Griechenland zwischen Revolution und Konterrevolution (1936–1946)« anmerkt: »Als ich erfuhr, dass die Kommunisten schon fast alle Polizeistationen Athens eingenommen hatten (die ELAS hatte einige von faschistischen Kampfverbänden kontrollierte Stationen an der Peripherie der Hauptstadt angegriffen, H. H.), befahl ich General Scobie und seinen fünftausend Mann zu intervenieren und auf die gefährlichen Aggressoren zu schießen. Es hat keinen Wert, in solchen Angelegenheiten halbe Sachen zu machen. Die Gewalt des Pöbels, mit deren Hilfe die Kommunisten die Stadt erobern und sich als die von den Griechen gewünschte Regierung präsentieren wollen, konnte nur mit Feuerwaffen beantwortet werden.«

Die EAM verlangte die Bildung einer interalliierten Kommission, in der die Situation analysiert und Vorschläge für eine friedliche Lösung des Konflikts ausgearbeitet werden sollten. Am 7. Dezember veröffentlichte die EAM einen »Appell«, in dem sie die Einzelheiten der britischen Intervention beschrieb – unter anderem auch die Unterstützung der Briten für die faschistischen »Tagmata Asphalias«, die berüchtigten »Sicherheitsbataillone«, und den Einsatz der Gendarmerie gegen die ELAS – eine schwere Verletzung der kurz zuvor in Teheran und im italienischen Cazerta von Großbritannien, der griechischen Exilregierung (der britischen Marionette Georgios Papandreou, Vater des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten der 1980er Jahre, Andreas Papandreou) und der EAM unterzeichneten Vereinbarung zur friedlichen Koexistenz.

Der Oberkommandierende der EAM/ELAS, General Stefanos Safaris, erinnerte Scobie daran, dass erst »die eindeutige Bevorzugung der griechischen Rechten« Gewalt und Terror hervorgerufen hatte: »Der Kampf, der jetzt geführt wird, ist kein Kampf von Anarchisten, sondern ein Kampf freier Menschen, die ihre Freiheit und Unabhängigkeit erstreben. Die britische Regierung möchte offensichtlich einem Volk, das seit acht Jahren gegen den Faschismus und gegen die Okkupation kämpft, eine Staatsführung aufzwingen, die nicht das Vertrauen des Volkes besitzt. (…) Auf Wunsch dieser Staatsführung (Papandreou, H. H.) greifen sie das griechische Volk und sein Heer an, die ihnen so viel geholfen haben. Gleichzeitig ist die britische Regierung im Begriff, Griechenland zu erobern und zu besetzen, wobei sie an die Stelle der Deutschen tritt und das Volk ähnlich wie diese behandelt.«

Kapitulation

Dem bis heute fortbestehenden Mythos von der kommunistischen Revolution, der dem rechten politischen Lager wie auch Churchill damals die Rechtfertigung für ihre blutigen Einsätze und Aktionen gegen die Linke lieferte, begegnete die Nationale Befreiungsfront mit eindeutigen Stellungnahmen: »Das Zentralkomitee der EAM erklärt, dass es nicht die Macht ergreifen will. Es will keinen ›Coup d’État‹ irgendeiner Art. Es fordert keine einseitige Regierung der Linken.« Am 12. Februar 1945, nach zwei Monaten Verhandlung, während in Athen und anderen griechischen Städten Straßenschlachten tobten und sich die Griechen unter den Augen der »Befreier« gegenseitig massakrierten, unterzeichneten die gegnerischen Lager den »Frieden von Varkiza«, einem (damals) feinen Vorort im Südosten von Athen. Die ELAS-Kämpfer gaben ihre Waffen ab, die EAM kapitulierte.

Nur der militärische Führer der nordwestlichen ELAS-Verbände ließ sich nicht unterwerfen. Aris Velouchiotis, der bis heute als Held des linken Widerstands gegen die Besatzer verehrte Partisan, zog sich mit seinen Leuten in die Berge des Pindos zurück. Er starb im Juni 1945, ob von eigener Hand oder im Kampf, wurde nie geklärt. Rechte Banditen fanden seine Leiche, schnitten ihr den Kopf ab und stellten ihn in Trikala (Thessalien) öffentlich zur Schau.

Im Februar 1947 verließ der Großteil der britischen Besatzungstruppen, denn um solche handelte es sich, das Land. An ihre Stelle traten die US-Amerikaner. Die griechische Linke verschwand in den von den USA finanzierten Konzentrationslagern auf den Kykladeninseln Anafi und Iaros, auf dem winzigen Eiland Gavdos südlich von Kreta, auf Leros im Ionischen Meer und auf Makronissos am Kap Sounion, dem schlimmsten von allen.

Zehn Jahre später übernahm eine Militärdiktatur das von den Amerikanern und der griechischen Rechten vorbereitete Terrain. Der Historiker Richter: »Wieder, wie vor dem Krieg, waren der Hof, die Armee und die Rechtsparteien die Handlanger des ›ausländischen Faktors‹ (…) Äußerlich erhielt das Land einen trügerischen Anstrich von Demokratie. Dieser wurde so lange toleriert, als es niemand wagte, an der bestehenden Struktur (…) zu rütteln. Als Mitte der sechziger Jahre (…) Aussicht auf Demokratisierung im Inneren und auf größere außenpolitische Unabhängigkeit bestand, gestattete die Schutzmacht, wie im August 1936, am 21. April 1967, dass einige bornierte Vertreter der Armee (…) ein faschistisches Regime errichteten. Wieder waren, wie 1936, die bürgerlichen Parteioligarchien paralysiert und wieder, wie 1936, formte sich die neue Résistance um die demokratische Linke.«

Hansgeorg Hermann schrieb an dieser Stelle zuletzt am 27. Juli 2020 über Korruption in Frankreich.

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