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Aus: Ausgabe vom 27.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
Schlager

»Ihr lungert herum in Parks und in Gassen«

So fern das Heimatland: Freddy Quinn wird 90
Von Thomas Behlert
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»Wahllos schlägt das Schicksal zu / Heute ich und morgen du« – Freddy Quinn hört die Krähen schreien

Nach dem Krieg wollte man in der BRD ganz schnell vergessen, was die Deutschen an Leid über die Welt gebracht hatten. Man ging ins Kino und sah sich »Schwarzwaldmädel« (1950) an, den erfolgreichsten westdeutschen Film der 50er Jahre. Gleichzeitig entstand das Genre des sentimentalen Heimatschlagers. Vorn dabei: Peter ­Alexander, Caterina Valente und der am 27. September 1931 in Wien geborene Franz Eugen Helmuth Manfred Nidl, der bald schon Freddy Quinn heißen sollte.

Zunächst aber wanderte Freddy mit seinem Vater in die USA aus, 1934 war das. Vier Jahre später, nach einem Sorgerechtsprozess, kehrte er zur Mutter nach Wien zurück. Die Schule brach er vorzeitig ab, um als Musiker mit einem Wanderzirkus zu tingeln, anschließend fuhr er als Schiffsjunge zur See. In Rom spielte er in einer Kneipe Klavier für US-Soldaten. Nach seiner Grundausbildung bei der Fremdenlegion zog es Freddy nach Deutschland. Hier arbeitete er ab 1954 bei dem Plattenlabel Polydor, zwei Jahre später nahm er seine erste Single »Sie hieß Mary Ann« auf. Mehr Erfolg hatte die B-Seite »Heimweh«, die ehemaligen Nazisoldaten das Herz öffnete: »Brennend heißer Wüstensand / fern, so fern das Heimatland.«

Die Single wurde im Bayerischen Rundfunk zur »Schnulze des Jahres« gekürt und demonstrativ zerbrochen. Das Publikum war empört, der Heimatschlager hatte einen waschechten Skandal. Freddy Quinns Siegeszug durch die heile Welt der Hitparaden begann. Rasch entwickelte er sich zum Heilsbringer jener Generation, die Krieg, Flucht und Vertreibung miterlebt hatte – ein Heimatloser, Suchender, genau wie sie! Stücke wie »Heimatlos«, »Ich bin bald wieder hier«, »Unter fremden Sternen«, »Der Legionär«, »Hundert Mann und ein Befehl« erzählen davon.

Anfang der 1960er Jahre rutschte die Heimatmelodie in den Hintergrund, der (in Deutschland zunächst sehr weichgespülte) Rock ’n’ Roll erstarkte, vergnügt wurde der »Wilde Westen« besungen. Freddy verpasste dummerweise den Anschluss, entwickelte sich musikalisch nicht weiter, sang immer noch mit seinem ollen Bariton, das notorische Schifferklavier vor der Brust. Dazu Gitarrengeplänkel und raunende Chöre. 1963 wurde das absolut unzeitgemäße »Junge, komm bald wieder« an die Spitze der Bravo-Jahreshitparade gewählt, gleichsam markierte es das Ende von Freddy Quinns Erfolg. Die »Beatlemania« grassierte auch in Westdeutschland, der aufmüpfige Nachwuchs ließ sich frech die Haare wachsen. Ein letztes Mal griff Freddy ein: »Ihr lungert herum in Parks und in Gassen / Wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen? Wir.« (»Wir«, 1966).

1981 erhielt der Wahl-Hamburger die etwas seltsame Auszeichnung »Ehrenschleusenwärter«. 2004 wurde er wegen Steuerhinterziehung verurteilt, 900.000 Euro hatte er am Fiskus vorbei geschleust. An diesem Montag wird Freddy Quinn 90 Jahre alt. 60 Millionen Tonträger hat er verkauft, zehn Nummer-eins-Hits gehabt. Darauf ein Heimatbier.

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  • Leserbrief von Doris Schlüter (28. September 2021 um 20:47 Uhr)
    Ich finde den Artikel über Freddy Quinn einfach nur mies. Wie kann man nur so hasserfüllt sein. Nur das Negative raussuchen. Freddy ist ein Großer des Showgeschäftes, vor allem sind seine Texte zu verstehen, damit meine ich: nicht genuschelt, und die Musik ist von der Hand gemacht, selten Playback in Shows usw. Das er die verlogenen Medien nicht mehr ertragen konnte, ist wohl ein Grund für seinen Rückzug. Ich gönne ihm seinen Ruhestand und gratuliere herzlich zum 90. Geburtstag.
    D. Schlüter, eine sonst treue Leserin

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