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Aus: Ausgabe vom 27.09.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

In anderer Landschaft

Zwei neue Gedichtbände von Michael Mäde-Murray sezieren den Zynismus der real existierenden Kapitalherrschaft
Von Arnold Schölzel
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»Ein Mops kotzt / an die Fassade des Centrum Warenhauses. / Das hat den nächsten Käufer / freilich schon gefunden« (Michael Mäde-Murray, »4. November 1990«)

Ein Jahr nach der Werkausgabe seiner Gedichte unter dem Titel »100« legt Michael Mäde – nun unter dem Namen Michael Mäde-Murray – zwei weitere Bücher vor: »Grenzlagen. Texte aus der Zwischenzeit« und »Higgs Field. Texte zur Kunst«. Der letztere Titel bezieht sich nicht auf Elementarteilchenphysik, sondern auf eine gleichnamige Skulptur des Bildhauers Alexander Polzin, die hier in drei Versionen aus Glas und Bronze abgebildet wird. Sie zeigt die einander zugewandten Köpfe zweier Figuren, offenbar einer männlichen und einer weiblichen, deren Rümpfe verschmelzen. Mäde-Murray deutet das Werk vielfältig, immer neu Anlauf nehmend, schließlich an einer Stelle so: »Und immer hoffen dürfen, / Sich zu begegnen / In anderer Landschaft / Und neuer Gestalt.« Die Anstrengung, das Kunstwerk zu fassen, antizipiert Hoffnung.

Der Band, der in schöner Klappbroschur gebunden und auf hochwertigem Papier gedruckt wurde, enthält neben Texten, die den Dichtern Jakob Reinhold Michael Lenz und Christoph Meckel gewidmet sind, »Fragmente zur Anatomie des Elends«. Es handelt sich um Gedichte zu Arbeiten der Malerin Heike Ruschmeyer, von denen drei hier ebenfalls reproduziert sind, darunter »Zimmer mit Aussicht« aus dem Jahr 2013. Mäde-Murray schreibt dazu: »Das Elend ist zurück / längst auch in diesen Breiten, / und breitet sich aus wie ein Geschwür. / Die Verwahrlosung, / siehst du, marschiert / dem Tod immer voraus.« »Elend«, »Verwahrlosung« und »Tod« des Autors sind offenkundig sowohl wörtlich als auch figurativ gemeint. Dennoch heißt es im letzten Gedicht des Bandes: »Und doch bleibt da / das Ding mit der Freundlichkeit und dem Künstler, / der auch nur ein Mensch ist. / Ein dialektisches Verhältnis, / jeden Tag / auf Messers Schneide / auf der Straße und im Atelier. / Arbeiten, am Leben bleiben: / So sehen unsere Siege / heute aus.«

Bilder von Herbst- und Wintertagen stehen im ersten Band für Zeitdiagnosen, aber auch für sehr persönliche Verse voller Zorn und Resignation (der Autor bezieht auch seine Krebserkrankung ein), aber auch Aufbäumen. Das bewirkt schon der politische Bezug vieler Texte, manchmal nebenbei, stets aber mit höchster Genauigkeit. Es wird gekämpft, wenn auch schwach, wenn auch im sozialen Frost, wenn auch im »Morast des Pragmatismus« der Genossen: »Das Elend der Klasse / Erst aus den Augen / dann aus dem Sinn.« Zur virtuellen Eröffnung des Humboldt-Forums in Berlin am 18. Dezember 2020 ist hier z. B. zu lesen: »Die Namenspatronen / müssen schweigen.« Das »alte Preußen« lungere »in jeder zugigen Ecke / dieses großzügig bemessenen / Autohauses.« Viel Platz »für das Diebesgut / von Generationen / kolonialer Kleptomanen.« Dazu passend auf der nächsten Seite eine Erinnerung an die »Erste Mauerpassage Dezember 1989«. Die Heilsarmee gibt auf Westberliner Seite Tee und Decken aus: »Später erst ging mir auf, / wie vorausschauend / man uns / als zukünftige Empfänger / von Almosen / behandelte.«

Michael Mäde-Murray seziert den Zynismus der real existierenden Kapitalherrschaft, ohne deren geistige und ästhetische Ödnis hinzunehmen. Was »wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden« (Karl Marx) lastet, ist in diesen beiden Bänden nicht nur beobachtet. Sie machen Lust auf Auseinandersetzung und – heute kaum vorstellbar – auf Überwindung der »Zwischenzeit«. Ein großes Verdienst in dunklen Zeiten.

Michael Mäde-Murray: Grenzlagen. Texte aus der Zwischenzeit. Books on Demand, Norderstedt 2021, 72 Seiten, 9,90 Euro

Michael Mäde-Murray: Higgs Field. Berlin 2021, 72 Seiten. Limitierte Erstauflage in 250 Exemplaren. Gestaltung und Satz: Andreas Wessel

Doppelbuchpremiere am 30.9.2021, 19 Uhr, jW-Ladengalerie, 5 Euro, ermäßigt 3 Euro, Anmeldungen unter ladengalerie@jungewelt.de oder telefonisch: 030/53 63 55 37

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