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Aus: Ausgabe vom 27.09.2021, Seite 4 / Inland
Krise in der katholischen Kirche

Auszeit für Woelki

Krise in der katholischen Kirche: Papst Franziskus belässt Kölner Erzbischof im Amt
Von Bernhard Krebs
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Beim Blick auf das Krisenmanagement in der katholischen Kirche kann man sich nur verwundert die Augen reiben

Trotz wiederholter Skandale und Massenaustritten aus der Kirche – der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki bleibt im Amt. Die Kernbotschaft eines am Freitag von der Apostolischen Nuntiatur in Berlin veröffentlichten päpstlichen Schreibens zu seiner Causa lautet: »Der Heilige Vater zählt auf Kardinal Woelki, er anerkennt seine Treue zum Heiligen Stuhl und seine Sorge um die Einheit der Kirche«. Damit aber nicht der Eindruck eines »Weiter so« entsteht, entsprach Papst Franziskus der Bitte des Kardinals um eine »geistliche Auszeit« bis zum Beginn der kommenden Fastenzeit Anfang März. Es sei »offenkundig, dass Erzbischof und Erzbistum einer Zeit des Innehaltens, der Erneuerung und der Versöhnung bedürfen«. Woelki, der sich nach Bekanntgabe der Entscheidung auch gleich in sein »Sabbatical« verabschiedete, wird während seiner Abwesenheit vom Kölner Weihbischof Rolf Steinhäuser als Apostolischer Administrator vertreten.

Der Kardinal wird in der päpstlichen Mitteilung gegen Vertuschungsvorwürfe in Zusammenhang mit der Aufarbeitung von durch Priester verübter sexualisierter Gewalt in Schutz genommen. Auch die von Woelki wegen begangener Pflichtverletzungen beurlaubten Weihbischöfe Dominikus Schwaderlapp und Ansgar Puff dürfen weiter im Amt bleiben. Den beiden Bischöfen seien zwar Mängel in der Behandlung von Verfahren anzulasten, »nicht aber die Intention, Missbrauch zu vertuschen oder Betroffene zu ignorieren«, heißt es in der Mitteilung. Grundlage für die Entscheidung sei ein Untersuchungsbericht zweier päpstlicher Visitatoren, die im Mai eine Woche lang die Vorgänge im Erzbistum geprüft hatten.

In Sachen Krisenbewältigung stellt Papst Franziskus dem Oberhirten des größten deutschen Bistums freilich eine miserable Zensur aus. Woelki habe »in der Herangehensweise an die Frage der Aufarbeitung insgesamt, vor allem auf der Ebene der Kommunikation, auch große Fehler gemacht«. Das habe »wesentlich dazu beigetragen, dass es im Erzbistum zu einer Vertrauenskrise gekommen ist, die viele Gläubige verstört«. Der Erzbischof hatte ein zunächst für März 2020 angekündigtes Gutachten zum Umgang der Kölner Bistumsleitung mit Vorwürfen zu sexualisierter Gewalt durch Priester unter Verschluss gehalten. Damit hatte er eine beispiellose Austrittswelle von Gläubigen in der Erzdiözese ausgelöst. Ein zweites, von Woelki in Auftrag gegebenes Gutachten, hatte vergangenen März Hunderte Pflichtverletzungen festgestellt, Woelki aber einen Persilschein ausgestellt.

Dass sich mit der päpstlichen Entscheidung die Vertrauenskrise eindämmen und die Austrittswelle brechen lässt, muss bezweifelt werden. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, zeigte sich skeptisch. Einerseits treffe zu, was der Papst zum Aufarbeitungswillen des Kardinals gesagt habe, »andererseits lässt es angesichts der entstandenen Lage viele Betroffene ratlos und verletzt zurück«, zitierte dpa den Limburger Bischof am Freitag. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, sagte, dass er die vatikanische Entscheidung »nicht verstehen« könne. »Das Instrument einer Auszeit ist nicht genug. Es ist völlig unklar, was am Ende einer solchen Auszeit stehen kann, und sie ist nicht geeignet, um verlorengegangenes Vertrauen wiederherzustellen«. Lisa Kötter, eine der Initiatorinnen von »Maria 2.0«, einer von Frauen getragenen Erneuerungsbewegung in der Kirche, spottete am Sonnabend auf Nachfrage von junge Welt: »Die hohen Herren scheinen ein Gnadenabo in Rom zu haben.« Die päpstliche Entscheidung lasse sich nur vor dem Hintergrund verstehen, dass »Kleriker hierzulande gefragte Fachleute« seien und niemand für ihre Posten »Schlange« stehe.

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