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Aus: Ausgabe vom 27.09.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Bewaffneter Konflikt in Kolumbien

»Frieden muss die ganze Gesellschaft einbeziehen«

Zur Lage ehemaliger FARC-Kämpfer in Kolumbien fünf Jahre nach dem Abkommen. Gespräch mit Benedicto González Montenegro
Von Julieta Daza
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Ehemalige FARC-Kämpfer fordern von der Regierung regelmäßig die Einhaltung eingegangener Verpflichtungen (Bogotá, 1.11.2020)

Fünf Jahre sind seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen der damaligen Regierung Kolumbiens und der linken Guerillaorganisation FARC-EP vergangen. Wie ist die Lage der ehemaligen Kämpfer heute?

Fünf Jahre nach der Unterzeichnung des Abkommens muss bilanziert werden, dass wir uns inmitten einer schweren Krise befinden. Grund dafür ist, dass sich die politische Elite und der kolumbianische Staat nicht an die eingegangenen Verpflichtungen halten. Dementsprechend ist die Lage für frühere FARC-Kämpfer, also die Unterzeichner des Friedensvertrags, dramatisch. Die Wiedereingliederung in das zivile Leben, die sowohl auf sozioökonomischer als auch auf politischer Ebene erfolgen muss, kann nur dann Erfolg haben, wenn das Abkommen ganzheitlich umgesetzt wird.

Können Sie das näher erläutern?

In Ituango im Departamento Antioquia und in El Diamante im Departamento Meta wurden Exguerilleros von Mitgliedern bewaffneter Gruppen dazu gezwungen, das jeweilige Gebiet zu verlassen. Dort hatten sie Projekte aufgebaut, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdienten. Solange die Zerschlagung paramilitärischer Gruppen, die im dritten Punkt des Friedensvertrages festgeschrieben ist, nicht umgesetzt wird, ist eine erfolgreiche Wiedereingliederung der Exguerilleros in das zivile Leben illusorisch. Der Staat hält sich nicht an das Abkommen.

Wie organisieren Sie sich als ehemalige FARC-Kämpfer, um Druck auszuüben?

Im Mai 2017 wurde die letzte Zählung der in den Strukturen der FARC-EP Aktiven durchgeführt: der bewaffneten Guerilla, der bolivarischen Milizen, der klandestinen Partei und der bolivarischen Bewegung. Laut dieser Zählung hatte die gesamte FARC-Bewegung 20.000 Mitglieder. Als das Friedensabkommen geschlossen wurde, wurden einige nicht mit in die offiziellen Listen aufgenommen, unter anderem, weil sie keine Papiere besaßen. Letztlich sind wir etwa 13.500 gewesen, die das Abkommen unterzeichnet haben. Etwa 50 Prozent davon sind nie der aus dem Friedensvertrag entstandenen Partei – damals unter dem Namen FARC, heute Comunes – beigetreten. Manche hatten kein Vertrauen, andere kein Interesse, wieder anderen war nicht klar, was da aufgebaut werden sollte. Im Laufe der letzten fünf Jahre ist mehr als die Hälfte der ursprünglichen Parteigründer entweder auf Distanz gegangen oder aber nach und nach hinausgedrängt worden.

Das heißt: Auch die Partei befindet sich in einer Krise – bezüglich ihrer Mitgliederzahl, des eigenen Programms und ihres historischen Erbes. Sie hat den Anspruch aufgegeben, von einem antiimperialistischen Standpunkt aus und mit dem Ziel Sozialismus für die Interessen des kolumbianischen Volkes zu kämpfen. Das Ergebnis ist, dass sie heute nicht die Mehrzahl der früheren FARC-Mitglieder vertritt.

Was bedeutet das für Sie als Exguerillero?

Ein Großteil der Unterzeichner des Friedensabkommens sucht nach alternativen Möglichkeiten der Organisierung. Einige haben Genossenschaften gegründet, andere Vereine. An einem kürzlich durchgeführten Treffen in Neiva, der Hauptstadt des Departamento Huila, haben über 40 verschiedene Organisationen ehemaliger FARC-Kämpfer teilgenommen. Dabei wurde deutlich, dass wir eine eigenständige Struktur brauchen, die mit den staatlichen Institutionen über Fragen der Wiedereingliederung in das zivile Leben verhandeln kann.

Im April gingen in Kolumbien Hunderttausende gegen die Regierung auf die Straße, die Proteste halten bis heute an. In welcher Beziehung steht diese Bewegung zum Friedensabkommen?

Die Unzufriedenheit und Empörung bei den Kolumbianern können nicht als vom Friedensprozess losgelöst betrachtet werden. Die Proteste sind gewissermaßen eine Folge davon, dass der Staat das Abkommen missachtet. Doch die jungen Leute fordern nicht nur die Umsetzung des Friedensvertrages, sie kämpfen auch für anderes – unter anderem für Dinge, über die der Staat im Rahmen der Friedensverhandlungen nicht sprechen wollte, beispielsweise Ernährungssouveränität, die Bergbau- und Energiepolitik, sowie den Charakter, die Doktrin und den Etat der Streitkräfte.

Im kommenden Jahr soll in Kolumbien ein neuer Präsident gewählt werden. Haben Sie Hoffnung, dass ein neues Staatsoberhaupt den Friedensvertrag umsetzen wird?

Das wäre zu hoffen. Kritik übende Personen werden heute mit Repression überzogen – ganz in der Tradition der kolumbianischen Oligarchie, die schon immer auf die physische Eliminierung des politischen Gegners gesetzt hat. Allerdings geht es nicht nur darum, die Wahlen zu gewinnen. Veränderung muss zusammen mit sozialen Bewegungen erkämpft werden. Frieden ist nicht allein Ergebnis eines Paktes zwischen Gegnern, sondern muss die gesamte Gesellschaft einbeziehen.

Benedicto González Montenegro hat als Exguerillero das Friedensabkommen unterzeichnet und ist heute Mitglied der »Mesa Autónoma de Reincorporación«, einer Struktur, die für einen selbstbestimmten Wiedereingliederungsprozess früherer FARC-Kämpfer in das zivile Leben eintritt

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