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Aus: Ausgabe vom 24.09.2021, Seite 15 / Feminismus
Patriarchale Gewalt

Die Gefahr wächst

Immer mehr Morde an Frauen durch Männer in Österreich. Feministinnen gehen auf die Straße, Rechte versuchen Femizide zu instrumentalisieren
Von Christian Bunke, Wien
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Protestaktion gegen Susanne Raab, ÖVP-Ministerin für Frauen und Gleichstellung, am 2. Mai 2021 auf dem Ballhausplatz in Wien

Nahezu jede Woche gehen in Wien Hunderte Feministinnen auf die Straße. Der Anlass ist jedesmal ein weiterer Mord an einer Frau in Österreich, in der Regel begangen durch einen Expartner, Lebensgefährten oder Ehemann – sogenannte Femizide. Am 13. September wurden bereits die 20. und die 21. Frau in diesem Jahr umgebracht, drei Tage später rief die Bewegung gegen Femizide erneut zum Protest.

Opfer der tödlichen Gewalt dieses Mal: Fadumo Hirsi, eine Vorkämpferin für Flüchtlings- und Frauenrechte sowie gegen Genitalverstümmelung aus der somalischen Community in Wien, und ihre Freundin Shugri Ahmed. Hirsi wollte Ahmed an diesem Nachmittag vor ihrem gewalttätigen ehemaligen Ehemann schützen, was beide Frauen mit dem Leben bezahlten.

In keinem anderen europäischen Land werden so viele Frauen durch Männer umgebracht wie in Österreich. Und die Tendenz ist steigend. Das geht aus einer Erhebung der »Autonomen Österreichischen Frauenhäuser« (AÖF) hervor, die sich ihrerseits auf österreichische Kriminalstatistiken beziehen. Wurden 2015 insgesamt 17 Femizide registriert, waren es 2017 schon 36. Im Jahr 2018 gab es den bisherigen Höchststand mit 41 Femiziden. Im vergangenen Jahr wurden 31 Fälle verzeichnet. Durchschnittlich werden in der Alpenrepublik also jeden Monat zwei bis drei Frauen von Männern getötet.

Die Morde sind dabei nur die Spitze eines sehr großen Eisberges. Für das Jahr 2021 liegen den AÖF schon Medienberichte über 38 dokumentierte mutmaßliche Mordversuche beziehungsweise schwere Gewalt durch ehemalige Partner oder Familienmitglieder oder durch Personen mit einem nahen Verhältnis zum Opfer vor. Im Vorjahr hat die Polizei landesweit 11.495 gegen Männer verhängt. 20.587 Opfer familiärer Gewalt wurden von Gewaltschutzzentren und Interventionsstellen betreut. 81,5 Prozent der Hilfesuchenden waren Frauen und Mädchen, 91 Prozent der Gefährder männlich. Im selben Jahr stieg die Zahl der Anrufe bei der österreichischen Frauenhelpline drastisch an, 71 Prozent mehr waren es von März bis Juni 2020 im Vergleich zum Vorjahr.

Die Frauenmorde werden in allen sozialen Schichten, im ländlichen Raum und in der Großstadt, unter migrantischen oder in Österreich aufgewachsenen Menschen begangen. Patriarchale Strukturen und dazugehöriges Gedankengut sind in der österreichischen Gesellschaft tief verankert. Das konservative politische Christentum katholischer Prägung hat mit der ÖVP eine Partei, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs fast ununterbrochen in der Bundesregierung sitzt. Ihre Verbindungen in die männerbündischen Strukturen des studentischen Kartellverbands und die militante Szene der Abtreibungsgegner sind schon lange bekannt. Bis heute reicht der Einfluss der ÖVP-dominierten Priesterkaste vor allem im ländlichen Raum tief in die Alltagsentscheidungen dort lebender Familien hinein. Der ausreichenden Finanzierung von Gewaltschutzprogrammen und Frauenhäusern schiebt die ÖVP regelmäßig einen Riegel vor.

Auf die wachsende Zahl von Morden an Frauen reagieren das politische Establishment und die Medienszene Österreichs mit Hilflosigkeit, Sexismus und Rassismus. Wird ein Femizid von einem in Österreich aufgewachsenen und sozialisierten Mann begangen, ist die Rede oft von »Beziehungstaten«, »Familien-« oder »Liebesdramen«. Nicht umsonst ist ein zentraler Demoslogan der unter dem Motto »Keine einzige weniger« (aus dem Spanischen »Ni una menos«) stehenden feministischen Demonstrationen: »Mann tötet nicht aus Liebe.«

Kommen die Täter hingegen aus dem Ausland, wird dies als Beleg für den angeblichen Import patriarchaler Verhaltensweisen nach Österreich dargestellt. So beispielsweise im Fall afghanischer Geflüchteter, die im Juni mutmaßlich ein 13jähriges Mädchen umgebracht haben. Die österreichische Bundesregierung nutzt diesen Mord bis heute, um einen Aufnahmestopp für Flüchtlinge aus Afghanistan umzusetzen. Das ist einfacher, als vor der eigenen Haustür zu kehren.

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