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Aus: Ausgabe vom 22.09.2021, Seite 16 / Sport
Fußball

Kuhwiese und Dixi-Klos

Abgestiegene Traditionsklubs haben es nicht leicht, zeigen die Fußballvereine aus Koblenz und Trier
Von Maurice Lötzsch
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Ob die Fans aus Koblenz bei ihrer Reise nach Trier auch das Karl-Marx-Haus besucht haben?

Es ist allseits bekannt, dass sich gestrauchelte Traditionsvereine in den unteren Klassen nur schwer zurechtfinden. Sei es wegen der immer geringeren TV-Einnahmen, des Wechselns des kompletten Spielerpersonals oder, wie in Fällen ehemaliger Bundesligisten, einer überzogenen Erwartungshaltung: Es wäre »an der Zeit, diese Schweineliga zu verlassen«, forderte etwa die Fanszene des Traditionsklubs Rot-Weiss Essen vor mehreren Jahren auf Plakaten – bis heute kämpft der um den Aufstieg. Genauso haben Fanszenen in den unteren Ligen teilweise mit unwürdigen Bedingungen zu tun. Wer es sich heute noch in einem komfortablen Gästeblock der ersten bis dritten Liga gemütlich machen kann, könnte sich bald auf einer besseren Kuhwiese mit Bauzäunen und Dixi-Toiletten wiederfinden.

So ist die Situation zweier Fanszenen aus Rheinland-Pfalz. Die ehemaligen Zweitligisten TuS Koblenz und Eintracht Trier sind mittlerweile in der Fünftklassigkeit angekommen. Was liegt da näher als das Duell der beiden Ligaprimi als Spiel des Jahres zu betrachten. Auf beiden Seiten gefüllte Kurven in einem Stadion, welches den Namen auch verdient, statt der üblichen einseitigen Kurvenshows vor von Weinschorle erheitertem Publikum auf Dorfsportplätzen von Waldalgesheim bis Emmelshausen.

Nachmacher aus Koblenz

Dass die Ultras dabei aufeinander losgehen würden, sei kaum zu verhindern, wurde derweil Christian Krey, Präsident der TuS Koblenz, zitiert. Doch was war passiert? Die Posse begann mit einem Ausflug der Trierer Fanszene ans Deutsche Eck am Samstag vor dem Spiel. In geselliger Runde tranken die Touristen in den sonst von der Heimszene frequentierten Kneipen ein gemütliches Bier und setzten den ersten Nadelstich vor dem Derby, welches am Sonntag mittag mit 2:0 für die Gäste aus Trier enden sollte. Spannend wurde es im Nachgang, als nach Abpfiff eine Reisegruppe Koblenzer nach Trier fuhr, um sich für den ungebetenen Besuch zu revanchieren. Die »Schängel« taten es ihren Widersachern gleich und besuchten eine Kneipe in der ältesten Stadt Deutschlands. Im Zuge dessen kam es zu Auseinandersetzungen zwischen beiden Fanlagern im Schatten der Porta Nigra.

Was folgte, war ein großer Aufruhr in den Lokalmedien – mit drastischen Konsequenzen. Der Rheinländische Fußballverband setzte das nächste Auswärtsspiel der Trierer in Engers aus fadenscheinigen Gründen ab. Das Problem mit den David-gegen-Goliath-Spielen speist sich zunehmend aus Fehlplanungen. Der »Sicherheitsapparat« sieht in jedem Fan des größeren Vereins eine potentielle Gefahr, und gerade im Großraum Koblenz vermuten die Behörden, dass hinter jeder Weinrebe eine Horde motivierter Koblenzer die Zähne fletscht.

Polizei eskaliert

Spiele von Traditionsvereinen auf Dorfplätzen sind für die »Kleinen« zuweilen eine logistische Herausforderung, denn meist fehlt es den Plätzen an adäquaten Sicherungsmöglichkeiten. Auch die Polizei trägt ihren Teil zum Spektakel bei, indem sie Spielen ohne Brisanz zu hohe Auflagen zumutet. Die Offiziellen der kleinen Klubs, die oft keine Erfahrung mit »Risikospielen« haben, stimmen meist eifrig zu, wenn die Polizei mit dem Maßnahmenkatalog winkt. So dürfen die Fans von Eintracht Trier gespannt sein, welche Repressalien drohen, wenn der Traditionsklub beim TSV Emmelshausen antritt. Ob die Trierer den 2.000 Zuschauer fassenden Kunstrasenplatz in einem Stück zurücklassen werden? Vermutlich wartet bereits eine Hundertschaft, um jeden Schwerstkriminellen seiner gerechten Strafe zuzuführen.

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