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Aus: Ausgabe vom 22.09.2021, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Wer traut sich, an die Revolution zu glauben?

Bertolt Brechts »Die Mutter« am Berliner Ensemble
Von Kai Köhler
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Tot in den Armen der Mutter: Sophie Stockinger (als Sohn Pawel) und Constanze Becker

»Die Mutter« ist vermutlich Brechts wirkungsvollstes Agitationsstück. Uraufgeführt Anfang 1932, hatte es die erfolgreiche Revolution in Russland und eine starke kommunistische Bewegung in Deutschland zum gesellschaftlichen Fundament; und es war für eine Lage geschrieben, in der es täglich harte Auseinandersetzungen gab. Die Fabel, die Brecht Maxim Gorkis gleichnamigem Roman von 1907 entlehnte, ist holzschnittartig einfach. Im vorrevolutionären Russland missbilligt Pelagea Wlassowa die politischen Aktivitäten ihres Sohnes Pawel. Warum rennen zweifelhafte Gestalten gegen eine Ordnung an, die sich ohnehin nicht ändern lässt? Schritt für Schritt aber wird die Mutter in den Kampf hineingezogen und schließlich selbst zur politisch bewussten Aktivistin. Auch als Pawel getötet wird, lässt sie nicht ab von der Sache. Listig agitiert sie noch unter schwierigsten Bedingungen im Ersten Weltkrieg (hier schrieb Brecht Gorkis Handlung fort und führte sie näher an die Gegenwart). Am Ende steht revolutionärer Optimismus auch in schwieriger Lage: »Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen / Und aus Niemals wird: Heute noch!«

Wirkungsvoll ist das Stück, weil es kühle Analyse und emotionale Beteiligung verknüpft. Die Musik Hanns Eislers, die Sentimentalismen meidet und zugleich dramaturgisch genau Gefühlswerte trifft, ist davon nicht zu trennen. Wirkungsvoll ist das Werk auch, weil es in knappen Szenen gesellschaftlich begründete Haltungen und ihre Wandelbarkeit demonstriert. Es geht dabei nicht darum, mittels Moral die Ausbeuter zu überzeugen – die stehen ohnehin auf der anderen Seite. Vielmehr zeigt Brecht, wie widersprüchlich das moralisch wie materiell begründete Mitmachen ist. In den ersten Szenen nimmt er Pelagea Wlassowas Gründe durchaus ernst und versetzt sie in Situationen, in denen sie sich praktisch verhalten, also lernen muss. Im weiteren Verlauf wird wiederum die Mutter zur überzeugenden Revolutionärin, indem nun sie künftigen Mitkämpferinnen die Einsicht in ihre objektiven Interessen vermittelt: »Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?«

Damit sind Chancen und Schwierigkeiten einer Inszenierung im Jahr 2021 benannt. Brecht freute sich über sein Arbeiterpublikum, das im Gegensatz zu bürgerlicher Abwehr auf die »feinsten Wendungen des Dialogs« sofort reagierte. Heute aber dürften im Theater nur wenige sitzen, für die es um jede Kopeke geht. Freilich ist auch in wohlhabenderen Kreisen die Erkenntnis angekommen, dass ökonomische Krise, ökologischer Kollaps und möglicher Weltkrieg der eigenen bequemen Existenz ein jähes Ende bereiten können. Anders als vor zehn oder gar 20 Jahren ahnen auch viele, dass all diese Gefahren von einem System herrühren, das immer öfter sogar wieder als Kapitalismus bezeichnet wird. Aber dass aus einem »Niemals« ein »Heute noch!« werden kann, erwartet oder fürchtet wohl kaum mehr jemand.

Wie also mit der »Mutter« umgehen? Man liest erschrocken vor der Aufführung im Programmheft ein Pussy-Riot-Gedicht, das mit dem Ruf endet: »Zum Arsch mit Sexisten, den verfickten Putinisten!« Droht also die Darstellung einer westkonformen Revolte? Aber danach liest man eine solide Klassenanalyse des Politikwissenschaftlers Frank Deppe. In welchem Hirn geht das zusammen, wie bringt die Regisseurin Christina Tscharyiski das auf die Bühne? Dort erklärt zu Beginn Sophie Stockinger, die sich als Darstellerin des Pawel herausstellen wird, was nach Marx Ausbeutung ist: kein moralisch zu verurteilender Exzess, sondern jede kapitalistische Aneignung von Mehrwert. Es ist gut, dies so klar zu hören, aber ist es Theater? Noch mehrfach wird es an diesem Abend Aktualisierungen geben, auch zur Frage, was Kapitalismus im Digitalzeitalter ist. Dagegen kein Einwand: Stoffe auf die Gegenwart zu beziehen, ist ganz in Brechts Sinn. Brecht aber hätte die neueren Erkenntnisse, statt sie einfach vorzutragen, theatralisch verarbeitet.

Der Wortlaut des Stücks bleibt jedenfalls weitgehend unangetastet. Doch wuseln die Revolutionäre zuweilen als alberne Schar über die Bühne. Was sind wir doch ironisch! Und legt uns bitte auf keinen politischen Ernst fest! Zwischendurch muss Peter Moltzen, der davor einen revolutionären Arbeiter spielte, quälend lange in einer zuerfundenen, pseudo-improvisatorischen Szene herumwitzeln. Solchen Spielereien aber widerspricht das Gefühl – oder ist das die komplementäre Ergänzung? Manuel Poppes Band »Die Mutter« hat sich Eislers 90 Jahre alter, doch auch nach heutigen Maßstäben kratziger Musik nicht, wie behauptet, »behutsam angenähert«, sondern sie mit Ausnahme weniger Passagen ins Gefällige verwandelt. Constanze Becker spielt die Titelfigur episch distanziert – mit dem Tod des Sohnes aber übernimmt Josefin Platt mit einer emotionaleren Darstellungsweise die Rolle.

Das Regieteam scheint also der Sache einerseits nicht zu sehr zu trauen (darum die Distanz). Es scheint sich mit ihr zugleich allzu sehr zu identifizieren (darum ein stellenweise geradezu antibrechtsches Vertrauen in die Wirkung von Gefühlen). Das ästhetische Problem der Inszenierung ist eines der gesellschaftlichen Lage: die Notwendigkeit einer Revolution mindestens zu ahnen, ohne doch an ihre Umsetzung glauben zu können. An einzelnen Stellen ergibt das immerhin brauchbare Wirkungen. Im Schlusschor etwa sind die Besiegten, vielleicht die Sieger von morgen, so fahl beleuchtet, dass sie wie Gespenster aus der Vergangenheit wirken. Doch wo noch gleich hieß es, ein Gespenst gehe um in Europa?

Nächste Vorstellungen: 6., 7., 8.10.

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