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Aus: Ausgabe vom 22.09.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Nach der Machtübernahme der Taliban

Afghanistan fehlt Bargeld

Pakistan fordert USA auf, eingefrorene Vermögenswerte von Kabul freizugeben
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Immer wieder bilden sich lange Schlangen vor Bankhäusern, weil Menschen versuchen, an ihr Geld zu kommen (Kabul, 4.9.2021)

Afghanistan droht das Geld auszugehen. Laut mehreren Medienberichten könnten die Banken des Landes schon bald gezwungen sein, ihre Türen für Kunden zu schließen. Nun hat sich das benachbarte Pakistan eingeschaltet und den Westen aufgefordert, die wegen der Machtübernahme der Taliban Mitte August eingefrorenen Vermögenswerte des afghanischen Staates im Ausland freizugeben. »Auf der einen Seite sammelt man neue Gelder, um eine Krise abzuwenden, und auf der anderen Seite können sie (die afghanischen Regierenden, jW) das Geld, das ihnen gehört, nicht verwenden«, sagte der pakistanische Außenminister Schah Mahmud Kureschi am Montag (Ortszeit) vor Gesprächen über Afghanistan im Rahmen der UN-Generalversammlung.

Hintergrund ist, dass die USA 9,5 Milliarden Dollar (8,1 Milliarden Euro) an Guthaben der afghanischen Zentralbank eingefroren haben und gleichzeitig die UNO bei einer Geberkonferenz vor einer Woche mehr als eine Milliarde Euro an Nothilfen für Afghanistan eingeworben hatte. »Ich denke, dass das Einfrieren der Vermögenswerte der Situation nicht zuträglich ist«, sagte Kureschi weiter. »Ich möchte die Verantwortlichen dringend bitten, diese Politik zu überdenken und über eine Aufhebung des Einfrierens nachzudenken.« Dies wäre auch eine »vertrauensbildende Maßnahme« und könnte einen »Anreiz für positives Verhalten« der Taliban darstellen.

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte sich am Freitag für eine weitere internationale Geberkonferenz für Afghanistan ausgesprochen. »Es besteht die Gefahr, dass ein Mangel an Geld in der Staatskasse von Afghanistan diejenigen, die das Land heute kontrollieren, dazu ermutigen könnte, mit Drogen- und Waffenhandel Geld zu verdienen«, sagte er der Nachrichtenagentur TASS zufolge. Deshalb unterstütze Russland die Idee einer von der UNO organisierten Geberkonferenz. Putin sieht dabei vor allem die USA und andere westliche Länder in der Pflicht, »die für die gravierenden Folgen ihrer langjährigen Präsenz direkt verantwortlich sind«.

Kabul ist seit Jahren auf internationale Hilfen angewiesen. Nach UN-Angaben ist die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren in Afghanistan von Hunger bedroht, das Land leidet unter einer starken Dürre. Es wird nun befürchtet, dass das Fehlen von Bargeld die Kosten für Lebensmittel oder Strom in die Höhe treibt. Der Mangel an Devisen erschwert es zudem, die nötigen Importe zu finanzieren.

Da sich vor den Banken immer wieder lange Schlangen bilden, weil Menschen versuchen, an ihr Geld zu kommen, haben die Finanzhäuser ihre Angebote eingeschränkt und wöchentliche Auszahlungslimits von 200 Dollar verhängt. Trotzdem erklärte der amtierende Gouverneur der Zentralbank vergangene Woche, die Lage sei stabil. Er forderte die Bürger jedoch dringend auf, die Landeswährung zu verwenden. Um die Lage zu beruhigen, veröffentlichte die Behörde außerdem ein Foto von Bargeld, das angeblich zu den mehr als zwölf Millionen US-Dollar in Form von Bargeld und Goldbarren gehört, die bei ehemaligen Regierungsmitarbeitern sichergestellt worden sein sollen.

Die russische Botschaft in Kabul hatte vergangene Woche noch mitgeteilt, der gestürzte Präsident Aschraf Ghani sei mit großen Mengen an Bargeld aus dem Land geflohen. Ghani selbst bestreitet jedoch, Geld mitgenommen zu haben. (dpa/AFP/jW)

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  • Leserbrief von Dr. Volker Wirth aus Berlin (24. September 2021 um 12:32 Uhr)
    Dass einerseits mit großem Theater Geberkonferenzen für Afghanistan veranstaltet werden, andererseits aber der faktischen Regierung des Landes der Zugriff auf Vermögenswerte im Ausland bestritten wird, kennzeichnet wie in den Fällen Venezuela, Syrien oder Iran ja auch die unglaubliche westliche Heuchelei! Freunde, dann geht da etwas durcheinander: Wird das Bargeld knapp, dann sinken entweder die Preise auf den Märkten, oder das Angebot – wie das z. B. zeitweise in Venezuela manchmal der Fall war, wo die Obst- und Gemüsestände überquollen, aber kaum jemand kaufte – lässt sich ohne Nachfrage nicht realisieren. Mit den Kosten egal wofür hat das erst mal nix zu tun. Anscheinend werden aber – »ersatzweise« – auch US-Dollars akzeptiert, wie den Worten des amtierenden Gouverneurs der Zentralbank zu entnehmen ist. Damit haben die USA Afghanistan ja regelrecht überflutet – ohne real viel für den Auf- und Ausbau der Infrastruktur getan zu haben.
    Dass ehemalige Revierungsbeamte davon zwölf Millionen US-Dollar und Gold »beiseitegeschafft« haben, charakterisiert zwar die frühere »demokratische Regierung« unter Aschraf Ghani, ist aber auch nicht verwunderlich – und wieder ein anderes Thema.
    Kritisch sehen muss man die Agenturmeldung über die begrenzte Banknotenausgabe durch die Banken in Kabul etc. Von 900 Dollar monatlich (200 Dollar wöchentlich) müsste man – auch bei großen Familien – überleben können. Millionen haben diese Mittel nicht, haben gar keine Girokonten und leiden vor allem unter Hunger und Wassermangel, und Strom haben sie erst gar nicht. Da müssen wir uns die Sorgen des Kabuler Mittelstandes nicht zu eigen machen.

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