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Aus: Ausgabe vom 21.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

Ein neuer Aufbruch

Lob des Realismus: Zum Tod des Künstlers Ronald Paris
Von Peter Michel
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Er wird uns noch nützlich sein: Ronald Paris (1933–2021) bei einer Vernissage in der jW-Ladengalerie (11.10.2016)

Erst vor fünf Jahren übergab er sein Gemälde »Charons Boote im Mittelmeer« der Kunstsammlung der jungen Welt (siehe jW, 2./3. April 2016). Es hängt in den Redaktionsräumen und gemahnt – mit mythologischem Bezug – an das massenhafte Flüchtlingssterben, das bis heute nicht beendet ist. Nun ist der Maler, Zeichner und Graphiker Prof. Ronald Paris am Freitag, dem 17. September, im Alter von 88 Jahren in seinem Wohn- und Atelierhaus in Rangsdorf bei Berlin gestorben.

Er gehört zu den Künstlern, die das Erscheinungsbild der Kunst in der DDR maßgeblich prägten und auch in den »Nachwendejahren« in ihrer Haltung und künstlerischen Formensprache konsequente Realisten blieben. Es sind nicht mehr allzu viele; diese Generation verabschiedet sich nach und nach. Ronald Paris begriff seine Malerei und Zeichenkunst als moderne Form der Figuration, zugleich war er ein dialektischer Denker. Dieses Selbstbewusstsein half ihm auch, gerade in der Zeit der schlimmsten Nichtachtung dessen, was in der DDR entstand, sich selbst und anderen Mut zu machen. Realismus als wahrheitsgemäßes, ungeschöntes Bild der Wirklichkeit braucht eine entsprechende Gesinnung und die Beherrschung der künstlerischen Mittel. Das führte auch bei ihm dazu, dass unbequeme Wahrheiten auf die Malgründe gerieten, dass idealisierte Erwartungen nicht erfüllt wurden und Werke irgendwo in der Versenkung verschwanden. Sein wenig schmeichelhaftes Ernst-Busch-Porträt Anfang der 70er Jahre wurde bis heute nicht wiedergefunden. Auch nach 1989/90 trafen ihn Verdikte. Sein großformatiges, ganz und gar nicht einschichtiges Solidaritätsbild aus dem Palast der Republik, das heute wohl noch aktueller wäre als zur Zeit seiner Entstehung, wird zwar hin und wieder gezeigt, verschwand aber nach dem verbrecherischen Abriss dieses Volkshauses im Depot des Deutschen Historischen Museums. Sein Wandbild in Rostock-Evershagen ist nach wie vor gefährdet. Das Innenwandbild »Lob des Kommunismus« (nach Brecht) wurde gerettet und befindet sich nun im DDR-Museum Berlin.

Immer wieder – u. a. in seiner Antrittsvorlesung 1993 an der Kunstschule Burg Giebichenstein in Halle – wandte er sich gegen die vorherrschende Beliebigkeit in der Kunstszene und auf dem Kunstmarkt. Er mahnte ständig, nicht alles kritiklos zuzulassen, was sich auf Leinwänden gebärdet. Das sei ein völlig falsches Verständnis von Freiheit in der Kunst, und gerade Realisten, die der Gegenständlichkeit verpflichtet sind, seien mehr als andere zu hoher Sorgfalt und Verantwortung aufgefordert. Im Grunde ging es ihm um kunstgeschichtliche Kontinuität, um die Fortsetzung des Erbes großer Realisten, die mit ihrer Kunst nicht nur abbilden, sondern verändern und in diesen Anspruch auch das Publikum einbinden wollen.

Wir kannten uns seit der Mitte der 70er Jahre. Unsere Begegnungen waren zu Beginn vor allem durch unsere Tätigkeit im Künstlerverband (VBK-DDR) geprägt. Kennzeichnend für seine Arbeit als Vorsitzender der Bezirksverbände Rostock und Berlin war sein streitbares Bemühen um Toleranz und Ausgleich. Als viermal gewählter Präsident der »Intergrafik« – eine vom Verband Bildender Künstler der DDR initiierte Triennale bzw. Quadriennale engagierter Grafik aus der ganzen Welt, die von 1965 bis 1990 in Berlin stattfand – setzte er Weltoffenheit durch. Oft reiste er, verarbeitete seine Eindrücke und Erfahrungen in Bildern, setzte sich bildnerisch mit Literatur auseinander und arbeitete fürs Theater. Er stellte in der Berliner Galerie der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde (GBM) und im Schleswig-Holstein-Haus in Schwerin aus. Seine Schau in der Evangelischen Akademie Meißen konnte ich eröffnen. Zahlreiche weitere Ausstellungen folgten, im Schloss Berlin-Biesdorf, Kunstparkhaus Strausberg, Potsdam-Museum und andernorts. 2013 erhielt er für sein Lebenswerk den Ehrenpreis des Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg, aus diesem Anlass trug er eine bewegende Rede gegen die Sinnlosigkeit des Tötens vor.

Erst vor wenigen Wochen, am 7. August 2021, sprach er, schon von der Krankheit gezeichnet, noch Worte zur Eröffnung seiner letzten Ausstellung maritimer Landschaften in der Kunstscheune Barnstorf bei Wustrow. Seine Frau Isolde, die ihn mehr als 20 Jahre begleitete, hatte dafür gesorgt, dass er auch diese letzte Gelegenheit wahrnehmen konnte.

Ronald Paris hinterlässt ein umfangreiches künstlerisches Œuvre, das auch in Zukunft neben seinen erhaltenen Werken im öffentlichen Raum (auch dank einer Stiftung) zugänglich sein wird. Befragt nach seiner Zukunftsvision, antwortete er in einem Interview: »… ein neuer Aufbruch kommt bestimmt. Alle Verhältnisse sind nur Verhältnisse. Sie sind von Menschen gemacht und können von Menschen verändert werden. Ich glaube daran, dass die Welt freundlicher gestaltet werden kann. Und ich denke, unsere Erfahrungen und Enttäuschungen könnten noch nützlich sein.«

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