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Aus: Ausgabe vom 22.09.2021, Seite 15 / Antifa
Faschismus im Kino

Aufstand von rechts

Der deutsche Spielfilm »Je suis Karl« spielt das Szenario einer faschistischen »Revolution« durch
Von Hannes Klug
Karl als Redner bei der Sommerakademie
Karl als Redner bei der Sommerakademie

Am Anfang steht die Angst. Sie ist das Grundmotiv dieses Films: Angst vor der Zukunft, Angst vor Terror. Doch dieses latente Gefühl wird schnell kanalisiert, als eine Bombe ein Berliner Wohnhaus in die Luft sprengt und Islamisten für den Anschlag verantwortlich gemacht werden (Spoiler: Es waren Provokateure). Drei von fünf Mitgliedern der Familie Baier kommen dabei ums Leben, nur die Tochter Maxi (Luna Wedler) und der Vater (Milan Peschel) überleben. Maxi, im Grunde eine weltoffene junge Frau, kommt mit dem Verlust nicht zurecht. Über eine Straßenbekanntschaft, die nicht so zufällig ist, wie sie zunächst scheint, schließt sie sich einer rechtsradikalen Bewegung an, die in Prag eine »Sommerakademie« durchführt – mit dem Ziel, die Jugend Europas zu einem faschistischen Aufstand anzustacheln.

Maxi wird rasch zum Postergirl der von weißer Vorherrschaft, »kranker Umvolkung« und Fremdenhass flunkernden selbststilisierten »Widerstandsbewegung«. Anhand ihrer Liebe zu dem raffinierten Aufputscher Karl (Jannis Niewöhner) soll hier plausibel erzählt werden, wie aus persönlichem Trauma eine verhängnisvolle politische Gesinnung erwächst, der keine humanistische Erziehung und kein kosmopolitisches Denken Einhalt gebieten können. Die Frage, wie glaubwürdig dieses Szenario tatsächlich ist, sollte man vielleicht zunächst gnädig hintanstellen, versucht der Film sich doch im Ausbuchstabieren eines bedrohlichen, aber keinesfalls abwegigen Szenarios.

Wie ein hinterhältig inszeniertes Attentat politisches Unheil anrichten kann, hat etwa »The Manchurian Candidate« (1962/Remake 2004) auf beklemmende Art vorgeführt, und wie sich eine faschistische Bedrohung auf hypothetischer Grundlage ebenso realistisch wie bedrückend erzählen lässt, zeigt die TV-Miniserie »The Plot against America« (2020). Würde sich Maxi nicht blauäugig und völlig unkritisch in plakative Rhetorik verstricken, sondern setzte an irgendeiner Stelle ihr Kritikvermögen ein, wäre aus diesem Stoff möglicherweise ein packender Thriller geworden, der eine messerscharfe Analyse gegenwärtiger Bedrohungen des demokratischen Politikmodells und damit hellsichtige Zeitdiagnostik betriebe.

Klar, einerseits wollen Drehbuchautor Thomas Wendrich und Regisseur Christian Schwochow zeigen, wie verführerisch rechte Demagogen argumentieren, andererseits will man sich deren Parolen aber nicht zu eigen machen und sie daher womöglich als in jeder Hinsicht unzulänglich entlarven. Sich jedoch dadurch aus der Affäre zu ziehen, dass der Film halbgare Sätze aus mehr oder minder inhaltsleeren Versatzstücken generiert, ist keine taugliche Lösung, wenn man erzählen will, wie eine intelligente, weitgereiste Frau aus alternativem Milieu sich nicht nur vereinnahmen, sondern auch rückhaltlos für faschistische Ziele instrumentalisieren lässt. Ohne ein Erkenntnismoment zu erleben, schwimmt Maxi wie umnebelt mit den schwarz behemdeten Aufrührern mit, bis ein inszeniertes Attentat tatsächlich den koordinierten Aufstand der »jungen Generation« auslöst, von Mailand bis Warschau und von Stockholm bis Berlin.

»Je suis Karl« ist die Formel derer, die sich hier mit dem Opfer eines politischen Mordes solidarisieren, wie es seit »Je suis Charlie« nach dem Angriff auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris üblich geworden ist. Was also, wenn das weltweite Mitgefühl in Rage umgeleitet wird? Allerdings haben junge politische Bewegungen mittlerweile horizontale Umgangsformen etabliert, die mitnichten darin bestehen, im Größenwahn delirierenden jungen Männern zuzuhören, die auf der Bühne die Faust zum Himmel recken. Der Film scheitert an seiner sperrigen Thesenhaftigkeit, aber bei aller Gegenwartsversessenheit auch an einem abgehalfterten Diskursverständnis, das den Figuren nie gestattet, sich aus den Fesseln ständigen Beweisdrucks zu befreien, der die Gehirnwäsche einer jungen, rechtsgerichteten Massenbewegung nachvollziehbar machen soll. Das ist vor allem für Luna Wedler in der Hauptrolle schade, deren Leistung einen besseren Film verdient gehabt hätte.

»Je suis Karl«, Regie: Christian Schwochow, BRD/Tschechien 2021, 126 Minuten, Kinostart: bereits angelaufen

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